Fall Peggy "Die Leute haben zum Teil hanebüchene Theorien"

Seit zwölf Jahren ist Peggy Knobloch verschwunden, seit neun Jahren sitzt der falsche Täter im Gefängnis - sagt Christoph Lemmer. Für sein Buch über den Fall des verschwundenen Mädchens aus Lichtenberg hat der Journalist mit allen Beteiligten gesprochen und erhebt nun schwere Vorwürfe gegen die Ermittler.

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DPA/ Polizei

Seit dem 7. Mai 2001 ist in Lichtenberg nichts mehr so, wie es mal war. An diesem Tag verschwand Peggy Knobloch, neun Jahre alt, blonde Haare, auffallend blaue Augen. Ulvi K. sitzt seit 2004 im Gefängnis, er soll das Mädchen getötet und die Leiche verscharrt haben. Für viele in dem fränkischen Örtchen ist der geistig Behinderte unschuldig, sie sprechen von einem Justizskandal, misstrauen den Behörden, stützen seine Eltern - und haben einen anderen Täter im Verdacht. "Theoretisch kann es jeder gewesen sein", sagt ein Lichtenberger. "Die Ungewissheit treibt einen um."

Bis heute wurde keine Leiche gefunden, keine Tatwaffe, keine Tatzeugen. Ulvi K., 35, wurde nach einem Indizienprozess verurteilt. Er hatte nach 40 Vernehmungen ein Geständnis abgelegt, es später widerrufen.

In der vergangenen Woche wurden die Ermittlungen im Fall Peggy neu aufgenommen. Das Haus eines ehemaligen Nachbarn der Familie Knobloch wurde durchsucht, im Hinterhof gegraben und Knochenreste gefunden. Doch es kann sich schlichtweg um Reste eines mittelalterlichen Friedhofes handeln. Noch hat die Staatsanwaltschaft Bayreuth keine Details bekanntgegeben.

An diesem Donnerstag erscheint das Buch "Der Fall Peggy - Die Geschichte eines Skandals" der Journalisten Christoph Lemmer und Ina Jung. Reporter Lemmer hatte Einblick in sämtliche Akten des Falls, sprach mit Ermittlern und Zeugen. Regisseurin und Autorin Jung erhielt den Bayerischen Fernsehpreis für das Drehbuch zu dem Spielfilm "Das unsichtbare Mädchen", das sie gemeinsam mit dem Münchner Schriftsteller Friedrich Ani schrieb. Der Film basiert auf dem Fall Peggy Knobloch.

SPIEGEL ONLINE: Herr Lemmer, die aktuellen Grabungen und Knochenfunde in Lichtenberg kommen pünktlich zum Erscheinen Ihres Buches.

Lemmer: Ich weiß nicht, mir selbst erschließt sich der Zeitpunkt dieser angeblich neuen Hinweise in keinster Weise. Erst recht nicht, als der Leitende Oberstaatsanwalt verkündete: "Wir suchen eine Leiche, keinen Täter." Da wunderte ich mich. Sollten die Ermittlungsbehörden nicht eine Straftat aufklären?

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie etwa, dass Peggy Knobloch noch lebt?

Lemmer: Nein, das halte ich für sehr unwahrscheinlich. Aber der Leitende Oberstaatsanwalt erklärte außerdem: Sollten die gefundenen Fragmente Peggy zuzuordnen sein, würde das Ulvi nicht entlasten. Das finde ich befremdlich. Das kann man doch noch gar nicht sagen.

SPIEGEL ONLINE: Warum halten sie Ulvi K. für unschuldig?

Lemmer: Ich würde nicht sagen, dass er mit Sicherheit unschuldig ist. Aber in unserem Rechtsstaat geht es ja auch nicht darum, zu beweisen, dass jemand unschuldig ist - sondern dass er schuldig ist. Falsch ist in jedem Fall der Tatablauf, dem Ulvi K.s Geständnis zugrunde liegt. Dieses Geständnis ist der einzige Beweis, der gegen Ulvi K. spricht, allerdings ist es unter dubiosen Umständen zustande gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie mit "dubiosen Umständen"?

