Fall Roman Polanski "Eine groteske Justizposse"

Die Festnahme Roman Polanskis hat weltweit für Empörung gesorgt. Die Wut richtet sich gegen die Schweizer Justiz. Filmschaffende rätseln: Warum wurde der Regisseur ausgerechnet jetzt festgenommen - für ein Verbrechen, das er vor mehr als 30 Jahren beging?

Von Sebastian Ramspeck, Zürich


Zürich - Es sollte ein festlicher Abend werden. Das Publikum war am späten Sonntag zum Zürcher Filmfestival gekommen, um der Verleihung eines Ehrenpreises beizuwohnen. Roman Polanski, einer der erfolgreichsten und renommiertesten Regisseure der Welt ("Tanz der Vampire", "Chinatown", "Der Pianist"), sollte für sein Lebenswerk ausgezeichnet werden.

Doch statt vor die Gäste zu treten, wurde der 76-jährige französisch-polnische Filmemacher bereits am Samstag völlig überraschend bei seiner Einreise in die Schweiz verhaftet. Seitdem sitzt er im Zürcher Bezirksgefängnis in Auslieferungshaft - auf Geheiß der USA, wegen eines Verbrechens, das er vor mehr als 30 Jahren in den Vereinigten Staaten beging.

Die Schweizer Justiz beruft sich auf bestehendes Recht, die Kulturschaffenden des Landes sind peinlich berührt und wütend. Nadja Schildknecht, Mitbegründerin und Geschäftsführerin des Zürcher Festivals, schritt gestern schwarz gekleidet vor die Leinwand des Kinos "Corso", blickte verstört ins Publikum und sagte mit heiserer Stimme: "Heute ist ein schrecklicher Abend."

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Star-Regisseur in Nöten: "Free Polanski"

Immer wieder verließen Gäste den Saal, das Mobiltelefon am Ohr, und kamen mit düsterer Mine zurück. Ein Mann brach, offenbar unter dem Schock der Nachricht, sogar ohnmächtig zusammen. Zwei Ärzte aus dem Publikum eilten herbei, wenige Minuten später stürmten Rettungssanitäter mit einer Trage ins Kino.

Mit versteinerter Mine trat schließlich Joëlle Bourgois, französische Botschafterin in der Schweiz, vor die Festivalbesucher und verlas ein Kommuniqué. Frankreich "bedaure außerordentlich, dass dem Mann, der bereits zahlreiche Prüfungen in seinem Leben überstehen musste, noch eine weitere auferlegt wurde". Als Reaktion auf Polanskis Verhaftung habe Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner bei seiner Schweizer Kollegin Micheline Calmy-Rey interveniert.

Nicht nur in der Schweiz sorgte die Festnahme Polanskis am Zürcher Flughafen für Schlagzeilen. "Regisseur Polanski wegen Sex-Anklage verhaftet", meldete der amerikanische Nachrichtensender CNN am Sonntag als "Top Story". Der polnische Außenminister Radek Sikorski forderte die Freilassung des Regisseurs.

Polanski drohen vier Jahre Haft

Das Erstaunen, der Schock, mit dem weltweit auf den Vorfall reagiert wird, ist der Plötzlichkeit dieses Zugriffs geschuldet: 1977 hatte Polanski in Los Angeles eine damals 13-Jährige vergewaltigt. Ein Jahr später bekannte er sich schuldig, floh aus Angst vor einer Gefängnisstrafe in seine Geburtsstadt Paris und kehrte nie wieder in die USA zurück. Selbst der Oscar-Verleihung 2003, bei der Polanski für den Film "Der Pianist" als bester Regisseur ausgezeichnet wurde, blieb er fern. Amerikanischen Rechtsexperten zufolge droht ihm bei einer Auslieferung in die USA und einem möglichen anschließenden Prozess eine Haftstrafe von bis zu vier Jahren.

