Fall Kevin Chronik eines vermeidbaren Todes

Alle Verantwortlichen in Bremen kannten den Fall Kevin: das Jugendamt, das Amt für Soziale Dienste, ein Kinderheim, auch die Politik. Und alle mussten wissen, wie gefährlich vor allem der Vater für den Jungen war. Trotzdem wurde er seinem Schicksal in der Familie überlassen - bis zum Ende.

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Bremen - Vor der Haustür in der Kulmer Straße liegt kein Blumenmeer. Zu dem Ort, an dem Kevin qualvoll starb, pilgern keine Menschenmassen, um Kerzen aufzustellen. Nur ein paar Blumen, ein Stofftier, ein Andachtslicht, das ist alles. Hier in Bremen-Gröpelingen haben die Leute selbst große Probleme. Das Viertel gilt als sozialer Brennpunkt. Die Nachbarn wollen Kevins Eltern oft streiten gehört haben. Sie sollen im Drogenrausch aufeinander losgegangen sein. Kevins Vater Bernd K. gilt als gewalttätig. Der 41-Jährige ist mehrfach wegen Körperverletzung vorbestraft, sitzt jetzt in Untersuchungshaft und schweigt zum Tode seines Sohnes.

Kevins Wohnhaus im Bremer Brennpunkt-Stadtviertel Gröpelingen: Nur ein paar Blumen, ein Stofftier, ein Andachtslicht
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Kevins Wohnhaus im Bremer Brennpunkt-Stadtviertel Gröpelingen: Nur ein paar Blumen, ein Stofftier, ein Andachtslicht

Keiner hat beherzt eingegriffen, keiner hat Kevins Tod verhindert - dabei war sein Leben ein Drama. Die ganzen zweieinhalb Jahre seit seiner Geburt. Der Leiter des Kinderheimes, in dem Kevin zweimal kurz untergebracht war, erhebt schwere Vorwürfe gegen das Amt für Soziale Dienste. Die Behörde habe den Jungen dem Vater überlassen. Trotz ausdrücklicher Warnung.

Kevins Leben beginnt schon traurig, bevor er auf der Welt ist: Seine Eltern sind drogensüchtig. Im Januar 2004 wird der Junge im Klinikum Bremen-Nord geboren. Kevin ist ein Frühchen. Mit seiner Mutter muss er nach der Geburt monatelang eine Entgiftungstherapie durchmachen.

Schon im August 2004 gibt es erste Hinweise, dass Kevin zu Hause misshandelt wird. Die Polizei greift die drogenabhängige Mutter mit ihrem Baby auf. Kevin wird kurz darauf in die Professor-Hess-Kinderklinik eingewiesen: Seine Knochen sind an mehreren Stellen gebrochen, er wiegt gerade mal 7,5 Kilo. Mit zehn Monaten wird er vorübergehend im Hermann-Hildebrand-Haus untergebracht, einem Kinderheim im noblen Bremer Stadtteil Oberneuland. Sozialsenatorin Karin Röpke und der Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen sind Mitglied des Trägervereins. Kevin scheint in Sicherheit.

Sechs Wochen lang bleibt er dort. Seine Wunden heilen, er wird aufgepäppelt. Ein Familienkrisen-Dienst der privaten Hans-Wendt-Stiftung setzt sich mehrmals zusammen und berät über das Schicksal des Jungen. Sie fällen eine fatale Entscheidung: Kevins Eltern erfüllten die notwendigen "Erziehungskompetenzen". Der kleine Junge wird an seine leiblichen Eltern übergeben.

Zu dritt in die Eltern-und-Kind-Therapie

Im Februar 2005 diagnostiziert ein Kinderarzt, dass Kevin rapide abgenommen hat. Im März 2005 stellt das Jugendamt dagegen die Prognose: Kevin gehe es gut. Seine Mutter ist zum zweiten Mal schwanger. Im Mai 2005 stirbt das Baby im Mutterleib. Die Frau muss es tot gebären.

Die Polizei berichtet von Auffälligkeiten, alarmiert die Behörden. Bei einem Hausbesuch im Juli 2005 stellen Mitarbeiter des Amtes für Soziale Dienste jedoch keine Mängel bei der Versorgung des Jungen fest. Im August 2005 muss Kevins Mutter erneut zur Entgiftung in eine Klinik. Dieses Mal kommt auch der Vater mit. Zu dritt absolviert die Familie eine Eltern-und-Kind-Therapie in Heiligenhafen an der Ostsee. Im Rahmen eines Angebots zur Frühförderung kommt Kevin in eine Kindergruppe. Seine Mutter besucht eine Elternschule.

Am 12. November kommt die Frau plötzlich ums Leben. Der Notarzt schließt Fremdverschulden nicht aus. Gegen Kevins Vater läuft seither ein Ermittlungsverfahren. Er wird vorerst in eine psychiatrische Klinik zwangseingewiesen. Im Anschluss macht er eine Methadon-Therapie.

Das Kinderheim schlägt Alarm

Kevin kommt in dieser Zeit erneut ins Hermann-Hildebrand-Kinderheim. Es gibt Bürgermeister Böhrnsen zufolge ausreichend Hinweise dafür, dass das Kind zu Hause "eine Last war und missbraucht wurde". Er habe den Fall persönlich an die Sozialsenatorin weitergegeben. Das Bremer Jugendamt übernimmt die Vormundschaft für Kevin und trägt damit die volle Verantwortung für das Kind. Weil die Behörden dem Vater "eine günstige Sozialprognose" stellen, soll Kevin wieder zum Vater kommen - trotz dessen Methadon-Programm und dessen Vorstrafen wegen Körperverletzung.

