Emanuela Orlandi 15-Jährige soll nach Sexpartys im Vatikan getötet worden sein

Vor fast 30 Jahren verschwand Emanuela Orlandi spurlos aus dem Vatikan. Jetzt berichtet der Chef-Exorzist der katholischen Kirche, die junge Frau sei von Gendarmen der Vatikan-Polizei für Sexpartys vermittelt und später ermordet worden.

Katholischer Chef-Exorzist Gabriele Amorth: "Nie an die internationale Spur geglaubt"
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Katholischer Chef-Exorzist Gabriele Amorth: "Nie an die internationale Spur geglaubt"


Hamburg - "Es ist ein Verbrechen mit sexuellem Hintergrund", da ist sich Gabriele Amorth sicher. Als "globales Oberhaupt der Exorzisten" in der katholischen Kirche genießt der greise Priester das Vertrauen von Papst Benedikt XVI. und rühmt sich, mindestens 70.000 erfolgreiche Teufelsaustreibungen vorgenommen zu haben. Der italienischen Tageszeitung "La Stampa" erzählte er seine Version des rätselhaften Verschwindens der damals 15-jährigen Emanuela Orlandi.

Das im Vatikan lebende Mädchen hatte am 22. Juni 1983 wie gewohnt ihre Musikschule besucht und war dann spurlos verschwunden. Ihr Vater war Ercole Orlandi, Hofdiener von Johannes Paul II. Der Papst selbst appellierte damals an mögliche Entführer, das Kind freizugeben - vergeblich. Seitdem kursieren zahlreiche Mythen und Hypothesen um den ungelösten Fall.

Erst vor kurzem hatte man das Grab des römischen Mafioso Enrico De Pedis in der Basilika Sant'Appolinare ausgehoben. Zeugen hatten zuvor angedeutet, die berüchtigte Magliana-Bande sei in den Fall verwickelt, habe das Mädchen getötet und ihre Leiche in einer Betonmischmaschine entsorgt. Beweise dafür gibt es nicht.

"Ich glaube, dass man innerhalb des Vatikans suchen muss"

Chef-Exorzist Amorth berief sich nun auf einen namhaften Archivar, der behauptet, im Kirchenstaat habe es fragwürdige Feste gegeben, an denen auch ein Gendarm der Vatikanpolizei als "Mädchen-Rekrutierer" beteiligt gewesen sei. "Ich gehe davon aus, dass Emanuela in diesem Umfeld gelandet ist", sagte Amorth. "Zu diesem Kreis gehörten auch Diplomaten einer ausländischen Vertretung im Vatikan."

"Ich habe nie an die internationale Spur geglaubt", so der Priester weiter. Er habe Grund zu der Annahme, dass es sich um einen Fall sexueller Ausbeutung mit anschließendem Mord handele. Die Leiche habe man entsorgt.

Schon in seinem Buch "Der letzte Exorzist", das im Januar herauskam, hatte Amorth bezweifelt, dass Orlandi nach dem Flötenunterricht zu einem Unbekannten ins Auto gestiegen sein könnte, wie es kolportiert worden war. Nur jemand, den das Mädchen gut kannte, hätte sie dazu bringen könne: "Ich glaube, dass man innerhalb und nicht außerhalb des Vatikans suchen muss", so der Priester.

Jahre nach dem Verschwinden ermittelt die Polizei weiter

Amorths Hypothesen stimmen mit dem Inhalt eines anonymen Briefs überein, den Orlandis Mutter erhielt. Darin ist die Rede von einer "Falle", die dem Mädchen in der Sakristei der Kirche Sant'Apollinare gestellt worden sei.

Der damalige Pfarrer der Basilika, Monsignor Pietro Vergari, hatte sich einst dafür ausgesprochen, den verdächtigen Mafioso Enrico De Pedis in der Vatikan-Kirche bestatten zu lassen, und ihn als "Wohltäter" bezeichnet. Die staatlichen Ermittler glauben, dass er eine Rolle bei der Entführung gespielt haben könnte. Er selbst hat das stets von sich gewiesen: "Ich bin ganz ruhig, ich habe nichts zu verbergen."

Bei der Exhumierung der Mafioso-Grabes vor einer Woche hatte die Polizei wider Erwarten keine Mädchenleiche gefunden - allerdings jede Menge einzelner Menschenknochen. Diese werden jetzt in einem Mailänder Labor untersucht und mit der DNA von Orlandi und einem weiteren Mädchen verglichen, das ebenfalls vor 29 Jahren in Rom verschwand. "Sie ermitteln weiter, aber ich sehe nicht, was sie da noch finden könnten", sagte Vergari. Der Geistliche gilt neben vier weiteren Personen als tatverdächtig und wird in Kürze von der Staatsanwaltschaft angehört werden.

Der Bruder des Mädchens, Pietro Orlandi, sagte, die Leiterin der Musikschule habe ihre Mädchen stets davor gewarnt, sich Vergari zu nähern: "Suor Dolores ließ sie nicht zur Messe oder zum Singen in die Kirche Sant'Apollinare gehen (…) weil sie eine schlechte Meinung von Monsignor Vergari hatte und ihm misstraute."

ala



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