Zwar hat ihm sein Opfer mittlerweile öffentlich verziehen, nicht aber die amerikanischen Behörden. Nachdem das US-Justizministerium und die Polizei von Los Angeles auf die geplante Zürich-Reise Polanskis aufmerksam geworden waren, ging bei der Schweizer Regierung ein Haftersuchen ein.

Für Irritationen sorgt der Zeitpunkt des Zugriffs, zumal Polanski seit Jahren immer wieder in dem Land weilt und dem Nobelskiort Gstaad eng verbunden ist. Die Schweizer Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf wies am Sonntagabend Spekulationen zurück, wonach die Verhaftung auf diplomatischen Druck der USA erfolgt sei.

Vielmehr lieferte die Ministerin eine lapidare Erklärung: In früheren Jahren habe man erst nachträglich von den Besuchen erfahren. Diesmal aber, sagte Widmer-Schlumpf, sei die Visite des Filmemachers "sehr groß angekündigt" worden.

Auch warum Polanski nicht schon früher anlässlich eines anderen öffentlichen Auftritts in Europa verhaftet wurde, ist weiter unklar. Die Online-Ausgabe der amerikanischen "New York Times" zitierte einen Polizeisprecher aus Los Angeles, wonach die Verhaftung mehrmals geplant war, namentlich in England. Die Anwälte Polanskis widersprachen dieser Darstellung.

Es gibt allerdings gute Gründe dafür, dass der Zugriff nun in der Schweiz erfolgte. Das Auslieferungsabkommen zwischen der Eidgenossenschaft und den USA enthält keine Klausel, die sich in vergleichbaren Vereinbarungen mit anderen Staaten findet. Diese besagt, dass es nur dann zu einer Auslieferung kommt, wenn die Tat des Beschuldigten in dem Land, das ausliefern soll, noch nicht verjährt ist. In dem Abkommen mit den USA wird jedoch nur auf die Verjährung nach amerikanischem Recht abgestellt.

In der Causa Polanski ein entscheidender Punkt: Im Gegensatz zu den meisten europäischen Staaten verjährt in den USA Kindesmissbrauch nicht. Übrigens wurde in der Schweiz im vergangenen November ein Verfassungsartikel gutgeheißen, der ebenfalls die Unverjährbarkeit von Kindesmissbrauch vorsieht. Die notwendigen Gesetzesänderungen werden derzeit erarbeitet.

"Ein ungeheurer Kulturskandal"

Dennoch reagieren Filmschaffende aus der ganzen Welt auf die Aktion bestürzt und wütend. Der griechisch-französische Regisseur Costa-Gavras und die italienische Schauspielerin Monica Bellucci unterzeichneten eine Petition zur Freilassung Polanskis. Auch dessen Kollege Andrzej Wajda verfasste im Namen von polnischen Filmschaffenden eine Protestnote an die Regierungen der USA, der Schweiz und Polens.

Das Vorgehen der Behörden sei nicht nur eine "groteske Justizposse, sondern auch ein ungeheurer Kulturskandal", teilte der Verband der Schweizer Regisseure mit. Vor dem Kino, in dem Polanski hätte ausgezeichnet werden sollen, wurden Transparente entrollt. "Free Polanski" hieß es dort und: "Polanski-Verhaftung - Schande für kulturlose Schweiz."

Im Umfeld der eidgenössischen Regierung ist man sich der Brisanz des Falls durchaus bewusst: "Das bringt die Schweiz in eine sehr dumme Lage", sagte ein enger Mitarbeiter eines Regierungsmitglieds am Sonntagabend. Für das Ansehen der Schweiz sei die Sache "sicher nicht gut", mahnte auch Jean-Frédéric Jauslin, der Direktor des Bundesamts für Kultur.

Justizministerin Widmer-Schlumpf zeigt sich von der Kritik unbeeindruckt: "Wir finden in der Schweiz, dass das Recht durchgesetzt werden soll." Polanskis Popularität sei angesichts des Haftbefehls ohne Bedeutung: "Die Verhaftung war rechtsstaatlich der einzig mögliche Weg." Innen- und Kulturminister Pascal Couchepin stellte sich auf ihre Seite: "Das ist eine rechtliche Frage und keine Kulturfrage."

