Fall Peggy Knobloch Zweite Chance für Ulvi K.

Vor zehn Jahren wurde Ulvi K. wegen Mordes verurteilt. 2001 soll er die damals neunjährige Peggy Knobloch umgebracht haben. Doch das Urteil gegen K. war das Ergebnis zweifelhafter Ermittlungen. Jetzt wird der Fall neu verhandelt.

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DPA

Am Donnerstag beginnt vor dem Landgericht Bayreuth die Wiederaufnahme eines Strafprozesses, der alles andere ist als ein Ruhmesblatt für die bayerische Strafjustiz. Der Fall beschäftigt die Behörden seit dem Jahr 2001, als am 7. Mai im oberfränkischen Ort Lichtenberg die damals neunjährige Peggy Knobloch spurlos verschwand.

Bis heute gibt es keinen Anhaltspunkt dafür, was mit Peggy geschah, ob sie womöglich noch lebt oder, falls sie umgebracht wurde, wo ihre Leiche geblieben ist. Trotzdem wurde am 30. April 2004 der minderbegabte Ulvi K., damals 26 Jahre alt, vom Landgericht Hof wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Ulvi K. hatte, nachdem die Polizei bei der Suche nach dem Kind erfolglos geblieben war, unter offensichtlich recht dubiosen Umständen die Tat gestanden, und dieses Geständnis bald darauf widerrufen.

Die Zweifel an der Richtigkeit des Urteils hielten an, selbst als der Bundesgerichtshof die Höchststrafe für Ulvi K. als rechtsfehlerfrei bestätigte.

Ermittler unter enormem Erfolgsdruck

Ulvi K. hatte nach mehr als 40 Vernehmungen ausgerechnet zu jenem Zeitpunkt die Tat gestanden, als sich sein damaliger Verteidiger gerade verabschiedet hatte; als noch nicht einmal ein Tonband mitlief, sondern von den Beamten nur ein Gedächtnisprotokoll angefertigt wurde, so dass die Entstehung der Aussage nicht mehr nachzuprüfen war; als einer der Ermittler den geistig minderbemittelten jungen Mann offenbar bedrängte, er werde nicht länger dessen Freund sein, wenn er nicht bald mit der "Wahrheit" herausrücke.

Ein weiterer Punkt, der die Umstände des Geständnisses höchst sonderbar erscheinen lässt: Es ähnelt auffallend einer von den Ermittlern zuvor entwickelten und formulierten Tathergangshypothese. Erstellt wurde sie von der zweiten Soko zum Fall Peggy, die auf Wunsch des damaligen bayerischen Innenministers Günther Beckstein die erste, erfolglos gebliebene Ermittlergruppe ersetzen sollte. Der politische Druck konnte größer kaum sein.

Die Tathergangshypothese wurde nicht nur der Jugendkammer des Gerichts in Hof vorenthalten, auch der Psychiater Hans-Ludwig Kröber kannte sie offenbar nicht. Er hielt Ulvi K. für aussagetüchtig und fand keine Hinweise in den Vernehmungsprotokollen, dass K. auf ein von der Polizei unterstelltes Tatgeschehen festgelegt worden wäre.

Unter anderem heißt es in der Tathergangshypothese: "Im vorliegenden Delikt dürfte es zu einer Eskalation im Handlungsablauf gekommen sein... Grund für die Eskalation könnte die Vergewaltigung der Peggy durch Ulvi im Vorfeld sein und er am 7.5.01 bei einer erneuten Kontaktaufnahme mit Peggy eine Überreaktion auf ihre 'Flucht' vor ihm zeigte, wobei eine Einwirkung auf den Hals aufgrund von Schreien der Peggy nicht auszuschließen ist. Bei der Beseitigung der Leiche wirkten weitere Personen, evtl. enges familiäres Umfeld des Ulvi mit..." Dürfte, könnte, eventuell, alles Hypothesen, bis heute. Genauso hat es Ulvi K. dann gestanden. Zudem hatte man ihn mit angeblichen Blutspuren an seiner Kleidung konfrontiert, die tatsächlich nicht existierten.

