Neue Ermittlungen im Fall Peggy: Mord ohne Leiche

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Im fränkischen Lichtenberg gräbt die Polizei nach der Leiche der verschwundenen Peggy Knobloch. Seit neun Jahren sitzt Ulvi K. in Haft. Er soll das Mädchen getötet haben. Mit den neuen Ermittlungen mehren sich die Zweifel an der Schuld des geistig Behinderten.

Der Fall Peggy Knobloch: "Der Dorfdepp soll es gewesen sein" Fotos
DPA

Um 8 Uhr klingelte bei Familie Rödel im fränkischen Münchberg das Telefon. Es war ein Bewohner von Lichtenberg, einem Tausend-Einwohner-Ort in Oberfranken, hoch über dem Höllental, mit verwinkelten Häusern, umgeben von düsteren Wäldern voller überwachsener Trampelpfade. Hier verschwand vor zwölf Jahren die neunjährige Peggy Knobloch. Der Anrufer berichtete, dass Polizei und Technisches Hilfswerk nahe des Marktplatzes herumfuhrwerkten und ein Anwesen großräumig absperrten.

Am Dienstag soll hier mit Grabungen begonnen werden: Die Staatsanwaltschaft Bayreuth ermittelt erneut im Fall der verschwundenen Peggy. Es gebe neue Hinweise darauf, dass es sich auf dem Gelände um den "Leichenablageort" handeln könnte, sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberfranken. Details wollte die Staatsanwaltschaft Bayreuth nicht bekanntgeben.

Keine 100 Meter weit entfernt von dem Ort, an dem nun mindestens zwei Tage lang gegraben werden soll, hatte Peggy mit ihrer Mutter und ihrer Schwester gewohnt. Die Familie ist inzwischen weggezogen.

In dem abgesperrten Anwesen wohnt Robert E., 63, ein verurteilter Sexualstraftäter. Er hat - exakt in dem Jahr, in dem Peggy verschwand - seine Enkeltochter und sein Patenkind missbraucht, 2008 wurde er zu drei Jahren Haft verurteilt. Wann immer es in den vergangenen zwölf Jahren um den Fall Knobloch ging: sein Name stand auf der Agenda.

Nach Peggys Verschwinden soll Robert E. einen Springbrunnen auf seinem Grundstück gebaut haben. In der Zisterne unter dem Brunnen soll nach dem Leichnam gesucht werden. Robert E. wurde am Montag von der Polizei zur Befragung mit auf die Wache genommen.

Seit neun Jahren ist Ulvi K. in einer geschlossenen Abteilung des Bezirkskrankenhauses in Bayreuth untergebracht. Er ist 36 Jahre alt, von wuchtiger Statur, die Hände dick, der Blick gutmütig. Ein tapsiger Typ mit kindlichem Gemüt, der langsam spricht, fast schwerfällig. Ulvi K.s Tagesablauf ist immer derselbe. Er wickelt Kabel und faltet Kartons. Er hat einen IQ von 67, kann kaum lesen und schreiben, ansonsten ist sein Entwicklungsstand mit dem eines reifeverzögerten Zehnjährigen vergleichbar. Er ist stolz, weil er in den Patientenbeirat gewählt wurde, und er ist meist fröhlich, weil ihn seine Arbeit in der Psychiatrie ausfüllt. Er vergisst, warum er überhaupt hier ist. Er soll der Mörder der kleinen Peggy sein.

Der verurteilte Täter soll 22 Kinder missbraucht haben

Peggy Knobloch verschwand am 7. Mai 2001 zwischen Schule und Elternhaus. Sie war neun Jahre alt, ein blondes Mädchen mit auffallend hellblauen Augen. Ihre Mutter ließ ihr viele Freiheiten, Peggy hatte keine Scheu, streunte oft allein im Ort herum, klingelte bei Nachbarn.

