Mordfall Stephanie Frau Becker erkennt ein Muster

Stephanie wurde missbraucht und von der Teufelstalbrücke bei Jena geworfen. Nach fast 27 Jahren konnte die Polizei den mutmaßlichen Täter schnappen. Die verantwortliche Ermittlerin erzählt, wie das gelang.

Landespolizeiinspektion Jena

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Claudia Becker saß allein in ihrem Büro vor dem Rechner, als sie die entscheidende Spur fand. Monatelang hatte sie Tausende Seiten Akten gelesen. Ordner 67, so erinnert sich die Polizistin, muss es gewesen sein: Darin erkannte sie im Februar 2017 ein Muster.

Es ist dieser einsame Moment in dem Büro einer Kommissarin aus Jena, der es dem SEK fast ein Jahr später erlauben sollte, einen 65-Jährigen festzunehmen. Und damit offenbar einen Mordfall aufzuklären, der fast 27 Jahre zurückliegt.

Die Ermittler haben rekonstruiert, was damals geschah: Im August 1991 spielte Stephanie, zehn Jahre alt, mit ihren beiden jüngeren Geschwistern und einer Freundin im Goethepark in Weimar.

Ein Mann ging auf die Kinder zu, bat Stephanie und ihre Freundin, ihm das Schloss Belvedere zu zeigen. 50 Mark sollten sie dafür bekommen. Stephanie willigte ein. Um 16 Uhr werde sie wieder zurück sein, sagte der Mann noch.

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Durchbruch nach 27 Jahren: Der Mordfall Stephanie

Als es 16 Uhr war und Stephanie immer noch nicht zurück, brachte die Freundin Stephanies Geschwister zu den Eltern. Sie erzählte, dass das Mädchen mit einem Unbekannten verschwunden sei. Der Vater nahm sich sein Fahrrad, suchte im gesamten Park nach seiner Tochter. Doch er fand sie nicht.

Um 18 Uhr ging die Mutter zu einem Getränkeladen in der Nähe des Parks und verständigte die Polizei. Beamte durchforsteten ganz Weimar - ohne Erfolg.

Zwei Tage später, am 26. August 1991, entdeckten zwei Kinder Stephanies Leiche. Sie lag unter der Teufelstalbrücke, angezogen. Nur ihre Brille und rosa Sandalen fehlten.

Heute gehen die Ermittler davon aus, dass der Mann das Kind missbrauchte - und es von der Brücke warf, um die Tat zu vertuschen. Laut einer Pressemitteilung starb Stephanie an den Folgen des Sturzes; sie könnte also noch gelebt haben, als der Mann sie in die Tiefe stieß. Genaues will die Polizei dazu nicht sagen.

Kriminalhauptkommissarin Claudia Becker
DPA

Kriminalhauptkommissarin Claudia Becker

Die Suche nach einem Täter blieb lange erfolglos. Erst im Oktober 2016 kam neue Bewegung in die Ermittlungen. Die Soko "Altfälle" wurde gegründet, nachdem man am Fundort der Leiche von Peggy Knobloch DNA-Spuren des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt entdeckt hatte. Später stellte sich heraus, dass es sich dabei um eine Verunreinigung handelte.

Im Video: Der Fall Peggy Knobloch (13.05.2001)

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Doch da hatte die Soko ihre Arbeit schon aufgenommen und die drei einzigen ungeklärten Kindsmorde im Raum Jena neu aufgerollt. Die zwanzigköpfige Truppe durfte weitermachen, auch ohne eine mögliche Verbindung zum NSU.

Claudia Becker leitet die Ermittlungen der Soko. Die 42-Jährige ist seit 1995 bei der Polizei. Sie ermittelte schon wegen Sexualdelikten und Drogenkriminalität. Im November 2016 kam sie zur Soko "Altfälle".

Die Arbeit der Gruppe bestand zunächst darin, den Inhalt von 300 Ordnern zu digitalisieren. Tausende Seiten Ermittlungen wurden gescannt, vom Fall Stephanie und zwei anderen ungeklärten Kindsmorden: am neunjährigen Bernd und der zehn Jahre alten Ramona.

20 Ordner von Hand abgeschrieben

Die 20 Ordner zum Fall Stephanie mussten von Hand abgeschrieben werden. Wie Butterbrotpapier seien die Dokumente gewesen, sagt Becker, und damit nicht lesbar für einen Scanner.

Nach der Digitalisierung begann Becker mit der Lektüre. Allein die Akten zum Fall Bernd passen in 15 Umzugskartons - und die Ermittlerin hat sie alle gelesen, monatelang. Ein Fleißarbeit, die sich auszahlen sollte.

Denn in jenen Akten stieß Becker auf einen Verdächtigen, der zwar für den Mord an Bernd ein Alibi hatte. Doch der Mann hatte zuvor Sexualdelikte an Kindern begangen, die dem, was Stephanie geschah, ähnelten. "Den müssen wir prüfen", sagte sie zu einer Kollegin. Worin genau die Ähnlichkeit bestand, will Becker nicht sagen.

Spur 4.3.1, unter dieser Nummer war der Verdächtige abgespeichert. Ein 65-jähriger Lkw-Fahrer, der in Berlin lebte.

"Wie eine Mannschaft bei Olympia"

Am vergangenen Sonntag, um 8.04 Uhr, griffen die Beamten schließlich in Berlin zu. Das Spezialeinsatzkommando sägte die Haustür auf. Der Verdächtige empfing die Beamten mit einer Eisenstange, nach einem kurzen Handgemenge überwältigen sie den 65-Jährigen.

Noch in seinem Haus gestand er die Tat.

Als sie von dem Geständnis erfuhr, sei bei ihr "alles abgefallen", wie Becker es nennt. "Ich wusste, dass wir doch auf der richtigen Spur waren, dass ich meinem Bauchgefühl vertrauen kann." Sie könne noch gar nicht fassen, was sie und die Soko erreicht hätten. Das Team fühle sich wie eine Mannschaft bei Olympia, die auf dem Treppchen steht und für jahrelange Arbeit belohnt wird.

Beckers Verdienst bestand darin, alle drei Altfälle gemeinsam zu betrachten. Ihr Erfolg wirft zugleich die Frage auf, warum das nicht schon früher geschah.

1996 saß der 65-Jährige laut Staatsanwaltschaft bereits eine mehrjährige Freiheitsstrafe wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern ab. Dem MDR zufolge hat er im Mai 1994 mehrere Kinder missbraucht und zwei davon entführt. Hätte man nicht schon damals auf den Mann kommen können?

Becker winkt ab: "Nein, das ist kein Fehler", sagt sie. Man habe nie Fehler gesucht, die andere Ermittler gemacht hätten.

Mit ihrem Erfolg ist Beckers Arbeit nicht zu Ende. Da sind noch Ramona und Bernd - auch die Morde an diesen Kindern will sie aufklären.



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