Die Falschaussage des V-Manns

Es gibt Menschen, vor allem geistig Behinderte, die wissen nicht weiter, wenn sie mit derlei angeblichen Beweisen konfrontiert werden. Sie geben alles zu in der Hoffnung, dem Druck der Ermittler entkommen zu können und fortan in Ruhe gelassen zu werden. Sie denken: Die Polizisten werden schon merken, dass ich nicht die Wahrheit gesagt habe.

Kröber, der Ulvi K.s Geständnis für glaubhaft hält, ist Psychiater, nicht Psychologe. Warum ausgerechnet er und nicht, wie üblich und geboten, ein namhafter Aussagepsychologe von der Staatsanwaltschaft beauftragt wurde, bleibt das Geheimnis der Ankläger in Hof. Dass es nur pragmatische oder ökonomische Gründe gewesen sein sollen, ist wenig glaubhaft. Das Landgericht Bayreuth hat ihn kürzlich zu einer Überprüfung seiner damaligen Erkenntnisse aufgefordert. Der Sachverständige soll dem Vernehmen nach bei seinen Feststellungen von damals geblieben sein.

Fraglich allerdings ist, ob das Bayreuther Gericht Kröbers Expertise überhaupt noch benötigt. Denn noch etwas ist höchst sonderbar am Zustandekommen des Geständnisses von Ulvi K. Nach seiner Festnahme kam er in eine Zelle mit Peter H. Der war offenbar von der Soko als V-Mann auf Ulvi K. angesetzt. Es dauerte nicht lange, da erklärte H., Ulvi K. habe die Schuld am Tod von Peggy ihm gegenüber zugegeben. Nachdem die Ermittler dies wussten, entwickelten sie ihre Tathergangshypothese, Von Ulvi K.s Alibi war nun nicht mehr die Rede.

Nur: Peter H. gab später zu, gelogen zu haben. Er habe von einem Geständnis erzählt, weil ihm Hoffnungen auf eine baldige Freilassung gemacht worden seien. Inzwischen ist Peter H. gestorben.

Schließlich: Es gab eine ganze Reihe von Zeugen, die angaben, das Mädchen in Lichtenberg noch gesehen zu haben, als es angeblich schon hätte tot sein müssen. Ihren Aussagen schenkte das Gericht in Hof unter dem Eindruck des umstrittenen Geständnisses keinen Glauben. Sollte Peggy tatsächlich an jenem 7. Mai 2001 nach der behaupteten Tat noch lebend gesehen worden sein, dann erübrigte sich ein Gutachter, der Ulvi K.s Geständnis als "höchstwahrscheinlich erlebnisbegründet" bezeichnet. Im Wiederaufnahmeverfahren will das Bayreuther Gericht dem Vernehmen nach als Erstes die Zeugen anhören.

Die Fürsprecher von Ulvi K.

Es wäre nicht zur Wiederaufnahme des Verfahrens gekommen, hätte Ulvi K. nicht Fürsprecher in der Bevölkerung gehabt - Menschen, die zwar wussten, dass er vor Kindern, meist Buben, oft die Hosen herunterließ, doch die ihn nicht für gefährlich und schon gar nicht für einen Mörder hielten. Seine Betreuerin Gudrun Rödel wurde überdies nicht müde, die Öffentlichkeit über die zahllosen Ungereimtheiten, Widersprüche und neuen Erkenntnisse in dem Fall auf dem Laufenden zu halten.

Sie hatte auch das Glück, einen Anwalt für den mittellosen Ulvi K. zu finden, Michael Euler aus Frankfurt, dem es mit einem fast 1200 Seiten langen Antrag schließlich gelang, den Fall erneut vor Gericht zu bringen.

Heute gibt es zwar ein Grab für Peggy Knobloch, doch es ist leer. Ihre Mutter ist aus Lichtenberg weggezogen, es hatte viel Gerede gegeben. Die Polizei ermittelt in verschiedene Richtungen, es gibt inzwischen die eine oder andere interessante Spur. Dass aber Ulvi K. der Mörder von Peggy gewesen sein soll, glaubt inzwischen kaum noch jemand.

