Fall Marco Weiss Ein Schmerz von innen, ein fester Schlag

Neue Details im Fall des in der Türkei einsitzenden Marco Weiss: In einem dem SPIEGEL vorliegenden britischen Polizeiprotokoll sagt das 13-jährige englische Mädchen Charlotte, sie habe den Uelzener Schüler mit einem Schlag und einem lauten Ruf von einer Vergewaltigung abgehalten.


Hamburg/Istanbul - 143 Seiten lang ist das Protokoll einer Videovernehmung der Schülerin von Anfang Oktober in England. Darin bezichtigt Charlotte M. den deutschen Schüler Marco Weiss ausdrücklich der versuchten Vergewaltigung. Sie habe auf einem Bett geschlafen und sei durch starken Schmerz von innen im Unterleib wach geworden.

Marco Weiss: Widersprüche in den Aussagen
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Marco Weiss: Widersprüche in den Aussagen

Als sie die Augen aufgemacht habe, habe Weiss auf ihr gelegen. Daraufhin habe sie ihm einen "wirklich harten" Schlag versetzt, einen "ziemlich lauten" Ruf ausgestoßen und ihn weggeschubst. Weiss habe von ihr abgelassen.

Gleichwohl soll ein auf einem Nachbarbett liegendes Mädchen von dem Ruf und dem Schlag nichts mitbekommen haben, weil es tief geschlafen habe. Auch ihre Schwester auf dem Balkon des Hotelzimmers habe nichts bemerkt. Als Erklärung führte Charlotte unter anderem an, dass das Fensterglas "wirklich dick" gewesen sei.

Am Morgen danach begibt sich Charlotte M. in eine Klinik in Manavgat. Sie fürchtet, schwanger zu sein. Der untersuchende Arzt versucht in einem gebrochenen Englisch zu erklären, dass "nichts gerissen oder verletzt" sei. Er greift zu einem Wörterbuch, zu Stift und Papier und schreibt ein erlösendes Wort: "V-I-R-G-I-N". Charlotte sei noch Jungfrau.

Doch die Erleichterung währt nicht lang. Charlotte wartet zusammen mit ihrer erregten Mutter auf weitere Testergebnisse. Da platzt eine Krankenschwester herein und teilt den Frauen mit, man habe Sperma in Charlotte gefunden. Die 13-Jährige fragt, wie das sein könne - und bekommt von der Krankenschwester eine Auskunft, die nicht zutrifft: Dann könne sie ja wohl doch keine Jungfrau mehr sein.

Aussage gegen Aussage

Obwohl sich herausstellt, dass es bloße vier tote Spermien waren - nach einer Vergewaltigung müssten viel mehr gefunden worden sein - drängt die Mutter darauf, so steht es im Protokoll vom 6. Oktober, dass der Junge dafür bezahlen soll. Sie erstattet Anzeige.

Der Uelzener Schüler bestreitet dagegen, sich Charlotte gegen deren Willen sexuell genähert zu haben. Es sei vielmehr zum einvernehmlichen Austausch von Zärtlichkeiten gekommen. Es steht Aussage gegen Aussage.

Aussage gegen Aussage steht auch bei den Altersangaben. Charlotte und ihre Schwester Anne behaupten, sie hätten gegenüber Marco Weiss und dessen Freund Sasha gesagt, sie seien 13 und 14 Jahre alt. Dagegen beharrt Marco Weiss darauf, Charlotte habe sich als 15-Jährige ausgegeben. In der Türkei sind sexuelle Kontakte mit Kindern unter 15 strafbar. Sie werden mit Haftstrafen zwischen drei und acht Jahren geahndet, bei Anwendung von Gewalt sogar mit bis zu 22,5 Jahren.

Erhebliche Ermittlungspannen

Unterdessen gibt es Hinweise auf erhebliche Ermittlungspannen bei der Aufarbeitung des Falles durch die türkische Polizei. So wurden nach Charlottes Angaben weder ihre Kleidung vom Tatabend einer Spurensicherung unterzogen noch das Bett.

Wie zudem die Verteidiger von Marco Weiss bestätigen, wurde der mutmaßliche Tatort nach dem Vorfall nicht sofort versiegelt. Eine Blutalkoholmessung wurde demnach ebenso versäumt wie eine körperliche Untersuchung des Angeklagten. Zudem fehlen Namen und Anschrift zahlreicher Hotelgäste, die Aussagen zum Verhalten von Marco Weiss und dem Mädchen Charlotte in den Tagen vor der Tat und am Tattag machen könnten.

Die in Deutschland schnell erhobene Behauptung, Marco Weiss sei Gefangener einer türkischen Unrechtsjustiz, ist so generell offenbar nicht gerechtfertigt. Dennoch: Die mindestens fragwürdige Beweiswürdigung und der umstrittene Umgang des Gerichts in Antalya mit dem modernisierten Strafgesetzbuch lasten auf dem Fall. Dazu kommen außergewöhnliche Umstände: die politischen Einmischungen von außen, der Druck der Medien. Der Ausgang des Verfahrens, das zu einer Projektionsfläche für das deutsch-türkische Verhältnis geworden ist, ist inzwischen auch eine Frage der Ehre. Und "wo es um die Ehre geht, setzt Rationalität aus", sagt Michael Nagel, einer der beiden deutschen Anwälte von Marco Weiss.

asc



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