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Fall Josef Fritzl: "Ich hab' es eigentlich gut gemeint"

Aus Amstetten berichtet

Chauvinist, sexbesessener Despot, eitler Pfau: Immer mehr Details aus dem perversen Doppelleben des Josef Fritzl dringen an die Öffentlichkeit. Erstmals spricht die Tante des Opfers über den Mann, der seine Tochter 24 Jahre wie ein Tier in einem Kellerverlies hielt.

Amstetten - Die Jahre der Gefangenschaft und der seelischen wie körperlichen Folter haben bei Elisabeth Fritzl tiefe Spuren hinterlassen. "Sie machte bei ihrer Befragung einen äußerst verstörten psychischen Eindruck", beschreibt ein Ermittler die junge, aschfahle Frau, die heute aussieht wie eine Mittsechzigerin und deren Zähne teilweise verfault sind. Erst nachdem ihr die Beamten versprachen, dass sie ihren Vater nie wieder sehen muss und für ihre Kinder gesorgt werde, erzählte Elisabeth Fritzl von ihrem jahrzehntelangen Leben im Keller.

"Ich weiß nicht, warum sich mein Vater mich ausgesucht hat", soll sie gesagt haben. Seit sie elf Jahre alt sei, habe er sie immer wieder sexuell missbraucht. In ihrem Elternhaus, im Keller, im Auto. Bis er sie in der Nacht zum 29. August 1984 in den Keller lockte. In den folgenden 24 Jahren sei er immer wieder über sie hergefallen. Ob die Kinder, die sie ohne ärztliche Unterstützung, vielleicht sogar ganz allein unter Tage gebar, den Missbrauch miterlebten - die Öffentlichkeit soll es nicht erfahren.

Ihre eigene Mutter, Rosemarie Fritzl, habe von der Gefangenschaft nichts gewusst und damit auch nichts zu tun, gab Elisabeth Fritzl zu Protokoll. Was unglaubwürdig klingt, scheint jedoch die traurige Wahrheit zu sein: Rosemarie Fritzls devoter Charakter, ihr vorauseilender Gehorsam gegenüber dem tyrannischen Ehemann und ihre bedingungslose Unterwürfigkeit ebneten seiner Perversität den Weg.

Das bestätigt auch Elisabeths Tante. "Als die Rosemarie den Sepp geheiratet hat, war sie 17. Sie hat keinen Beruf erlernt, war ihm immer ausgeliefert – und er hat das 51 Jahre lang ausgenützt", sagte Christine R. der Zeitung "Österreich". Josef Fritzl sei ein "Despot". "Er hat die Kinder gedrillt. Wenn er das Zimmer betreten hat, waren alle sofort still – auch wenn sie vorher gespielt hatten. Man hat die ständige Angst vor Strafen gespürt. Die einzige Chance für die Kinder, diesem Klima zu entkommen, war zu heiraten. Und das haben auch alle gemacht, sobald sie alt genug waren."

"Der Sepp ist so eitel, dass er sich Haare implantieren ließ"

Die sechs erwachsenen Kinder sind heute zwischen 50 und 30 Jahren alt, leben mit ihren Familien in Amstetten und Umgebung. "Gegen sie gibt es keinerlei Verdachtsmomente, an der Tat beteiligt oder eingeweiht gewesen zu sein. Sie haben mit diesem Verbrechen nichts zu tun", sagt der Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich, Franz Polzer.

Beim jährlichen Familientreffen kam es meist zum Showdown zwischen dem selbstsicheren Josef Fritzl und seiner Schwägerin Christine. Er habe sie wegen ihrer Figur gehänselt, sagte die 59-Jährige der Zeitung "Österreich". "Besser dick als eine Glatze", habe sie ihm entgegnet und behauptet: "Der Sepp ist so eitel, dass er nach Wien fuhr und sich Haare implantieren ließ."