Lemmer: Ulvi K. beharrte in 40 Vernehmungen darauf, dass er Peggy nichts angetan hat. Er knickte erst ein, nachdem sein Rechtsanwalt weg war. Angeblich sagte er zu den Ermittlern, er wolle sich erleichtern, und plötzlich ging das Tonbandgerät kaputt. Dieses Geständnis ist schlichtweg nicht glaubwürdig. Erst recht nicht, weil die bayerische Polizei kurz zuvor Methoden eingeführt hatte, die möglichst effektiv Geständnisse produzieren sollte. Das haben uns Ermittler und das bayerische Innenministerium bestätigt.

SPIEGEL ONLINE: Ulvi K. hat nachweislich Kinder sexuell belästigt, nach Angaben von Ermittlern auch Peggy Knobloch.

Lemmer: Das macht die Lage nur komplizierter. Ja, Ulvi K. war damals körperlich erwachsen, geistig aber auf dem Stand eines Zehnjährigen wie heute auch. Er hatte den Ruf eines Exhibitionisten. Aber er hat bei allen sexuellen Misshandlungen kein Schuldbewusstsein empfunden. Das Geständnis, er habe sich an Peggy vergangen, kam auf ebenso dubiosem Weg zustande wie das Mordgeständnis, auf dem das Urteil beruht.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Eindruck hatten Sie von Ulvi K.?

Lemmer: Man kann ihn nicht ernst nehmen. Gespräche mit ihm haben keinen Erkenntnisgewinn, er sagt etwas und widerlegt es zehn Minuten später. Er kann zur Klärung des Falles nichts beitragen.

SPIEGEL ONLINE: Was glauben Sie hat sich am 7. Mai 2001 in Lichtenberg zugetragen?

Lemmer: Ich glaube, Peggy verschwand nicht auf dem Heimweg von der Schule, sondern lebte noch am Abend des 7. Mai. Zu viele Zeugen haben sie noch gesehen. Danach verliert sich ihre Spur. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was passiert ist.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie durch Ihre Recherchen auf einen möglichen Tatverdächtigen gestoßen?

Lemmer: Es gab damals drei verschiedene Ermittlungskomplexe, die sich auf drei mögliche Tatverdächtige bezogen: Peggys türkischen Stiefvater, den türkischstämmigen Ulvi K. und einen jungen Mann aus Sachsen-Anhalt, ein damals enger Vertrauter der Familie Knobloch. Die ermittelnde Sonderkommission hat mit schon irrwitzigen Methoden versucht, den Stiefvater zur Strecke zu bringen. Erst, als nach einem blamablen Auftritt der Ermittler in der Türkei dessen Tatbeteiligung klipp und klar auszuschließen war, konzentrierten sich die Ermittler auf Ulvi K. und den Mann aus der Nähe von Halle.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit dem Tatverdächtigen aus Sachsen-Anhalt geschehen?

Lemmer: Sagen wir mal so: Als das Geständnis von Ulvi K. vorlag, ließ man diesen Ermittlungsstrang fallen.

SPIEGEL ONLINE: Recherchen zum Fall Peggy vor Ort gestalten sich schwierig, der Ort scheint traumatisiert. Wie haben Sie die Stimmung in Lichtenberg empfunden?

Lemmer: Es war sehr anstrengend, die Leute dort zum Reden zu bringen. Man kann es ihnen nicht verdenken. Der Ort wird nur mit dieser Tragödie in Verbindung gebracht. Journalisten sind einfach durch Gärten marschiert, Fernsehteams haben Szenen gestellt. Aber auch der Justiz und der Polizei begegnen die Menschen in Lichtenberg mit totaler Ablehnung. Zum Teil haben sie hanebüchene Theorien, was mit Peggy passiert sei. Mir kam das ein bisschen vor wie eine Trotzhaltung.

SPIEGEL ONLINE: Der Rechtsanwalt Michael Euler hat mit Unterstützung der Bürgerinitiative "Gerechtigkeit für Ulvi K." einen Wiederaufnahmeantrag gestellt. Er fordert, dass der Fall neu aufgerollt wird. Was, wenn der Antrag abgelehnt wird?

Lemmer: Das ändert nichts an dem Befund, dass der Tathergang, wie ihn Ulvi K. beschrieben hat, nicht zu halten ist. Das Vertrauen der Lichtenberger in die Justiz kann nicht noch mehr erschüttert werden. Und die Bürgerinitiative wird gewiss keine Ruhe geben.



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