Prozessauftakt zum Fall Susanna "Ich habe ein Mädchen getötet"

Zum Prozessauftakt vor dem Landgericht Wiesbaden gibt Ali B. zu, die 14-jährige Susanna getötet zu haben. Eine Vergewaltigung streitet er ab - das Gericht versucht, das Frauenbild des Angeklagten zu verstehen.

Ali B. im Landgericht Wiesbaden
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Ali B. im Landgericht Wiesbaden

Von , Wiesbaden


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Für Eltern, deren Kind durch ein Verbrechen starb, ist die juristische Aufarbeitung von großer Bedeutung. Es geht um Schuld und Verantwortung, um Bestrafung und Sühne. Manche Eltern sehen in der Hauptverhandlung gegen den mutmaßlichen Täter einen Weg, ihr Leben in irgendeiner Form überhaupt fortsetzen zu können.

Für Susannas Mutter geht es bei dem Verfahren vor der 2. Strafkammer des Landgerichts Wiesbaden auch um das Andenken ihrer Tochter: eines Mädchens, 14 Jahre alt, dessen Leiche unter einem Haufen Reisig neben Bahngleisen am Rande eines Gewerbegebietes in Wiesbaden gefunden wurde. Ali B., ihr mutmaßlicher Mörder, soll das Mädchen in einer Vernehmung als "Schlampe" bezeichnet haben, weil für ihn angeblich alle Mädchen Schlampen sind, die alleine auf die Straße gehen dürfen.

Die Hände auf dem Rücken gefesselt wird Ali B. um 9.42 Uhr über eine Treppe aus dem Keller in Saal 0.020 geführt. Susannas Mutter betritt den Raum sechs Minuten später, nachdem die Fotografen und Kameraleute gegangen sind. Sie begegnet dem mutmaßlichen Mörder ihres Kindes mit festem Blick.

Den Ermittlungen zufolge war es Ali B., der Susannas Handy bei sich trug, als die Mutter auf der Suche nach ihrer Tochter in der Nacht ihres Todes wieder und wieder anrief. Er war es demnach, der sich als Susanna ausgab, der Mutter eine Textnachricht schickte und ihr vorgaukelte, Susanna sei nach Paris durchgebrannt.

Susanna solle "keinen Scheiß" machen, soll Ali B. gesagt haben

Ali B. ist 22 Jahre alt, ein schmaler, zierlicher Mann, der aus Sachu, einer Stadt in Kurdistan, einer sicheren Region im Nordirak, stammt. Er hat nur die Grundschule besucht, in der er zwei Klassen wiederholen musste. Im Oktober 2015 reiste er mit seinen Eltern und acht Geschwistern nach Deutschland ein.

Ali B. spricht kaum Deutsch. Vor Gericht sagt er, er habe keine zwei Monate in Wiesbaden einen Deutschkurs besucht, weil er nicht richtig habe schreiben können. Erst im Gefängnis habe er das jetzt gelernt.

Ali B. ist wegen Mordes und Vergewaltigung angeklagt. Er soll mit Susanna den Abend des 22. Mai 2018 in einer Asylunterkunft in Wiesbaden-Erbenheim verbracht haben. Dort war Ali B. mit seiner Familie in vier Räumen einquartiert. Susanna fühlte sich unwohl - so schildert es die Staatsanwältin zum Prozessauftakt. Einer Freundin schrieb sie via WhatsApp-Nachricht, sie habe Angst, sie wolle gehen, aber Ali B. drohe ihr, sie zu verfolgen.

Gegen ein Uhr soll Ali B. an einer Feldgemarkung in der Nähe der Unterkunft von Susanna Geschlechtsverkehr verlangt haben. Als sich die 14-Jährige wehrte, soll Ali B. sie mit einem Ast gewürgt oder geschlagen haben, um sie gefügig zu machen. Sie solle "keinen Scheiß" machen, dann würde auch er "keinen Scheiß" machen, trägt die Staatsanwältin vor.

