Scotland Yard Neue Spur im Fall Maddie führt nach Deutschland

Im Fall der verschwundenen Maddie McCann gibt es neue Phantombilder von Verdächtigen. Scotland Yard bittet Briten, Holländer und Deutsche per TV zur Mithilfe. Ist dies endlich der Durchbruch oder wieder nur eine falsche Fährte?

Von , London


Sechseinhalb Jahre ist es her, dass Madeleine McCann verschwunden ist. Sechseinhalb Jahre, in denen sie nie ganz weg war. Regelmäßig erschien ihr Gesicht auf den Titelseiten in aller Welt - dank ihrer unermüdlichen Eltern, die noch nicht aufgegeben haben, sie zu finden.

Am Montagabend starteten Kate und Gerry McCann einen neuen Anlauf. In der BBC-Sendung "Crimewatch" erzählte die englische Ärztin noch einmal, wie sie an jenem Abend in das Kinderschlafzimmer in der portugiesischen Ferienwohnung kam. Das Bett ihrer dreijährigen Tochter war leer, die Vorhänge wehten vor dem offenen Fenster. Sie habe sofort gewusst, dass Madeleine entführt worden war, sagte McCann.

Madeleine war am 3. Mai 2007 aus dem Resort "Ocean Club" in Praia da Luz an der Algarve verschwunden. Ihre Eltern hatten sie und die beiden zweijährigen Zwillinge Sean and Amelie ins Bett gebracht und waren um 20.30 Uhr mit Freunden zum Abendessen in ein Tapas-Restaurant direkt am Pool hinter dem Apartmentgebäude gegangen. Um 21.05 Uhr hatte Gerry noch mal nach den Kindern geschaut. Um 22 Uhr dann hatte Kate die grausige Entdeckung gemacht. Seitdem steht die Frage im Raum: Was passierte in dieser Stunde?

Minutiöse Rekonstruktion

In "Crimewatch" wurde der Ablauf des Abends im Stil von "Aktenzeichen XY… ungelöst" minutiös nachgestellt - mit Lageplänen des Ferienkomplexes und Schauspielern. Die Ermittler von Scotland Yard glauben, einen vielversprechenden neuen Fahndungsansatz zu haben. Bislang waren sie davon ausgegangen, dass das Mädchen um 21.15 Uhr von einem dunkelhaarigen Mann weggetragen wurde. Jane Tanner, eine Freundin der McCanns, hatte nämlich um diese Uhrzeit einen Mann mit einem schlafenden Kind auf dem Arm in der Nähe des Apartments gesehen.

Dieser Verdächtige, dessen Phantombild in der Vergangenheit bereits kursierte, wurde nun als falsche Fährte aussortiert. Es handelte sich offenbar nur um einen anderen britischen Urlauber, der sein Kind aus einem Hort im "Ocean Club" abgeholt hatte.

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Fall Maddie: Neue Spuren, neue Verdächtige
Stattdessen rückt nun ein anderer Verdächtiger ins Visier: Ein Mann zwischen 20 und 40 Jahren, der um 22 Uhr mit einem blonden Kind auf dem Arm auf dem Weg zum Strand gesehen worden war. Sollte er der Täter sein, wäre die Entführung 45 Minuten später erfolgt als ursprünglich angenommen. Die Polizei veröffentlichte zur Sendung zwei Phantombilder des Mannes. Diese Bilder waren bereits im September 2008 von Augenzeugen angefertigt worden. Doch gelten sie erst jetzt als wesentlich, weil die Ermittler ihre Annahmen zum Tathergang geändert haben.

Auch Deutsche und Holländer verdächtig

Scotland Yard veröffentlichte noch zwei weitere Phantombilder: Hierbei handelt es sich um zwei blonde Männer, die am Tag der Entführung das Apartment der McCanns beobachtet haben sollen. Sie könnten Deutsch oder Holländisch gesprochen haben, sagte Chefermittler Andy Redwood in der Sendung.

