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21. Februar 2013, 16:13 Uhr

Spektakuläre Wende

Polizei löst Chefermittler im Fall Pistorius ab

Hilton Botha führt nicht länger die Ermittlungen im Fall Oscar Pistorius. Die Polizei will einen neuen Leiter installieren. Zuvor war bekannt geworden, dass der Beamte selbst des versuchten Mordes in sieben Fällen verdächtig ist.

Pretoria - Die südafrikanische Polizei hat Hilton Botha die Leitung der Ermittlungen im Fall Oscar Pistorius entzogen. "Wir erkennen die Bedeutung und Tragweite der Angelegenheit an", sagte Polizeichefin Riah Phiyega auf einer Pressekonferenz in Pretoria. Zuständig für den Fall seien künftig nicht mehr die Polizisten der Provinz Gauteng, sondern nationale Behörden.

Neuer Leiter der Ermittlungen wird demnach Vinesh Moonoo. Dieser sei "Top-Ermittler" der südafrikanischen Polizei und werde ein Team aus erfahrenen und fähigen Kriminalbeamten zusammenstellen.

Zuvor war bekannt geworden, dass gegen Botha ermittelt wird. Im Mai muss er wegen des Verdachts auf siebenfachen Mordversuch vor Gericht erscheinen. Botha und zwei weitere Beamte hatten laut Polizei während eines Einsatzes im Oktober 2011 auf einen Minivan geschossen, in dem sieben Personen saßen. Die Nationale Anklagebehörde (NPA) hatte sich deshalb dafür ausgesprochen, Botha von den Ermittlungen im Fall Pistorius abzuziehen.

Der 26-jährige beinamputierte Profisportler wird des Mordes an seiner Freundin Reeva Steenkamp beschuldigt. Das Model war am Valentinstag im Haus des "Blade Runners" durch die Toilettentür erschossen worden. Pistorius behauptet, er habe seine Freundin für einen Einbrecher gehalten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm hingegen Vorsatz vor.

Die Entscheidung, ob Pistorius gegen Kaution freikommt, wurde am dritten Tag der Anhörungen erneut verschoben. Der Richter will nun am Freitag darüber entscheiden.

Die Staatsanwaltschaft betonte laut "Telegraph", dass man in Südafrika auch für vier Schüsse auf einen mutmaßlichen Einbrecher angeklagt werden könne. "Er wollte töten", sagte Ankläger Gerrie Nel über Pistorius. Der 26-Jährige tendiere zu Gewalt - als Beleg nannte Nel einen Vorfall, bei dem Pistorius einem Fußballer gedroht haben soll, er breche ihm die Beine.

Die Verteidigung machte hingegen erneut deutlich, dass die Anklage ihrer Meinung nach desaströse Mängel und schwache Beweise aufweise. Die Schüsse seien nicht geplant gewesen. Pistorius und Steenkamp hätten eine Liebesbeziehung geführt, so Anwalt Barry Roux. Seinen Angaben zufolge hat die Autopsie ergeben, dass Steenkamps Blase leer war. Dies belege, dass die 29-Jährige auf Toilette gegangen und nicht - wie von der Anklage behauptet - vor Pistorius ins Bad geflohen sei.

Botha ermittelte schon 2009 gegen Pistorius

Auch Botha war am Vormittag noch einmal vor Gericht befragt worden. Die Vorwürfe gegen ihn kamen dabei jedoch nicht zur Sprache. Es ging unter anderem um einen Vorfall aus dem Jahr 2009. Eine Frau hatte Pistorius beschuldigt, sie angegriffen zu haben - schon damals ermittelte Botha. Ergebnis: Die Frau hatte sich selbst verletzt, als sie gegen die Tür des Athleten getreten hatte.

Am Mittwoch hatten sich die Kräfteverhältnisse im Gerichtssaal zugunsten der Verteidigung verschoben. Anwalt Roux konnte Mängel in der Anklage aufzeigen. So mussten die Ermittler unter anderem eingestehen, dass sie Pistorius' Version der Tatnacht nicht widerlegen können.

Botha musste nun einräumen, dass die Ermittlungen am Tatort "besser hätten geführt werden können". Die Verteidigung kritisierte unter anderem, dass er keinen Schutz über den Schuhen getragen hatte, als er in der Mordnacht das Haus zur Spurensicherung betrat.

Vorerst zurücknehmen musste die Staatsanwaltschaft auch ihre Behauptung, es sei Testosteron im Haus von Pistorius gefunden worden. "Wir können nicht sagen, was es ist", sagte der Sprecher. Erst die wissenschaftliche Analyse könne das klären. Verteidiger Roux hatte erklärt, bei dem Produkt handele es sich um ein "pflanzliches Heilmittel", das sein Mandant einnehmen dürfe.

hut/AP/Reuters/AFP

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