Verschwundenes Mädchen Fatale Lügen im Fall Peggy Knobloch

Peggy Knobloch verschwand am helllichten Tag in einem Dorf in Franken, ein behinderter Mann wurde wegen Mordes verurteilt. Nun könnte sich der Fall als Justizirrtum entpuppen. Laut einer ARD-Dokumentation fußte die Anklage womöglich auf einer Falschaussage.

DPA/ Polizei

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München - Es gibt ein Grab auf dem Friedhof in Nordhalben, doch das Grab ist leer. Ein kleines Mädchen aus dem fränkischen Lichtenberg ist verschwunden, doch es gibt keine Leiche. Es gibt einen angeblichen Täter, doch es gibt keine Tatzeugen. Es gibt eine Verurteilung zu lebenslanger Haft, doch die Hauptaussage, die zu diesem Urteil führte, scheint gelogen.

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Heft 29/2012
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Seit Peggy Knobloch am 7. Mai 2001 verschwand, fragen sich die Menschen in Lichtenberg, was wirklich geschah an diesem Nachmittag. Die Fragen verstummten nicht, als der geistig behinderte Ulvi K. wegen Mordes verurteilt wurde.

Nun gibt die Dokumentation "Mord ohne Leiche" des Bayerischen Fernsehens, die an diesem Mittwoch in der ARD gesendet wird, eine frappierende Antwort: Zumindest geschah wohl nicht das, was in den Akten der bayerischen Ermittler und im Urteil des Landgerichts Hof steht. Der Fall Peggy könnte nach elf Jahren zu einem Polizei- und Justizskandal werden.

Hundertschaften der Polizei, Spürhunde, Kriminalisten und Tornados der Bundeswehr suchten im Mai 2001 nach Peggy. Das Kind war nach der Schule wenige Meter vor seinem Elternhaus verschwunden. Man fand keine Faser, kein Haar, keinen Fußabdruck von ihr, auch nicht den Schulranzen - weder in Lichtenberg noch in den angrenzenden Wäldern.

Doch es gab Zeugen, die Peggy an diesem Tag noch gesehen hatten. Eine Schülerin, die gegen Mittag in einem Bus saß und das Kind beobachtete. Und zwei Jungen, die Peggy nach 15 Uhr vor der Bäckerei trafen. Sie sagten, das Mädchen sei dort in einen roten Mercedes mit tschechischem Kennzeichen gestiegen. Sie seien sich ganz sicher, sagten die Jungen der Polizei.

Die Spur des Autos verlor sich ebenso wie alle anderen Anhaltspunkte. Peggys Mutter lenkte den Verdacht auf den Nachbarsjungen Ulvi K. Der war damals 23 Jahre alt, er war geistig behindert, dick und schwerfällig und hatte den Verstand eines achtjährigen Kindes. Ulvi war das Gespött der Lichtenberger Kinder, er zog sich schon mal im Bushäuschen aus und spielte mit seinem Geschlechtsteil.

"Sein Alibi ist lückenlos"

Die Soko "Peggy" nahm Ulvi fest und brachte ihn in eine psychiatrische Klinik. Der Verdacht: Er habe das Mädchen umgebracht, um ein Sexualverbrechen zu vertuschen. Die Ermittlungen aber entlasteten Ulvi. Zuerst hatte er am Nachmittag einem Nachbarn Essen aus der Gaststätte seiner Eltern gebracht, danach war er bei einem Rentner zum Holzmachen. "Sein Alibi ist lückenlos", sagt Herbert Manhart, Leiter der Soko. Er wurde von dem Fall abgezogen.

Der damalige bayerische Innenminister Günther Beckstein (CSU) setzte die Soko "Peggy II" ein. Die Fahndung hatte politische Brisanz bekommen. Es galt es als nicht hinnehmbar, dass ein Kind verschwindet, und die Tat nicht aufgeklärt werden kann.