Daher rufen die Ermittler nun auch die niederländische und deutsche Öffentlichkeit zur Mithilfe auf. Die in "Crimewatch" gezeigte Rekonstruktion wird am Dienstag in der niederländischen Sendung "Opsporing Verzocht" und am Mittwoch in Deutschland in "Aktenzeichen XY… ungelöst" wiederholt. Die deutsche Sendung wird wegen des Auftritts der McCanns von 90 auf 120 Minuten verlängert.

Dass überhaupt noch ermittelt wird, ist nur der Hartnäckigkeit der McCanns geschuldet. Die portugiesische Polizei hatte die Ermittlungen bereits 2008 ergebnislos eingestellt. Doch auf Drängen der Eltern ordnete der britische Premierminister David Cameron 2011 eine Überprüfung der ursprünglichen Polizeiarbeit an. Vergangenen Sommer dann entschied Scotland Yard, formal neue Ermittlungen einzuleiten. Für die "Operation Grange" wurden über 30 britische Beamte abgestellt, sechs sind an der Algarve stationiert. Die Kosten belaufen sich auf fünf Millionen Pfund.

Redwood sagte, man mache gute Fortschritte. Doch scheint die Polizei immer noch keine klare These zu haben, was tatsächlich passiert ist. Es spreche einiges für eine geplante Entführung, sagte Redwood. In diesem Zusammenhang untersuche man auch eine Gruppe von falschen Spendensammlern, die in jener Zeit an die Türen der Ferienwohnungen klopften. Aber auch das Szenario eines fehlgeschlagenen Einbruchs schließen die Ermittler nicht aus.

Die Hypothese des ersten portugiesischen Chefermittlers Goncalo Amaral, dass die McCanns ihre Tochter getötet haben, gilt hingegen als Hirngespinst. Schon die portugiesische Polizei hatte den 2007 erhobenen Vorwurf wieder zurückgenommen. Inzwischen haben die McCanns Amaral wegen Verleumdung verklagt und verlangen eine Million Pfund Wiedergutmachung.

Ihre Entschlossenheit scheint in all den Jahren nicht nachgelassen zu haben. Das Ehepaar aus dem Dorf Rothley bei Birmingham saß auf dem BBC-Sofa und rief zum x-ten Mal zur Hilfe auf. "Diese Fälle können gelöst werden", sagte Gerry McCann. Andere Kinder seien auch nach Jahren noch gefunden worden. Es sei egal, wie viel Zeit vergehe, "solange wir ein Resultat bekommen", sagte Kate McCann. "Bitte, bitte, haben Sie Mut und melden Sie sich."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 97 Beiträge
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sweety007 15.10.2013
1. Hr Amaral...
..hat den Fall sehr überzeugend in seinem Buch dargelegt. Armes Kind! Die Vorwürfe wurden nur aufgrund von politischem Druck fallen gelassen.
franz-burbach 15.10.2013
2. Oh mein Gott...
würde anderen verschwundenen Kindern doch auch etwas von diesem Ehrgeiz zu teil. Wird hier nicht etwas übertrieben? Die portugiesische Polizei ist ja nun auch nicht doof. Scheint ja auch zu einer Geldeinnahmequelle geworden zu sein oder noch immer zu einer zu werden.
derpublizist 15.10.2013
3. Für mich steht fest...
...und zwar auf der Grundlage der Ermittlungen der portugiesischen Polizei, dass die Eltern - und niemand sonst - mit dem Verschwinden ihrer Tochter zu tun haben. Sie wissen, wo sie sich befindet. Auf keinen Fall mehr unter den Lebenden. Seit Jahren halten sie, unter Einnahme von Millionen-Spenden, die Weltöffentlichkeit zum Narren.
bierernst 15.10.2013
4.
diese Eltern haben meinen Respekt und mein Mitgefühl. ich habe daraus gelernt, meine kleine Tochter im Urlaub niemals alleine im Zimmer zu lassen.
doktornick 15.10.2013
5. Schon wieder eine
Das klingt für mich eher nach wahllosen Verdächtigungen, um das Gesicht der Polizei zu wahren.
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