Die Mitarbeiter des Hermann-Hildebrand-Hauses raten eindringlich davon ab: Kevin sei schwächer und viel kleiner als die anderen Kinder. Er hat in dem Jahr zu Hause gerade mal 500 Gramm zugenommen. Noch immer leide er an alten Knochenbrüchen. Sein kleiner Körper trage Spuren übler Misshandlungen. Für das Kind sei die Situation bedrohlich gewesen, sagt der Heimleiter. Auch seine motorische und sprachliche Entwicklung habe Sorge bereitet.

Der Heimleiter erstellt daraufhin einen Maßnahmenkatalog, um zu prüfen, was mit dem Jungen los ist. Das Heim habe dem Amt für Soziale Dienste mündlich und schriftlich mitgeteilt, dass es den Jungen in der Einrichtung behalten möchte. Doch von der Behörde kam niemand vorbei, um sich das Kind anzusehen.

Von Ermittlungen gegen den Vater nichts gewusst?

Eine Woche später entscheidet das Amt für Soziale Dienste dennoch, Kevin erneut in die Obhut seines Vaters zu geben, sobald dieser aus der Psychiatrie entlassen wird. Als der Vater den Jungen nach zwei Wochen im Heim abholt, habe der Mann "einen beeinträchtigten Eindruck" gemacht. In Sorge um den Jungen wendet sich der Leiter des Heimes an den Bremer Bürgermeister, der auch sofort reagiert habe.

Rückblickend sei es "unglaublich", dass es beim Amt für Soziale Dienste auf Nachfragen immer wieder geheißen habe, alles sei in Ordnung - obwohl seit April gar kein Kontakt mehr zu dem Jungen bestand, sagt der Heimleiter.

Die gestern zurückgetretene Senatorin Karin Röpke und der Leiter des Bremer Jugendamtes, Jürgen Hartwig, beteuerten, weder vom Ermittlungsverfahren gegen den Vater wegen des Todes der Mutter gewusst zu haben noch von seinen Vorstrafen wegen diverser Gewaltdelikte.

Wie über Kevins Schicksal abgestimmt wurde

Im Januar 2006 meldet sich eine besorgte Bewährungshelferin: Kevins Vater sei nicht in der Lage, den Jungen alleine zu versorgen oder zu erziehen. Die Frage der Erziehungsfähigkeit des Vaters wird kontrovers diskutiert. Nach Angaben des Sozialamtsleiters hat sich eine Minderheit dagegen ausgesprochen. Die Mehrheit habe aber mit dem Hinweis auf die "Familienorientierung" für die Obhut des Vaters plädiert. Bedingung sollte allerdings sein, dass der Vater Hilfe annehme.

Das Kind bekommt auf Anweisung des Sozialzentrums eine Tagesmutter. Dort erscheint Kevin nur unregelmäßig. Der Vater redet sich heraus, er wolle mit seinem Sohn zu dessen Großmutter ziehen. Die wohnt außerhalb von Bremen auf dem Land. Damit hätte die Verantwortung eine andere Kommune übernehmen müssen. Die Tagespflege wird kurz darauf abgebrochen.

Die zuständige Familienrichterin fragt mehrere Male, wie es um Kevin stehe. Vom Jugendamt bekommt sie immer zufriedenstellende Antworten.

Im April 2006 sehen die Mitarbeiter des Sozialamtes Kevin zum letzten Mal. Sie beschließen, dass er durch frühe Hilfen gefördert werden muss. Im Juli teilt die Frühförderstelle mit, dass Kevin dazu nicht erscheine. Erst im September jedoch berichtet das Amt für Soziale Dienste dem Amtsvormund, dass Kevins Vater die angebotene Hilfe verweigert. Eine Woche später meldet sich auch Kevins Großmutter, weil sie ihren Enkel seit Anfang Juli nicht mehr gesehen habe.

Eine Pflegefamilie für Kevin

Erst am 18. September fällt die endgültige Entscheidung, dem Vater den Jungen zu nehmen. Das Kindeswohl sei gefährdet. Ein Verfahren wird eingeleitet, ein Gericht muss entscheiden. Das dauert bis zum 2. Oktober. Erst an diesem Tag beschließt das Familiengericht, Kevin aus der väterlichen Wohnung abzuholen und in einer Pflegefamilie unterzubringen. Wieder dauert es acht Tage.

Am 10. Oktober klingeln Mitarbeiter des Jugendamtes mit Unterstützung der Polizei an der Wohnungstür. Es ist kurz nach sieben Uhr in der Frühe. Der Vater öffnet nicht, die Polizei bricht die Tür auf. Im Kühlschrank entdecken sie Kevins Leiche. Sie weist Brüche des linken Oberschenkels, des rechten Schienbeins und des linken Unterarms auf. Auch sein Kopf muss malträtiert worden sein, an ihm wurden Blutungen entdeckt. Der Vater stammelt etwas von Unfall, macht aber zügig von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch.

Gegen den Vater wird nun wegen des dringenden Verdachts der Misshandlung Schutzbefohlener und des Totschlags ermittelt. Die eingeleiteten Ermittlungen gegen Behördenmitarbeiter richteten sich zunächst nicht gegen konkrete Personen, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Zunächst müssten die beschlagnahmten Akten der Sozialbehörde ausgewertet werden. So müsse festgestellt werden, wer Anordnungen wann getroffen oder vielleicht unterlassen habe.



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