Von Benjamin Dürr, Pretoria
Auf dem Rücksitz des Polizeigeländewagens konnte Oscar Pistorius sich noch unter einer Jacke verstecken. Später, in Saal C des Gerichts in Pretoria, stand der Mann ungeschützt vor der Weltöffentlichkeit. Er hörte, der Staat Südafrika klage ihn wegen Mordes an. Dann begann er zu schluchzen und vergrub das Gesicht in seinen Händen. Kameras klickten.
Oscar Pistorius, einer der bekanntesten Sportler der Welt, soll am Valentinstag seine Freundin erschossen haben, das Model Reeva Steenkamp. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der 26-Jährige sie vorsätzlich getötet hat. Pistorius bestreitet den Mordvorwurf "auf das Schärfste", wie es in einer Mitteilung heißt. Der Fall sei eine "schreckliche, schreckliche Tragödie".
Am Dienstag soll der Haftrichter in Pretoria entscheiden, ob Pistorius auf Kaution freikommt. Bis dahin wird er in der Zelle einer Polizeiwache festgehalten und nicht in ein Gefängnis verlegt.
Steenkamps Tod wühlt Südafrika auf. Manche glauben, Pistorius habe - so wie früh in südafrikanischen Medien berichtet - seine Freundin möglicherweise mit einem Einbrecher verwechselt und versehentlich getötet. Doch viele glauben nicht an ein Versehen. Bisher sind nur wenig Fakten bekannt: Reeva Steenkamp wurde am Donnerstag tot aufgefunden; die Tatwaffe ist auf Oscar Pistorius zugelassen, der mit Steenkamp wohl allein im Haus war. Und: Die Polizei war schon einmal wegen eines Zwischenfalls gerufen worden.
Inzwischen entsteht ein Bild von Pistorius, das im Widerspruch zur bisherigen öffentlichen Wahrnehmung steht. An seinem Bett habe stets ein Baseballschläger gestanden, berichteten südafrikanische Medien. Wenn er nachts nicht schlafen konnte, habe er Schießen geübt.
Er wurde als "Blade Runner" gefeiert
Pistorius galt in Südafrika als Held und weltweit als Inspiration für Menschen mit Behinderung. Er trat als erster beidseitig amputierter Sportler bei den Olympischen Spielen an, holte 2012 bei den Paralympics Gold und stellte einen paralympischen Rekord auf. Er wurde als "schnellster Mensch ohne Beine" und "Blade Runner" gefeiert.
Es geht inzwischen aber nicht mehr nur um den Absturz eines Sporthelden und den tragischen Tod eines Models - sondern um Gewalt gegen Frauen in einem viel größeren Zusammenhang. Im Onlineportal Daily Maverick schreibt Rebecca Davis, Pistorius' Heldenstatus dürfe nicht blind machen. Die Fakten deuteten auf eines hin: "einen grausamen Akt häuslicher Gewalt". Südafrika ist verrückt nach Helden und nach Sport. Davis schreibt, Athleten würden als die "männlichsten Männer" gefeiert. Aggressive, testosterongesteuerte Männlichkeit habe einen hohen Stellenwert.
Oscar Pistorius' Freundin sei nur eine von rund 2500 Frauen, die jedes Jahr in Südafrika ermordet würden, sagte Lerato Moloi vom Institute of Race Relations. Sie hoffe, dass nun das Problem der Gewalt gegen Frauen zum Thema werde, erklärte Moloi der Tageszeitung "Mail&Guardian".
Erst vor ein paar Tagen löste der Fall von Anene Booysen Entsetzen aus. Das Mädchen war von einer Gruppe Jugendlicher um ihren Ex-Freund vergewaltigt worden. Sie wurde so schwer verletzt, dass sie wenig später starb. Seither ist das Land nicht mehr zur Ruhe gekommen. Frauen haben zum "BlackFriday" aufgerufen, um an Anene Booysen zu erinnern.
Auch Reeva Steenkamp, die getötete Freundin von Oscar Pistorius, engagierte sich gegen sexuelle und häusliche Gewalt: "Tragt schwarz im Kampf gegen Vergewaltigung und Frauenmissbrauch #blackfriday", twitterte sie. Wenig später war sie tot.
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