Fall Susanna Was bei den Ermittlungen gegen Ali B. schief lief

Die Staatsanwaltschaft Wiesbaden hat Anklage gegen Ali B. erhoben. Er soll sich wegen Mordes, Kindesmissbrauchs und Raubes verantworten. In den Ermittlungen haben die Behörden kein gutes Bild abgegeben. Wo hakte es?

Ali B. nach seiner Festnahme im Juni 2018 in Wiesbaden
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Ali B. nach seiner Festnahme im Juni 2018 in Wiesbaden

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Die Vorwürfe gegen Ali B. sind schwerwiegend: Er soll die 14-jährige Susanna vergewaltigt und getötet haben. Außerdem sollen er und ein Komplize mehrfach eine Elfjährige missbraucht haben. Die Staatsanwaltschaft Wiesbaden hat deswegen Anklage gegen ihn erhoben. Neben Mord, Vergewaltigung und schwerem sexuellen Kindesmissbrauch wurde er auch wegen eines Raubes angeklagt.

Ali B. hat eingeräumt, Susanna getötet zu haben, eine Vergewaltigung und den Missbrauch der Elfjährigen bestreitet er. Der Missbrauch des Mädchens wird wohl in einem gesonderten Verfahren vor der Jugendschutzkammer verhandelt.

In den Ermittlungen gegen Ali B. kam es zu diversen Ungereimtheiten. Welche Fehler sind passiert? Warum blieb sein Asylantrag so lange liegen? Antworten im Überblick.

Flüchtling oder nicht?

Am 7. Juni 2018, nachdem Susannas Leiche gefunden worden war, sprach der Wiesbadener Polizeipräsident Stefan Müller in einer Presskonferenz über Ermittlungen, die bereits gegen Ali B. gelaufen waren. Darunter war die mutmaßliche Vergewaltigung eines elfjährigen Flüchtlingsmädchens.

Später zeigte sich: Das Mädchen ist gar keine Geflüchtete. Fünf Tage nach der Pressekonferenz teilten die Ermittler mit, es habe sich um eine Fehlinformation gehandelt. Der "Allgemeinen Zeitung" sagte Müller, ihm sei bei der Fülle an Informationen ein "bedauerlicher Fehler" unterlaufen.

Ein Verdacht ohne Folgen

Unklar bleibt, weshalb sich der Verdacht einer Vergewaltigung zunächst nicht erhärten ließ.

Die Wiesbadener Staatsanwaltschaft schildert den Ablauf auf Anfrage des SPIEGEL so: Am 17. Mai 2018 rief der Vater eines Mädchens bei der Wiesbadener Polizei an. Er sagte, seine Tochter sei von einem Flüchtling vergewaltigt worden. Das habe die Elfjährige ihrer Mutter gesagt. Der Vorfall liege zwei Monate zurück.

Die Polizei versuchte, das Mädchen zu vernehmen und von einem Arzt untersuchen zu lassen. Doch die Elfjährige wollte das laut dem Sprecher nicht. Vier weitere Versuche bis zum 6. Juni habe man unternommen. Vergeblich.

Auch die Mutter konnte demnach keine neuen Details beisteuern. Deswegen habe der Sachverhalt nicht konkretisiert werden können. Die Ermittler verzichteten darauf, Ali B. zu vernehmen.

Ein entscheidendes Jahr Unterschied

Die Elfjährige soll nicht nur von Ali B. vergewaltigt worden sein. Auch ein 14-Jähriger soll sich an ihr vergangen haben. Gegen ihn wurde ebenfalls Anklage erhoben; er bestreitet die Vorwürfe.

Zunächst ging die Polizei davon aus, der zweite Verdächtige sei 13 Jahre alt. Später teilten sie mit, er sei ein Jahr älter. Ein entscheidender Unterschied: Erst ab 14 ist man laut dem Strafgesetzbuch strafmündig. Wie es zu dem Fehler kam, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Wiesbaden auf Anfrage nicht. Inzwischen sprechen die Ermittler davon, der Verdächtige sei mindestens 14 Jahre alt.

Auch zu Ali B.s Alter gab es unterschiedliche Angaben. Zunächst hieß es, er sei 20 Jahre alt. Das wurde später korrigiert: B. sei 21 Jahre alt. Die Verwirrung entstand der Staatsanwaltschaft zufolge wegen eines Zahlendrehers: Auf der irakischen Identitätskarte stand als Geburtsdatum der 11.3.1997. Im deutschen Asylverfahren wurde der 3.11.1997 daraus. Wie der Fehler zustande kam, erklärt die Staatsanwaltschaft nicht.

Der Lapsus hat Konsequenzen: Da Ali B. zur Tatzeit bereits 21 Jahre alt war, kann er nicht nach Jugendstrafrecht verurteilt werden.

