Prozessauftakt im Fall Peggy K. Ein Händedruck für Ulvi K.

Ulvi K. wurde vor zehn Jahren wegen Mordes an der neunjährigen Peggy K. verurteilt. Die Ermittlungen erscheinen aus heutiger Sicht skandalös. In Bayreuth wird der Prozess nun neu aufgerollt. Es ist auch die Justiz selbst, die hier vor Gericht sitzt.

Von , Bayreuth


Es sah aus, als könnte Ulvi K., 36, einen besseren Beweis kaum liefern, dass er möglicherweise fast lehrbuchhaft ein Kandidat für ein falsches Geständnis ist: Wie er am Donnerstag zum ersten Sitzungstag seines Wiederaufnahmeprozesses in den Gerichtssaal im Bayreuther Landgericht schritt - herausgeputzt in hellem Sakko mit dunklem Schlips auf noch dunklerem Hemd -, das war ein großer Auftritt. Sein Auftritt.

Er zog ein in den Saal, mit seinen Anwälten, seiner Betreuerin, dem Gerichtssprecher. Blitzlichter, Fernsehkameras, Publikum, so viel der Saal fasst. Sein Gesicht, der Bedeutung des Auftritts gemäß, ernst und gefasst. Alle Augen richteten sich auf ihn. Er genoss die Aufmerksamkeit sichtlich. Vereinzelt sogar Beifall.

Die Fotografen drängten vor die Anklagebank. Susanne, die Mutter von Peggy ging auf K. zu und reichte ihm die Hand. Versteht er, was das heißt? Er blieb sitzen, wirkte irritiert.

Seit 2001 in der Psychiatrie

Eine erhabene Szenerie: der Saal im Halbdunkel, darüber ein gläserner Plafond mit floralen Jugendstilmotiven, die Wandtäfelung ebenfalls Jugendstil, goldverziert. Hinter der von fünf Halogenstrahlern erleuchteten Richterbank Staatsgemälde von Ludwig I. und dem bayerischen Prinzregenten Luitpold. Und davor ein Vorsitzender, Michael Eckstein, von seiner Stimmlage und seinem Habitus wie geschaffen für einen Anlass, in dem die Justiz über sich selbst zu Gericht sitzt.

Dünner ist Ulvi K. geworden in den vergangenen zehn Jahren seit der Hauptverhandlung vor dem Landgericht Hof, wo er zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe wegen Mordes an der damals neunjährigen Peggy K. in Lichtenberg verurteilt worden war. Sein Blick ist wacher, weniger ängstlich und verwirrt als damals, als ihm, dem angeblichen Kindermörder, der Volkszorn entgegenschlug. Die Obhut im psychiatrischen Bezirkskrankenhaus Bayreuth hat Ulvi K. offensichtlich gutgetan. Er lerne noch immer Lesen und Schreiben, die Uhrzeit kenne er erst, seitdem er untergebracht ist. Er wünsche sich, sagt sein Verteidiger Michael Euler, eines Tages die Klinik verlassen und in einer betreuten Wohngruppe leben zu dürfen.

Seit 2001 ist Ulvi K. in der Psychiatrie untergebracht, wegen seines auffälligen Verhaltens Kindern und Jugendlichen gegenüber. Er soll vor ihnen die Hosen heruntergelassen und onaniert haben. Ein damals geistig minderbemittelter, massiger Kerl mit dem Gemüt eines Zehnjährigen. Ob er es stets aus eigenem Antrieb tat, ob er dazu oft auch verleitet wurde, weil man sich über ihn lustig machen wollte, steht zur Zeit nicht zur Debatte. Der angesehene Münchner Psychiater Norbert Nedopil legte den Richtern in Hof seinerzeit nahe, Ulvi K. wegen dieses Verhaltens für schuldunfähig zu erklären, worauf er bezüglich dieser Taten auch freigesprochen, aber in die Psychiatrie eingewiesen wurde.