Die Ermittler sollen den ebenfalls in der Klinik einsitzenden Betrüger Peter H. beauftragt haben, Ulvi auszuhorchen. "Sie sagten, wenn ich ihnen helfe, helfen sie mir auch. Dann gehen sie zum Staatsanwalt und versuchen, mich rauszuholen. Da habe ich das Spiel mitgemacht", sagt H. heute. Bald berichtete H. der Soko, Ulvi habe die Tat gestanden. Man begann den geistig Behinderten zu vernehmen, stundenlang, mehrfach ohne Anwalt. Die Beamten drohten mal mit Gefängnis, mal schenkten sie Ulvi Schokolade. Der stritt die Tat ab - auch als die Ermittler vorgetäuscht haben sollen, sie hätten Peggys Blut an seinem Overall gefunden.

Nach 40 Befragungen legte Ulvi ein Geständnis ab. Das zumindest steht in einem Gedächtnisprotokoll. Eine Tonbandaufnahme gibt es von der Aussage nicht. Es sei ausgerechnet in dem Moment kaputt gewesen, hieß es. Ulvi schilderte angeblich detailliert, wie er Peggy auf einem Pfad verfolgt habe. Sie sei gestolpert und habe sich ihr Knie an einem Stein aufgeschlagen. Er habe die Wunde versorgen wollen, Peggy habe geschrien, er habe ihr Mund und Nase zugedrückt, bis sie sich nicht mehr rührte. Er habe die Leiche hinter eine Mauer getragen, sei dann zur Gaststätte gelaufen. Sein Vater habe das tote Kind mit dem Auto weggebracht.

Starke Zweifel an K.'s Geständnis

An der Version gab es starke Zweifel. Ulvi hätte nur etwa 30 Minuten gehabt. Im Auto der Familie K. fand sich keine Spur von Peggy. Die Suchtrupps schließlich hatten weder einen blutigen Stein noch Schleifspuren an der bezeichneten Stelle gesehen, die Spürhunde nicht angeschlagen.

Ulvi widerrief das Geständnis, doch er wurde angeklagt und verurteilt. In den Ermittlungsakten stand, die beiden Jungen aus Lichtenberg hätten ihre Aussage über den roten Mercedes zurückgezogen. Sie hätten Peggy doch nicht gesehen. Im Prozess bestätigte der Zeuge Peter H., Ulvi habe ihm die Tat gestanden.

H. gibt heute an, alles erfunden zu haben. "Ich hab halt gedacht, wenn die dich rausholen, dann kannst du ja ein bisschen lügen, ist ja wurscht." Eigentlich sei alles falsch gewesen, was er behauptet habe, auch vor Gericht. Beamte hätten ihm gesagt, "dass ich aussagen soll, er hat sie umgebracht, gedrosselt, bis sie tot war." Das behauptet H. in der ARD-Doku.

Mittlerweile sagen die beiden Jugendlichen, sie hätten das rote Auto mit Peggy doch gesehen. Das würden sie auch vor Gericht bestätigen. Auch die Tatzeit ist wohl nicht haltbar. In den Akten fand sich der Fahrtenschreiber des Busses, von dem aus eine Schülerin Peggy gesehen hatte. Die Auswertung ergab, dass er zehn Minuten später als von der Polizei angegeben den Marktplatz passierte. Das aber würde die Zeit, die Ulvi für die Tat gehabt hätte, so weit einschränken, dass er als Täter nicht mehr in Frage käme.

Für Anwalt Michael Euler reichen die neuen Erkenntnisse, um beim Landgericht Bayreuth die Wiederaufnahme des Verfahrens zu beantragen. Die zuständige Staatsanwaltschaft wollte sich zu den neuen Aussagen der Zeugen nicht äußern.

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"Mord ohne Leiche - Neue Spuren im Fall Peggy Knobloch", Mittwoch, 18. Juli, 23 Uhr, ARD

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