Fall Stephanie Mario M. für nicht verhandlungsfähig erklärt

Kinderschänder Mario M. bekommt Aufschub: Nachdem er 20 Stunden auf dem Dach des Dresdner Gefängnisses ausharrte, hat ihn nun ein Amtsarzt für verhandlungsunfähig erklärt. Der Prozess gegen den mutmaßlichen Vergewaltiger und Entführer von Stephanie wird verschoben.


Dresden - Im Haftkeller des Landgerichts wurde die Verhandlungsfähigkeit des Angeklagten von einem Amtsarzt untersucht. Nach Angaben eines Gerichtsmediziners leidet Mario M. unter Gleichgewichtsstörungen und Müdigkeit. Außerdem habe er sich eine Verletzung an der linken Brustseite zugegezogen und kaum gegessen und getrunken. Deswegen sei er nicht verhandlungsfähig. Der Prozess soll am 21. November fortgesetzt werden.

Mario M. vor Gericht: SEK-Beamte bewachten den Angeklagten
DPA

Mario M. vor Gericht: SEK-Beamte bewachten den Angeklagten

Der Angeklagte wurde von sieben vermummten Angehörigen eines Spezialeinsatzkommandos der Polizei eskortiert und trug Hand- und Fußfesseln. Das Sonderkommando bewachte M. auch während der kurzen Verhandlung. Der Richter ordnete an, dass der Gefangene auch im weiteren Prozessverlauf während der Verhandlungen an Händen und Füßen gefesselt bleiben müsse.

Im Gericht waren zuvor die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt worden. Für die Begleitung beim Transport wird der 36 Jahre alte vorbestrafte Sexualstraftäter Mario M. statt von zwei nun von vier Justizbediensteten bewacht, sagte der Sprecher des sächsischen Justizministeriums, Martin Marx. Dazu sei die Zahl der Justizwachtmeister im Gericht aufgestockt worden. Auch die Polizei habe zusätzliche Vorkehrungen getroffen, um die Sicherheit während der Fahrt von der Justizvollzugsanstalt zum Landgericht zu gewährleisten, hieß es.

Zuschauer und Journalisten mussten sich Sicherheitskontrollen unterziehen. Das ursprünglich für den zweiten Verhandlungstag angeordnete allgemeine Fotografier- und Filmverbot für das gesamte Landgericht wurde wieder aufgehoben. Im Gerichtssaal selbst und vor dem Saal sind wie bisher Aufnahmen verboten. Das Verbot war am Montag nach dem ersten Prozesstag auch zum Schutz der 14 Jahre alten Stephanie erlassen worden.

Nach der spektakulären Flucht des Mannes auf das Dach eines Gefängnisgebäudes hatten die Eltern gestern angekündigt, dass ihre Tochter nicht vor Gericht erscheinen werde. Der mutmaßliche Vergewaltiger der 14-jährigen Dresdner Schülerin Stephanie war gestern Morgen um 7.24 Uhr bei einem Hofgang seinen beiden Bewachern entwischt und an der Außenfassade eines Zellengebäudes in die Höhe geklettert. Erst heute Morgen gegen 3.30 Uhr hatte er aufgegeben und das Dach des Gefängnisses verlassen. Das Motiv seiner Flucht ist bislang unklar.

Nach dem gestrigen Zwischenfall schließt der sächsische Justizminister Geert Mackenroth seinen Rücktritt nicht aus. Für eine solche Entscheidung sei es momentan noch zu früh, zunächst müsse der Sachverhalt aufgeklärt werden, sagte Mackenroth heute im ZDF-Morgenmagazin. "Ich klebe nicht an meinem Amt. Ich werde mich dann entscheiden, wenn wir den Sachverhalt mit Hilfe des Ausschusses im Landtag und mit anderen aufgeklärt haben." Derzeit stehe die Entscheidung zu einem möglichen Rücktritt aber nicht unmittelbar bevor.

Der 36 Jahre alte M. hatte zum Prozessauftakt am Montag ein umfassendes Geständnis abgelegt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Geiselnahme, Kindesentziehung und schweren sexuellen Missbrauch sowie Vergewaltigung vor. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu 15 Jahre Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Ein Urteil in dem Prozess wird für den 14. Dezember erwartet.

Die damals 13-jährige Stephanie war am 11. Januar 2006 in Dresden auf dem Schulweg entführt worden und blieb 36 Tage in M.s Gewalt. Der Mann soll sie mehr als hundert Mal sexuell missbraucht und einen Teil der Taten auf Video aufgenommen haben.

han/dpa/AP/AFP/Reuters



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