In Bayreuth geht es jetzt nur um den Vorwurf des Mordes an einem Mädchen, dessen Leiche bis heute nicht gefunden ist. Möglicherweise ist Ulvi K. nicht der Täter, so wie es das Landgericht Hof 2004 "zu seiner vollen Überzeugung" festgestellt hat. Möglicherweise werden nun Verdachtsmomente gegen potentielle andere Täter erörtert werden müssen, die seinerzeit von der Polizei falsch eingeschätzt wurden. Ulvi K. hatte damals gestanden - und widerrufen. Die Justiz hatte sich da aber längst schon auf ihn als den Mörder von Peggy festgelegt. Auf den möglichen Verdacht gegen andere Personen kam es nicht mehr an.

"Massiv auf K. eingewirkt"

An der Richtigkeit von K.s Geständnis, laut Verteidiger Euler sollen es insgesamt vier Versionen sein, bestehen heute erhebliche Zweifel. Damals reichten K.s Aussagen sowie die Expertise des renommierten Berliner Psychiaters Hans-Ludwig Kröber dem Gericht zur Verhängung einer lebenslangen Freiheitsstrafe.

Auch die immer wieder ob ihrer Rechtmäßigkeit angezweifelten Ermittlungen der Polizei werden nun wohl in Bayreuth eine Rolle spielen. Verteidiger Euler behauptete am Donnerstag, sein Mandant sei nicht nur unter falschen Vorzeichen zum Geständnis gedrängt, sondern auch "gefoltert" worden. Dem widersprach allerdings sogleich die Staatsanwaltschaft. Von Folter könne überhaupt keine Rede sein.

Der erste Zeuge ist ein Bayreuther Amtsrichter, der 2010 jenen Mann vernommen hatte, der ursprünglich behauptete, Ulvi K. habe ihm gegenüber in der Klinik ein Geständnis abgelegt. Jener Mann ist inzwischen tot. Er litt unter einem Gehirntumor und habe offenbar gemeint, so der Richter-Zeuge jetzt, sich mit einer derartigen Aussage Vorteile erwerben zu können für seine restliche Lebenszeit. "Und 2010 gab er zu, vor Gericht in Hof die Unwahrheit gesagt zu haben."

Der Mann aus der Klinik habe sich damals von sich aus an einen ihm bekannten Polizeibeamten gewandt und sich bereit erklärt, Ulvi K. auszuhorchen. Der Vorsitzende Eckstein: "Und Ihnen gegenüber sagte er dann, K. habe nie die Tötung gestanden?" "Ja", bestätigt der Amtsrichter. "Ich glaube zwar nicht, dass ihm die Polizei versprach, ihn dafür in die Freiheit zu entlassen, das kann die Polizei gar nicht. Aber vielleicht hat der Mann sich so etwas eingebildet. Er muss jedenfalls massiv auf K. eingewirkt haben. Ich hatte keinen Zweifel daran, dass K. ihm die Tat nicht gestanden hat."

Weitere Zeugen gab es, sie wurden stets die "kindlichen Zeugen" genannt, weil sie Klassenkameraden von Peggy waren oder etwa in ihrem Alter. Heute sind sie junge Männer und können sich, wenn überhaupt, nur partiell an das erinnern, was sie als Acht- und Neunjährige tatsächlich wahrgenommen haben. Was sie vielleicht von anderen erfahren haben und später als ihre eigene Erinnerung ausgaben und vor allem, was sie in den einzelnen Vernehmungen bei der Polizei ausgesagt haben. Haben sie Peggy wirklich noch lebend gesehen, als Ulvi K. sie angeblich schon umgebracht hatte? Ist sie wirklich in ein rotes Auto, eventuell einen Mercedes mit tschechischem Kennzeichen, eingestiegen und weggefahren? Hatte sie einen Roller dabei oder nicht?