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GGArtikel5 09.04.2014
1.
Man sollte sich Gedanken machen, was es für einen Rechtsstaat bedeutet, wenn sich erst eine Bürgerinitiative gründen muss, um einen offensichtlich fragwürdigen Prozess wieder aufzurollen. Nicht zu unterschätzen: Eine Bürgerinitiative, die Jahre für einen geistig Behinderten arbeitet, das sagt viel über den sozialen Zusammenhalt und den Gerechtigkeitssinn dieser Leute aus. Man fragt sich, wie viele unschuldig Weggesperrte nicht wie Ulvi K. oder Herr Mollath diesen Rückhalt haben.
lollopa1 09.04.2014
2. und was passiert jetzt?
da itzt dann jemand 10 Jahre unschuldig im Gefängnis, die Polizei hat mal wieder n Bayern grandios versagt, aber keiner ist sich einer Schuld bewusst. Ein Trauerspiel
dr.joe.66 09.04.2014
3. Fehler, Fehlurteile, Politik und die Folgen
Es sind Fehler gemacht worden. Von Ermittlern, Polizisten, Staatsanwälten, Richtern. Die Politik hat sich (unzulässig) eingemischt. Die Folge war wohl ein Fehlurteil. Das ist leider so geschehen, und niemand kann Ulvi K. die letzten 9 Jahre wiedergeben. Sollte das erste Urteil als Fehlurteil bewertet werden und aufgehoben werden, müsste Folgendes geschehen: 1. Öffentliche und persönliche Entschuldigung seitens Herrn Beck, anderer Politiker, Staatsanwälte und Ermittlungsbehörden bei Ulvi K. und ebenfalls bei den der Mithilfe verdächtigten Angehörigen. 2. Selbige Entschuldigung bei den Angehörigen der ermordeten Peggy, die nun erneut auf unsägliche Art mit dem Verbrechen konfrontiert werden. 3. Finanzielle Entschädigung von Ulvi K. so, dass er nie wieder mittellos ist, und bis zum Lebenende die Betreuung bekommt, die er für ein freies, möglichst selbständiges und würdevolles Leben benötigt. Passieren wird dies: 1. "Wir wurden falsch informiert. Ich war's nicht. Ich kann mich nicht erinnern. Ich bin mir keiner Schuld bewusst." 2. Nichts. Außer vielleicht, dass jetzt die Verwandten der Peggy verdächtigt werden... 3. Hartz IV mal 9 Jahre plus Zinsen. Wird aber als Vermögen gleich wieder eingezogen, da ja jetzt wieder Hartz IV. Wir sind schon eine tolle Demokratie...
mischpot 09.04.2014
4. Staatswillkür
Der Mann war offensichtlich willfähriges Opfer von Polizei und Justiz. Man sollte den zuständigen Richter und Staatsanwalt mindestens für 10 Jahre hinter Gitter stecken. Das ist kein Rechtsstaat mehr sondern pure Beamtendummheit oder Willkür nur um ein Ergebnis zu liefern sei es auch falsch. Dafür müssen dienjenigen Strafen auferlegt werden die so mit dem Recht umgehen. Ebenfalls gehört dem Opfer der Justiz eine angemessene finanzielle Entschädigung und eine Klage gegen den Staat wegen Menschenrechtsverletzung. Es ist einfach eine Schande. Von Einzelfällen kann man nicht mehr sprechen. Es wundert allerdings auch nicht wenn man sein Staatsexamen kaufen kann.
kumi-ori 09.04.2014
5. Das ist, wie wir alle wissen, nicht das erste Mal
Mollath, Neuburg/Donau, Parkhausmord von München - in Deutschland hat man schlechte Karten. Wer als Erstes der Polizei auffällt, der muss auch verurteilt werden. Alles andere würde schlicht zu viel Arbeit machen.
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