Interview mit Gina-Lisa Lohfink "Muss ich erst umgebracht werden?"

Gina-Lisa Lohfink behauptet, sie sei von zwei Männern vergewaltigt worden. Die Staatsanwaltschaft glaubt ihr nicht. Nun erfährt die 29-Jährige eine Welle der Solidarität im Netz - und attackiert die Justiz.

Gina-Lisa Lohfink vor Gericht
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Gina-Lisa Lohfink vor Gericht

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Es ist Samstag, der 2. Juni 2012, ein Klub in Berlin. Der Abend bricht an, und Gina-Lisa Lohfink will Spaß haben, feiern, trinken, flirten. Das TV-Sternchen von "Germany's Next Topmodel" hat im Tross zwei junge Männer: Pardis F. und Sebastian C.

Mit Pardis F. hat Lohfink am Abend zuvor geschlafen, kurz nachdem man sich kennenlernte. Nun fließt reichlich Alkohol, Champagner, Wodka-Redbull, das gibt Lohfink später zu Protokoll.

Irgendwann, sagt die 29-Jährige heute, setzen ihre Erinnerungen aus. Filmriss. Was bleibt von den folgenden Stunden, sind mehrere Videos. Die beiden Männer drehen sie mit dem Handy und veröffentlichen einige rasch im Internet. Zu sehen sind alle drei beim Sex. Lohfink wirkt dabei phasenweise teilnahmslos und apathisch. Mehrfach sagt sie: "Hör auf" und "Nein, nein, nein".

Eine Vergewaltigung, sagen viele, die sich diese Filmsequenzen ansehen. Der damalige Anwalt von Lohfink erstattet deswegen Mitte Juni 2012 Strafanzeige. Lohfink sagt, sie könne sich die Szenen nur damit erklären, dass man ihr K.-o.-Tropfen verabreicht habe.

Die zuständige Staatsanwältin in Berlin sieht keine Vergewaltigung. Sie beantragt gegen Lohfink einen Strafbefehl. Die Beschuldigte soll 24.000 Euro zahlen, weil sie die beiden Männer zu Unrecht verdächtigt habe.

Lohfink lehnt das ab, nun muss das Amtsgericht Berlin-Tiergarten ein Urteil fällen, voraussichtlich am 27. Juni. Seit dem ersten Prozesstag vor wenigen Tagen rollt eine Welle der Empörung durch das Netz, es ist ein Aufschrei gegen Verharmlosung von sexueller Gewalt gegen Frauen.

"Es kann nicht sein", sagt Lohfinks Anwalt Burkhard Benecken aus Marl, "dass meine Mandantin von der Justiz in eine Schublade gesteckt wird." Offenbar gelte das Motto: "Kurzer Rock, große Brüste - die taugt nicht als Vergewaltigungsopfer."

Macht die Justiz hier ein Opfer zur Täterin? Als SPIEGEL ONLINE Lohfink am Freitag vom Büro ihres Anwalts aus am Telefon erreicht, kommt sie gerade vom Einkaufen - und klingt zu Beginn des Gesprächs durchaus gut gelaunt. Doch der freudige Tonfall schwindet bald.

SPIEGEL ONLINE: Viele Menschen machen Ihnen Mut. Wie erleben Sie diese Welle der Solidarität?

Lohfink: Was da im Internet abgeht, ist unglaublich. Es rührt mich sehr, dass sich so viele Leute hinter mich stellen. Sogar A-Promis, Feministinnen, Menschen, die mich früher nie ernst genommen haben.

SPIEGEL ONLINE: Warum gerade jetzt?

Lohfink: Ich trage das ja schon vier Jahre mit mir herum. Aber ich kann das nicht mehr in mich reinfressen. Was mir angetan wurde, wird nie verheilen. Ich will, dass die Menschen das wissen und dass unsere Gesellschaft daraus lernt.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Lohfink: In unserem Rechtssystem läuft doch etwas falsch. Ich fühle mich überhaupt nicht mehr sicher in Deutschland. Wenn ich noch mal vergewaltigt werde, gehe ich sicher nicht zur Polizei. Vor Gericht Anfang Juni haben mich drei junge Männer wüst beschimpft. Die Richterin sagte nur, sie könne nichts machen. Die Männer kamen einfach so davon. Erst macht man mich vom Opfer zur Täterin, und dann so was. Muss ich erst umgebracht werden? Rafft die Justiz es dann erst?