Der Angeklagte streitet eine Vergewaltigung ab

Aus Angst und gegen ihren Willen habe Susanna den Geschlechtsverkehr über sich ergehen lassen und danach angekündigt, die Polizei zu verständigen. Ali B. habe ihr Handy und dessen Entsperrungscode verlangt und beschlossen, das Mädchen zu töten, um die Vergewaltigung zu verdecken.

Ali B. würgte Susanna laut Anklage von hinten mehrere Minuten lang mit dem Arm, bis sie starb. Danach hob er demnach ein 35 Zentimeter tiefes, ein Meter breites und 1,80 Meter langes Erdloch aus und legte Susannas Leichnam hinein. Wer ihm dabei half, ist ungeklärt.

"Sie haben das Recht, dieses Verfahren schweigend zu begleiten", wendet sich der Vorsitzende Richter Jürgen Bonk an Ali B. Doch der hat sich entschieden, sich zu seinen Lebensverhältnissen, seinem Werdegang und dem Vorwurf der Tötung einzulassen. Eine Vergewaltigung streitet er vehement ab.

Der Vorsitzende Richter Jürgen Bonk
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Der Vorsitzende Richter Jürgen Bonk

Ali B. erzählt aus seinem Leben. Wie er mit seinen Eltern und Geschwistern in ein Erstaufnahmelager in Gießen kam und die Familie Asyl beantragte. Der Antrag wurde im Dezember 2016 abgelehnt, ein Anwalt reichte Klage ein - ohne Begründung, das Verfahren blieb wegen Überlastung der Behörden liegen. Ali B. blieb in Deutschland.

Es gefiel ihm. Sein Tag begann gegen 12 Uhr mittags. Er schlief aus, frühstückte, traf Freunde in der Stadt, sie tranken Alkohol, rauchten Marihuana, manchmal gab es auch Kokain. Ali B. verliebte sich, er hatte eine Freundin und viel Zeit.

Wie muss eine gute Frau denn sein, fragt der Richter

Richter Bonk fragt Ali B. nach dessen Bild von Frauen. Der psychiatrischen Sachverständigen hatte der Angeklagte erklärt, was er unter einer "guten Frau" versteht. Ali B. sagt, er könne sich daran nicht erinnern.

"Eine gute Frau ist eine gute Frau", sagt er.

"Wie muss sie denn sein?", fragt der Vorsitzende.

"Ich will die Frage nicht beantworten."

"Zur Sachverständigen sagten Sie laut vorläufigem Gutachten, Sie hätten eine feste Vorstellung von einer guten Frau: Sie darf nicht arbeiten, sie soll putzen und kochen, keinen Kontakt mit anderen Männern haben, nicht alleine auf die Straße gehen und Jungfrau sein", sagt Richter Bonk.

Zum ersten Mal spricht Ali B. nun auf Deutsch, klar und deutlich hörbar: "Das mit der Jungfrau habe ich nicht gesagt!" Möglicherweise habe er gesagt, dass diese Meinung in Kurdistan üblich sei.

"Ich habe sie festgehalten: meine Hand um ihren Hals."

Dieser Aspekt wird ein wichtiger sein in diesem Verfahren: Mit welchem Frauenbild kam Ali B. nach Deutschland? Wie hat es sich in den wenigen Jahren verändert, die er in Deutschland lebte? Welche Rolle spielte es für seinen Umgang, sein Verhalten gegenüber den Mädchen, denen er begegnete?

Er habe Susanna im Februar vergangenen Jahres über einen Kumpel kennengelernt, sagt Ali B. Sie seien bis fünf Uhr in der Früh spazieren gegangen, hätten Musik gehört, sich an den Händen gehalten. Danach habe er sie auch im Beisein seines jüngeren Bruders und dessen Clique getroffen.