"Ich hatte damals Angst"

Nur so viel: Zwei dieser damals kindlichen Zeugen berichten heute, die Polizei habe einen jeden von ihnen mit dem Argument unter Druck gesetzt, der Freund habe gerade zugegeben, gelogen zu haben. "Ich hatte damals Angst, dass ich Ärger bekomme, wenn ich den Polizisten widerspreche", sagt der eine vor Gericht. Der andere äußert sich ähnlich. "Wir haben lange nicht darüber gesprochen", sagt der eine heute. "Und dann haben wir festgestellt, dass uns beiden das gleiche erzählt worden war."

Der Sachverständige Kröber ist in einer etwas unangenehmen Situation, schließlich hatte er das angebliche Geständnis von Ulvi K. als glaubhaft und erlebnisbegründet eingestuft. Der Vorsitzende lässt erkennen, dass er den Kernaussagen der kindlichen Zeugen von früher, so verschiedenartig sie auch sein mögen, Glauben zu schenken geneigt ist. Einiges passt nicht, anderes kann durchaus sein, manches reimt sich plötzlich.

Für den Freitag sind als Zeugen Vernehmungsbeamte von damals geladen. Wird einer zugeben, Kinder bedrängt zu haben, von ihren Aussagen abzurücken? Wird einer sagen: Ja, ich habe dem Ulvi angedroht, nicht länger sein Freund zu sein, wenn er nicht endlich die Wahrheit sagt? Die Wahrheit - damit war damals offenbar allein das Mordgeständnis gemeint. Solange K. bestritt, sagte er in den Augen der Polizisten die Unwahrheit.

Kröber soll bereits in der nächsten Woche Stellung zu seinem Gutachten von 2002 nehmen.

insgesamt 21 Beiträge
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hors-ansgar 10.04.2014
1. Schon komisch
Es mutet schon etwas seltsam an, dass so etwas anscheinend gehäuft in Bayern vorkommt. Dieser Fall, Gustl Mollath und auch der Fall Hoeness verlief ja ungewöhnlich glatt und schnell, Aufarbeitung fand eher wenig statt. Der renommierte Anwalt Gerhard Strate äußerte sich vor kurzem sinngemäß ebenfalls dahingehend, dass Bayern in Sachen Justiz schon etwas Besonderes sei.
ausmisten 10.04.2014
2. So einfach bitte nicht
Der angebliche Kindesmissbrauch muss natuerlich auf den Pruefstand .Erst dann wird das ganze Ausmass dieses Justizskandals deutlich .Frau Friedrichsen , bitte etwas deutlicher werden ,wie weiland in Ihren Spiegelbericht ,auf den ich mich stets beziehe ,denn ich kenne die Gepflogenheiten in bayr. Doerfern und den Umgang mit dem "Dorftrottel" .Hosen heruntergelassen , onaniert...Gemuet eines 10 jaehrigen...ob aus eigenen Antrieb...oder verleitet wurde...vielleicht mit Bezahlung eines Bieres...spielt hier keine Rolle .Sauber , kann ich da nur sagen .So also sieht der Rechtsstaat aus .Erst zum Kinderschaender aufbauen ,dann als Moerder aburteilen .Da wundert mich die hohe Aufklaerungsquote der bayr. Justiz/Polizei nicht wirklich .
citi2010 10.04.2014
3. Der Wunsch nach Erfolg ...
... scheint im Kern vieler Probleme der Gesellschaft und der Menschen untereinander zu sein. Staatsanwälten oder Polizisten oder Richtern ging es nicht um WAHRHEIT sondern um Erfolg ihrer Tätigkeit. Das hat sie motiviert und sie sehen lassen was sie wollten und blind für andere Möglichkeiten zu sein.
bambus07 10.04.2014
4. War der Gutachter Kröber
nicht auch in Fall Gustl Mollath involviert? Und hatte er nicht dort bereits ein herausragendes Beispiel seiner Kompetenz geliefert?
kevze 10.04.2014
5. egal
Aber einfach so herumlaufen lassen und Kindern ein traumatisches Erlebnis beibringen, geht auch nicht. In den letzten 10 Jahren konnte er niemandem auflauern!
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