Die späten Ermittlungen bei Susanna

Susanna galt seit dem 22. Mai 2018 als vermisst. Ihre Mutter kritisierte die Polizei früh: Die Ermittler hätten fünf Tage nichts getan, nur dank der Rechtsanwältin der Familie sei Susannas Handy geortet und eine öffentliche Fahndung eingeleitet worden. Mögliche Fehler bei den Ermittlungen wurden in Landtagsausschüssen in Hessen und Rheinland-Pfalz diskutiert.

Der Leiter der Mainzer Kriminalinspektion sagte laut der Zeitung "Rheinpfalz" vor dem Ausschuss, dass Susanna zwar zum ersten Mal vermisst gemeldet worden war. Doch zuvor sei sie schon öfter nachts nicht nach Hause gekommen. Das sei bei der Gefahreneinschätzung berücksichtigt worden.

Susanna war zudem schon seit Monaten nur noch selten in der Schule, wie Innenminister Peter Beuth (CDU) im hessischen Landtag erklärte. Er sieht keine Fehler bei den Ermittlern.

Die verreiste Zeugin

Am 29. Mai meldete sich eine Zeugin bei Susannas Mutter. Die Anruferin erzählte, ein anonymer Anrufer habe ihr gesagt, die 14-Jährige sei getötet und bei Bahngleisen begraben worden. Die Mutter informierte die Polizei - doch die Ermittler fanden das tote Mädchen erst über eine Woche später.

In der Zwischenzeit war es der Polizei nicht gelungen, mit der Zeugin zu sprechen. Der Grund: Die Frau war auf Kurzurlaub mit ihrer Mutter, wie Polizeipräsident Müller erklärte.

Der Polizei gelang es laut Innenminister Beuth nicht, ihren Standort zu ermitteln. Man habe mehrfach versucht, sie am Telefon zu erreichen, sagt der Sprecher der Wiesbadener Staatsanwaltschaft.

Der liegen gebliebene Asylantrag

Ali B. war im Oktober 2015 mit seinen Eltern und sieben Geschwistern aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Die Asylanträge der Familienmitglieder wurden abgewiesen, im Januar 2017 klagten sie dagegen. Diese Klage haben sie aber nie begründet.

Der Anwalt der Familie sagte dem SPIEGEL, seine Mandanten hätten mit ihm nicht mehr über ihre Fluchtgründe gesprochen. Auch das Wiesbadener Verwaltungsgericht habe nicht nachgehakt. So blieb das Verfahren liegen.

Der Präsident des Gerichts, Egon Christ, verteidigte sich im "Wiesbadener Kurier" gegen Kritik. Im Jahr 2017 seien bei dem Gericht 5179 Klagen gegen Asylbescheide eingegangen, bei einem Altbestand von 1614 Fällen.

Diese würden nicht nach Eingang abgearbeitet, sondern nach Kriterien wie Krankheit oder Straftaten priorisiert. Im Fall von Ali B. hätten dem Gericht jedoch keinerlei Anhaltspunkte für ein auffälliges Verhalten des Irakers vorgelegen, die eine schnellere Bearbeitung gerechtfertigt hätten. Dabei war der 21-Jährige schon vor Susannas Tod polizeibekannt, etwa wegen Raubes, Körperverletzung und Widerstands gegen die Polizei.

Die Flucht am Flughafen

Ermittler fanden Susannas Leiche am 6. Juni, vergraben neben Bahngleisen am Rande eines Wiesbadener Gewerbegebietes. Etwa eine Woche zuvor war Ali B.s Familie überhastet aus ihrer Unterkunft in Wiesbaden aufgebrochen.

Die Eltern und sechs ihrer Kinder flogen am 2. Juni von Düsseldorf nach Istanbul, von dort nach Erbil im Nordirak. Obwohl die Namen auf den Bordkarten nicht identisch mit denen auf ihren Papieren waren, ließ man sie durch. Am Flughafen waren laut Polizei die Passfotos, aber nicht die Namen abgeglichen worden.

Dazu sind die Bundespolizei und Fluggesellschaften nicht verpflichtet. Der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, Burkhard Lischka, will das nach SPIEGEL-Informationen ändern. Airlines sollen künftig nicht nur die Bordkarten, sondern auch die Ausweise der Passagiere kontrollieren.

Kurz nach der Flucht kam es zur spektakulären Rückholung. Kurdische Sicherheitskräfte nahmen den 21-Jährigen fest, er wurde ohne Auslieferungsverfahren nach Deutschland gebracht. Bundespolizeichef Dieter Romann flog mit Spezialkräften in den Irak und holte Ali B. zurück.


Zusammengefasst: Ali B. ist wegen Mordes an der 14-jährigen Susanna und anderer Delikte angeklagt. Den Behörden sind im Umgang mit B. verschiedene Pannen passiert. So mussten Ermittler gleich zweimal Altersangaben von Verdächtigen korrigieren; über ein mutmaßliches Vergewaltigungsopfer von Ali B. hieß es erst, sie sei Geflüchtete, später stellte sich heraus, dass sie Deutsche ist. Beim Wiesbadener Verwaltungsgericht blieb Ali B.s Klage gegen den abgelehnten Asylantrag liegen, obwohl sie nicht begründet war.

Mit Material der dpa

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