Ebenso ein Thema bei Familienfeiern: Fritzls Chauvinismus. Er habe konsequent seine Frau "runtergeputzt", und "über derbe Sexwitze hat er am lautesten gelacht." Dabei hätten "alle gewusst, dass die beiden seit Jahren keinen Sex mehr hatten". Dass er sein nach Polizeiangaben "übersteigertes Sexualbedürfnis" auf perfide, abscheuungswürdige Weise im hauseigenen Keller auslebte - dazu an seiner eigenen Tochter -, das ahnte auf den jährlichen Familienfesten niemand.

Dabei gab es Anzeichen, die stutzig hätten machen müssen, aber ohne Konsequenzen blieben. "Jeden Tag um neun Uhr in der Früh ging der Sepp in den Keller. Angeblich, um Maschinenpläne zu zeichnen, die er an Firmen verkauft hat. Oft ist er sogar über Nacht da unten geblieben. Rosi durfte ihm nicht einmal einen Kaffee bringen", erinnert sich Christine R.

Josef Fritzl: "Ich hab' es eigentlich gut gemeint"

Dass Fritzl selbst seine Tat in völlig anderer Dimension begreift, belegt sein karges, nüchternes Geständnis. "Ich sorgte immer gut für alle", soll der 73-jährige zu Protokoll gegeben haben. "Ich hab' es eigentlich gut gemeint."

Er habe seine Tochter vor "Drogen schützen" wollen, sagte er aus. "Sie war ein schwieriges Kind." Das verschachtelte Verlies, der Missbrauch und die Schwangerschaften hätten sich "mit der Zeit ergeben". Ja, er habe Sex mit seiner Tochter gehabt. Aber sie doch nicht monatelang gefesselt und wie ein Tier gehalten.

Elisabeth hatte schon vor ihrer Gefangenschaft versucht zu fliehen - vergeblich. Mit 16 Jahren begann sie, als Kellnerin einer Raststätte in Oberösterreich zu arbeiten, lebte mit anderen Lehrlingen in einem Wohnheim. Josef Fritzl ersparte ihr jedoch nichts. Nach Vermutungen der Ermittler soll er sie an ihrer Arbeitsstelle oder am Lehrlingshaus abgepasst und gezwungen haben, an den Wochenenden nach Hause zu kommen - um seine perversen Wünsche zu erfüllen.

In der Nacht zum 29. August 1984 soll Fritzl die schlafende Elisabeth geweckt und sie in den Keller gezerrt haben. Zunächst verging er sich wie so oft an ihr, dann betäubte er sie mit Äther und kettete sie mit Handschellen an eine Eisenstange.

Inwieweit das Verlies damals ausgebaut war, steht noch nicht fest. Nur, dass Elisabeths Hilferufe schon damals nicht nach außen drangen. Hilflos war sie ihrem sexsüchtigen Vater ausgeliefert. Tagelang soll sie gefesselt in der Dunkelheit ausgeharrt haben. Der Beginn eines menschenunwürdigen Lebens in Gefangenschaft, in dessen Verlauf sie sieben Kinder zur Welt brachte.

Welches Kind im Verlies dahinvegetieren musste und welches in seinem Haus aufwachsen durfte, entschied Josef Fritzl eigenmächtig. Im Verhör soll er gesagt haben, die Auswahl sei davon abhängig gewesen, in welchem Gesundheitszustand sich die Kleinen befanden und ob sie "Schreikinder" waren. "Die haben mir manchmal unten im Keller zu viel geschrien."

Damit kein Laut an die Außenwelt dringen konnte, verkleidete Fritzl - den ein Bekannter als "begnadeten Handwerker" beschrieb - die Wände des Verlieses mit Dämmmaterial. "Wir haben unglaubliche Lärm-Tests im Keller gemacht", sagte der Franz Polzer, Chef des niederösterreichischen LKA. "Das Verlies war so isoliert - da drang kein Laut nach außen."

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Inszestfall Amstetten: Die Verbrechen des Josef F.
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Innenansichten: Das Verlies von Amstetten


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