Fall Klatten Vier Frauen, ein Verführer, neun Millionen

Eine zynische Masche, hilflose Opfer: Helg Sgarbi soll von Susanne Klatten und anderen Frauen 9,4 Millionen Euro erpresst haben. Die Anklageschrift verdeutlicht, wie abgebrüht der Frauenflüsterer vorging. Wird die Milliardärin im Prozess aussagen müssen?

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Hamburg - Der Frauenflüsterer schmort in Untersuchungshaft in Stadelheim. Das Landgericht München hat jetzt die Anklage der Staatsanwaltschaft gegen Helg Sgarbi in vollem Umfang zugelassen.

Demnach hatte der 44 Jahre alte Schweizer außer mit der Milliardärin Susanne Klatten noch mit drei weiteren Frauen Affären - und soll sie anschließend erpresst haben.

Vor Gericht muss er sich wegen vollendeten Betrugs, versuchten Betrugs und versuchter Erpressung verantworten. Durch geschicktes Umgarnen soll Helg Sgarbi insgesamt 9,4 Millionen Euro kassiert haben. Die Anklage stuft die Taten als "besonders schwere Fälle" ein.

Demnach hat sich Sgarbi gezielt an insgesamt vier vermögende Frauen herangemacht, ihnen erst Gefühle vorgegaukelt, sie dann erpresst. Sein Jagdrevier waren luxuriöse Hotels wie der Quellenhof in Bad Ragaz und der Lanserhof nahe Innsbruck.

Die erste der fraglichen Beziehungen beginnt Anfang Dezember 2005. Der smarte Schweizer bezirzt nach Ansicht der Staatsanwaltschaft im Schweizer Grand Hotel Quellenhof die vermögende und verheiratete Marie Luise H. Es kommt demnach zu intimen Beziehungen, Sgarbi lässt dies heimlich auf Video aufzeichnen. Wenige Wochen später tischt er der Ahnungslosen die gleiche Räuberpistole auf, die er bei allen folgenden Opfern - auch Milliardärin Susanne Klatten - ebenfalls parat haben wird.

Er habe, so Sgarbi, einen Unfall verursacht, ein Kind schwer verletzt und müsse horrende Schadenersatzforderungen erfüllen. Falls er nicht zahle, müsse er ins Gefängnis oder werde erpresst. Nur in den Details soll Sgarbi später seine Story variiert haben.

Im ersten Fall behauptet Sgarbi der Anklage zufolge, er müsse 1,2 Millionen Euro aufbringen und erschwindelt sich von seiner Geliebten auf diese Weise 600.000 Euro. Den Rest könne er alleine aufbringen, erzählte er ihr.

Marie Luise H., Gattin eines wohlhabenden Möbelherstellers, übergibt Sgarbi in einer edlen Münchner Hotelsuite am 9. März 2006 und am 30. Mai 2006 jeweils 100.000 Euro, in einer Blechdose. Die restlichen 400.000 Euro händigt sie ihm am 4. August 2006 in der Lobby eines anderen Luxushotels aus.

1,5 Millionen Euro in der Plastiktüte

Das Geld reicht offenbar nicht lange. Sgarbi soll nach den Erkenntnissen der Ermittler Nachschub verlangt haben: Er verkündet demnach seiner Geliebten Ende Januar 2007 in einem Hotel in Passau, er habe heimlich intime Aufnahmen von sich und ihr gemacht. Diese seien auf seinem Laptop gespeichert, der sei ihm in Italien geklaut worden - nun erpresse ihn die Mafia. Wenn er nicht 1,5 Millionen Euro zahle, werde ihm - und ihr - etwas zustoßen. Nach der Anklageschrift pariert Sgarbis Opfer eingeschüchtert und überreicht ihm wenige Tage später am Bahnhof in Bad Ragaz den kompletten Betrag, gestückelt in 1000-CHF-Scheinen, verpackt in eine schwarze Plastiktüte.

Sein Opfer klammert sich danach an die Hoffnung, der heimliche Liebhaber werde die "Darlehen" zurückzahlen. Doch Sgarbi erklärt ihr laut Ermittlungsakten "lachend", das Geld werde sie nie wiedersehen. Zudem solle sie ihm eine Wohnung in Barcelona mieten.

Die Frau weigert sich, trifft sich laut Anklage jedoch weiterhin mit Sgarbi, der sie im November 2007 erneut erpresst: Er sei nun selbst im Besitz der intimen Aufnahmen. Wenn sie ihm nicht eiligst zwei Millionen Euro Bargeld gebe, werde er die Fotos an ihre Familie und Freunde schicken. Erst jetzt schaltet die Frau einen Anwalt ein.

Die folgenden drei Beziehungen soll Sgarbi begonnen haben, während er noch damit beschäftigt war, sein erstes Opfer zu erpressen: Zwischen Juni und Juli 2007. So soll er im Lanserhof, in dem ihm auch Susanne Klatten begegnen wird, Monika S. kennengelernt haben. Erfolgreich verdreht Sgarbi der Unternehmerin aus Bayern den Kopf, gemeinsam fliegen sie für ein Liebeswochenende nach Rom.

Keine vier Tage später soll Sgarbi ihr in bewährter Manier von seinem "Unfall" und der italienischen Mafia, die drei Millionen Euro von ihm fordere, erzählt haben. Er bittet danach Monika S. um 300.000 Euro, die ihm an der Gesamtsumme fehlten. In einer Plastiktüte überreicht sie ihm nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft das Geld bei einem Treffen am Münchner Isartor. Danach bricht der Kontakt ab.

Er hat die reichste Frau Deutschlands am Wickel

Parallel zu den beiden geschilderten Fällen umgarnt Sgarbi laut Anklage Elfriede R., eine vermögende Kauffrau aus München, die er ebenfalls im Lanserhof, Treffpunkt der Hochverdiener, um den Finger wickelt. Kurz darauf bringt er demnach auch bei ihr die Mär vom Unfall an. Der dabei schwerverletzte Junge sei ein "Zigeuner", dessen Familie nun drei Millionen Euro von ihm fordere. Sgarbi habe demnach die Frau um die angeblich fehlenden 800.000 Euro gebeten, doch diese lehnte ab.

Im Juli 2007 lernt Sgarbi schließlich im Lanserhof Susanne Klatten kennen. Nachdem sie ihm ihre Visitenkarte aushändigt hat, googelt Sgarbi seine jüngste Errungenschaft - und wird sich wohl selbst gratuliert haben: Er hat die reichste Frau Deutschlands am Wickel.

Die Milliardärin kontrolliert den Chemiekonzern Altana und - gemeinsam mit ihrer Mutter Johanna und ihrem Bruder Stefan - den Autokonzern BMW. Die 46-Jährige ist Tochter aus der dritten Ehe von Herbert Quandt, Sohn des Konzerngründers Günther Quandt. Sie ist seit 1990 mit dem Unternehmer Jan Klatten verheiratet, gemeinsam haben sie drei Kinder.

Die Akten zeichnen dann folgendes Bild: Susanne Klatten ziert sich zunächst. Sgarbi wartet mit all seinen Künsten auf - und taucht überraschend sogar in ihrem Ferienort in Südfrankreich auf. Zart entwickelt sich eine Amour fou zwischen dem Schweizer und der BMW-Großaktionärin.

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