SPIEGEL ONLINE: Sie behaupten, man habe Ihnen K.-o.-Tropfen eingeflößt. Ein renommierter Gutachter kommt in einer Expertise für die Staatsanwaltschaft zum gegenteiligen Schluss. Wie erklären Sie sich das?

Lohfink: Ich bin vergewaltigt worden. Punkt. Und ich habe gesagt, ich fühlte mich, als ich wieder zu mir kam, wie nach K.-o.-Tropfen. Mir sind früher bereits zweimal solche Tropfen gegeben worden. Ich weiß, wovon ich spreche. Sie hören doch, dass ich in den Videos mehrfach sage: "Hör auf". Eindeutiger geht es nicht. Jeden Tag beschäftigt mich das, ich war zeitweise in psychologischer Behandlung.

Es steht Aussage gegen Aussage. Christian Gerlach, Anwalt der beiden jungen Männer, weist sämtliche Vorwürfe scharf zurück. "Der Geschlechtsverkehr war komplett einvernehmlich", so Gerlach zu SPIEGEL ONLINE. Lohfink habe den Sex "mit zwei attraktiven, gut gebauten jungen Männern" gleichzeitig "sichtlich genossen" - enthemmt durch "reichlich genossenen Alkohol".

"Als Frau Lohfink in den Filmsequenzen 'Hör auf' sagt, bezieht sich das ganz offensichtlich auf das Filmen, nicht auf den Geschlechtsverkehr."

Was zurzeit über seine Mandanten verbreitet werde, seien "überwiegend ehrverletzende Lügen", so Gerlach. Man prüfe "alle zivilrechtlichen und strafrechtlichen Schritte, darunter auch Schadensersatzansprüche, gegen Frau Lohfink und ihr Umfeld".

Wer sagt die Wahrheit, wer lügt? Immerhin haben die beiden Männer die Videos verbreitet. Sie haben sie Redaktionen angeboten, für 100.000 Euro. Für das Verbreiten beantragte die Staatsanwaltschaft Strafbefehle gegen die beiden Männer. Der Strafbefehl gegen Pardis F. lautet auf 1350 Euro - das ist weniger als ein Zehntel der Summe, die Lohfink zahlen soll.

Lohfink will kämpfen, das bekräftigt sie am Telefon.

SPIEGEL ONLINE: Wenn das Gericht Sie verurteilt - werden Sie die 24.000 Euro zahlen?

Lohfink: Ich schließe aus, dass ich das Geld bezahle. Wir werden zur Not durch alle Instanzen gehen, nach dem Amtsgericht kämen dann das Landgericht und das Oberlandesgericht. Eher spende ich das Geld an bedürftige Menschen und gehe in den Knast.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie erreichen?

Lohfink: Ich sehe mich schon als Vorkämpferin. Die Politiker müssen endlich aufwachen. Justizminister Heiko Maas will zwar die Vergewaltigungsparagrafen ein bisschen verschärfen, aber das reicht nicht. Weiß der überhaupt, was in deutschen Gerichtssälen passiert? Wie Richter mit Frauen umgehen, die eine Vergewaltigung anzeigen? Im Gesetz muss klipp und klar stehen: Wenn ein Mann sich über das Nein einer Frau hinwegsetzt, dann ist der Sex eine Vergewaltigung.

SPIEGEL ONLINE: Schon mal daran gedacht, selbst in die Politik zu gehen?

Lohfink: Das wäre was, aber ernsthaft habe ich darüber nicht nachgedacht. Stattdessen werde ich in den nächsten Wochen gemeinsam mit meinen Anwälten einen gemeinnützigen Verein gründen: "Women are strong". Wir wollen Frauen helfen, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind oder in Gefahr. Wir wollen eine kostenlose Erstberatung anbieten, mit Psychologen, Sozialarbeitern und geschulten Anwälten. Ich werde Spenden sammeln.



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