Tornados der Bundeswehr, Hundertschaften der Polizei - alle suchten Peggy nach ihrem Verschwinden. Gerüchte verbreiteten sich in Lichtenberg: Peggy sei verschleppt worden, vielleicht in die Türkei, wo ihr damaliger Stiefvater herkam, oder nach Tschechien in ein Bordell. Verzweifelt fahndeten die Ermittler nach einem Täter und stießen auf Ulvi K., dessen Mutter ihn Jahre zuvor angezeigt hatte, weil er einen kleinen Jungen sexuell missbraucht haben soll. "Insgesamt hat er 22 Kinder sexuell missbraucht", sagt ein Ermittler. Auch Peggy sei darunter gewesen, vier Tage vor ihrem Verschwinden. Das räume Ulvi K. auch bis heute ein.

Ende April 2002 entwickelte ein Profiler eine Hypothese zum Tathergang. Demnach könnte Ulvi K. Peggy auf dem Heimweg abgepasst und verfolgt haben. Doch Peggy rannte fort, den Schulranzen auf dem Rücken. Ulvi K. holte sie ein, tötete sie.

Nach 40 Vernehmungen, protokolliert auf 800 Seiten, gab Ulvi K. schließlich zu, Peggy aufgelauert, sie eingeschüchtert, verfolgt und getötet zu haben. Sein Geständnis liest sich wie eine Kopie der Tathergangshypothese. Wie es der Zufall will, war sein damaliger Anwalt nicht anwesend, als Ulvi K. gestand. Und: Das Tonbandgerät war kaputt. Das Landgericht Hof verurteilte Ulvi K. Ende April 2004 in einem Indizienprozess wegen Mordes zu lebenslanger Haft. Der Bundesgerichtshof verwarf im Januar 2005 die Revision der Verteidigung.

Was, wenn Peggys Leiche gefunden wird?

Für Gudrun Rödel, die gesetzliche Betreuerin, und die Mitglieder der Bürgerinitiative "Gerechtigkeit für Ulvi K." ist die Verurteilung des 36-Jährigen ein Justizskandal.

Eine Behauptung, die einen der damals involvierten Ermittler in Rage bringt. Ulvi K. habe damals erzählt, sein Vater habe ihm beim Beseitigen der Leiche geholfen. Der Vater habe Peggy in eine grüne Decke gewickelt, die immer im Auto gelegen habe. Vor Gericht bestritt der Vater, je eine grüne Decke besessen zu haben. "Doch im Auto des Vaters hat man eindeutig Fasern einer grünen Decke sichergestellt", sagt der Ermittler. "So detailliert kann ein geistig Behinderter keinen Tathergang erfinden." Zudem habe Ulvi K. sein Geständnis im Beisein seines Anwalts und auch einer Gefängnispsychologin gegenüber wiederholt und bestätigt.

Gudrun Rödel hat vor Jahren gemeinsam mit der Bürgerinitiative den Frankfurter Rechtsanwalt Michael Euler angeheuert. Anfang April hat er einen Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens eingereicht. Euler sagt, Ulvi K. sei bei den Vernehmungen unter Druck gesetzt worden. Er habe neue Beweise und 60 Zeugen, die Ulvi entlasten, weil sie Peggy nach dem angeblichen Todeszeitpunkt lebend gesehen haben wollen oder weil ihnen von den Ermittlern Suggestivfragen gestellt wurden. Einer von ihnen ist Ulvi K.s Zimmernachbar in der Psychiatrie. Im ersten Prozess hatte er behauptet, der Angeklagte habe ihm den Mord gestanden. Inzwischen habe er eingeräumt, diese Aussage erfunden zu haben.

Der Ermittler hält nicht viel von diesem Entlastungszeugen und nennt die möglichen Varianten, wie Peggy Knobloch ums Leben gekommen sein soll, "wilde Verschwörungstheorien". Was, wenn nun tatsächlich die Leiche im Haus des verurteilten Sexualstraftäters gefunden wird?

"Das wäre ein starkes Indiz, das für einen anderen Täter spricht", sagt der Ermittler. "Aber nach dem derzeitigen Stand der Indizien war es Ulvi K. Er hatte ein Tatmotiv: Tage zuvor hat er sich an Peggy vergangen." Grundsätzlich blieben bei einem Indizienprozess immer Restzweifel. Wichtig sei aber: "Bislang gibt es kein überzeugendes Indiz, das Ulvi K. entlastet."

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