An jenem 22. Mai habe Susanna ihn zu einem Bekannten begleitet, mit dem er Alkohol habe trinken wollen. Die beiden Männer rauchten Marihuana, er selbst schlief ein, sagt Ali B. Susanna habe ihn geweckt, gemeinsam seien sie raus aufs Feld. "Wir sprachen über schlimme Sachen wie Sex. Erst wollte sie nicht. Beim zweiten Mal wollte sie."

Nach dem Geschlechtsverkehr sei Susanna gestürzt, habe sich verletzt, ihn dafür verantwortlich gemacht und mit der Polizei gedroht. "Ich habe sie festgehalten: meine Hand um ihren Hals." Zwei, drei Minuten danach habe er gedacht: "Vielleicht lebt sie noch." Er habe noch ihren Puls gefühlt, aber Susanna sei schon tot gewesen. "Ich weiß nicht, wie das geschehen konnte", sagt Ali B. "Vor meinen Augen war es schwarz."

Er sei nach Hause gegangen, habe geduscht, seine Freundin angerufen und auch zwei Freunde eingeweiht. "Ich habe ein Mädchen getötet", habe er ihnen gesagt. Ali B. trägt es emotionslos vor, der Dolmetscher übersetzt. Susannas Mutter weint. "Ich bekam große Angst", sagt Ali B. Er sei dann für ein paar Tage nach Paris gefahren. Kurz darauf reiste er hastig mit seiner Familie zurück in den Irak. Dort wurde er festgenommen und von der Bundespolizei zurück nach Deutschland gebracht.

Susannas Mutter erträgt Ali B.s Ausführungen

Dass Susanna 14 Jahre alt gewesen sei, habe er erst nach seiner Festnahme im Gefängnis erfahren, behauptet Ali B. Susannas Mutter erträgt seine Ausführungen tränenreich und still. Sie und Susannas jüngere Schwester treten in dem Verfahren als Nebenkläger auf. Die Mutter sei in psychologischer Betreuung und lange auf diesen Tag vorbereitet worden, sagt ihre Anwältin Petra Kaadtmann auf dem Gerichtsflur.

Kaadtmann ist davon überzeugt, der Prozess werde zeigen, dass Susannas Tod nicht das Resultat einer außer Kontrolle geratenen Straftat sei - sondern dass Ali B. ein planmäßiges Vorgehen nachzuweisen ist. Kaadtmann spricht von einem "Muster in der Verhaltensweise" des Angeklagten. Es ist ein Hinweis auf ein weiteres Verfahren wegen Vergewaltigung einer Elfjährigen gegen Ali B. und einen anderen Flüchtling, das am 18. März beginnen wird. Zudem wirft die Staatsanwaltschaft Ali B. auch schweren Raub in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung und Nötigung vor.

Die Sicherheitsvorkehrungen für den Prozess sind enorm. Der Fall wird als Beispiel angeführt für eine misslungene deutsche Flüchtlingspolitik. Rechtsgesinnte Demonstranten hatten angekündigt, sich zum Prozessauftakt auf dem Platz vor dem Landgericht zu versammeln. Ein Aufmarsch blieb aus.

Dennoch appellierte Richter Bonk an die Zuschauer im vollbesetzten Saal, "peinlich genau" die Regeln einzuhalten. Er werde in diesem Verfahren beim ersten Stören den Betreffenden des Saales verweisen.


Zusammengefasst: Am Landgericht Wiesbaden hat der Prozess gegen Ali B. begonnen. Der heute 22-Jährige soll im vergangenen Jahr die 14 Jahre alte Susanna F. vergewaltigt und danach ermordet haben. Zum Prozessauftakt gab der Angeklagte zu, das Mädchen getötet zu haben, bestritt aber eine Vergewaltigung. Wesentlich für den Prozess könnte werden, welchen Eindruck das Gericht vom Frauenbild des Angeklagten gewinnt.



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