Die Lage: "Très difficile"

Polanski hat sich mittlerweile in Zürich einen Anwalt gesucht. Gegen die Auslieferungshaft kann er ebenso klagen wie gegen den noch bevorstehenden Entscheid des Schweizer Justizministeriums, ob es tatsächlich zur Auslieferung kommen soll. Dafür müssen die USA innerhalb von 60 Tagen ein Gesuch einreichen.

Gut möglich, dass das oberste Schweizer Gericht über den Fall befinden wird. Denkbar aber auch, dass Polanski freiwillig in die USA reist - ein US-Richter hatte Anfang des Jahres erstmals die Möglichkeit offen gelassen, den Fall ad acta zu legen.

Vor Schweizer Gerichten stehen Polanskis Chancen nicht allzu gut. In fast allen Fällen werde die Auslieferungshaft bestätigt, sagt der Jurist Peter Popp. Auch gegen eine Auslieferung gibt es im Fall Polanski wohl wenige juristische Argumente.

Die französische Botschafterin Bourgois weiß um den Ernst der Lage. "Sehr schwierig, très difficile", murmelte sie am Sonntagabend, kurz bevor sie das Zürcher Filmfestival in einer schwarzen Limousine verließ.

Forum - Sollen die USA auf der Auslieferung Roman Polanskis bestehen?
insgesamt 994 Beiträge
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JensDD 28.09.2009
1. Wie würden all die
Zitat von sysopWegen sexuellen Missbrauchs einer 13-Jährigen stand Roman Polanski vor über 30 Jahren in den USA vor Gericht. Er flüchtete während des Prozesses und kehrte nie wieder in die Staaten zurück. Jetzt wurde er in der Schweiz festgenommen. Sollen die US-Behörden aus der Auslieferung des Regisseurs bestehen?
aufgeregten Gutmenschen denn reagieren wenn ein "ganz normaler" Sexualstraftäter nach 30 jahren gefaßt würde? Relativiert künstlerischer Ruhm individuelle Schuld?
villefranche 28.09.2009
2. Sollen die US-Behörden aus der Auslieferung des Regisseurs bestehen?
ja, denn die Zeit heilt keine Verbrechen. Er hat sich durch Flucht seiner Verantwortung entzogen,damals eine Minderjährige missbraucht. Was würde man heute - 2009 - sagen, wenn sich ein Vergewaltiger der Verantwortung entziehen wollte ? Nur weil er prominent ist keine Strafverfolgung ? Was ist das für ein Auffassung von Rechtssystem. Nur Arme in den Knast ?
specchio, 28.09.2009
3. So wollten es doch alle
Also die allgemeine Forderung bei derartigen Vorwürfen (oder Verbrechen, denn Polansky hat es ja zugegeben) lautet doch, dass die Verfolgung und die Strafen zu lasch sind. Hier hätte es zwar anders laufen sollen, aber eigentlich müsste Gott und die Welt doch zufrieden sein? Und dass das Opfer vetrzeiht und vergibt, ist wahrscheinlich nobel, aber doch auch nicht automatisch strafbefreiend. Ok, mir ist das eigentlicch egal, was die mit dem alten Mann machen, aber irgeendwie kommt es mir im Moment folgerichtig und gesetzeskonform vor.
Dagget, 28.09.2009
4.
Ich versteh die Aufregung auch nicht. Der Mensch hatte die Tat gestanden und sich danach abgesetzt, um der wohl verdienten Strafe zu entgehen. Was sollt das, wenn die Tatschuld erwiesen ist, gehört er auch ins Gefängnis, ganz gleich, was für gute Filme er auch gedreht haben mag, speziell bei einem derartigen Schwerstverbrechen.
Tabman 28.09.2009
5.
Das sollte man sich merken: Als Sexualstraftäter mal eben ein paar erfolgreiche Kinofilme drehen, um sich das Wohlwollen der Öffentlichkeit zu sichern.
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