Fall Trayvon Martin: Todesschütze Zimmerman hatte engen Kontakt zur Polizei

Der Todesschütze im Fall Trayvon Martin kannte die Polizisten von Sanford besser als bisher angenommen. So zeigen jetzt veröffentlichte Dokumente und Videos, wie George Zimmerman in Streifwagen mitfuhr. Und wie er durch das Polizeirevier lief - drei Tage nach seinen tödlichen Schüssen.

George Zimmerman: Auf Streife mit der Polizei Zur Großansicht
REUTERS/Seminole County Sheriff's Office

George Zimmerman: Auf Streife mit der Polizei

Sanford - Sanfords neuer Bürgermeister hatte zu einem Bürgertreffen geladen, um die Sorgen der Stadtbewohner kennenzulernen. Einer der Teilnehmer trug sein Anliegen vehement vor: Die Polizisten in Sanford seien faul. Er wisse das genau, sagte der aufgebrachte Bürger - schließlich sei er mehrmals in Streifenwagen mitgefahren. "Und was ich sah, war ekelhaft." Ein Polizist habe ihm seine Lieblingsorte für Nickerchen gezeigt und erklärt, dass er wegen des großen bürokratischen Aufwands auf ein Gewehr im Streifenwagen verzichte. "Er machte zwei Mittagspausen und ging auf eine Abschiedsparty eines Kollegen."

Der Kritiker war niemand anderes als George Zimmerman. Er sprach bei dem Bürgerforum im Januar 2011, mehr als ein Jahr vor dem 26. Februar 2012, an dem Zimmerman den schwarzen Teenager Trayvon Martin erschoss. Martins Tötung führte in den USA zu einer heftigen Debatte über laxe Waffengesetze und Rassismus im Justizsystem.

Zimmermans Äußerungen, über die der "Miami Herald" berichtet, lassen an der Darstellung der Sanforder Polizei erheblich zweifeln. Diese hatte etwa auf Nachfrage des Senders ABC mehrfach gesagt, Zimmerman habe keinen Kontakt und keine Beziehung zur Polizei gehabt.

Angesichts der jüngsten Enthüllungen stellt sich nicht nur der "Miami Herald" die Frage, ob Zimmerman in der Nacht des 26. Februar bevorzugt behandelt wurde, weil er Polizisten kannte. Bürgerrechtler und Anwälte von Martins Hinterbliebenen haben Sanfords Polizei heftig wegen Vetternwirtschaft und schlampiger Arbeit kritisiert. Zudem ist es möglich, dass die Polizisten, mit denen Zimmerman im Fall Martin zu tun hatte, jene sind, die er bei dem Bürgertreffen kritisierte.

Ohne Eskorte durchs Polizeirevier

Ein Video, das vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde, scheint die These von Vertrautheit zwischen Zimmerman und den Polizisten zu stützen. Die Aufnahmen zeigen, wie Zimmerman ohne Begleitung durch das Polizeirevier läuft - drei Tage nach Martins Tod.

Das deute auf eine vertraute Beziehung zur Polizei hin, sagte Anwalt Benjamin Crump, der Martins Familie vertritt, der "Huffington Post". "Das unterstreicht, dass die Leute auf der Wache mit ihm vertraut waren", so der Anwalt. "Und es ist einfach ungewöhnlich, dass sie bislang gesagt haben, das sei nicht so gewesen."

Ins Bild passt auch, dass Zimmerman sehr gerne Polizist geworden wäre. Laut "Miami Herald" hatte er sich bei den Behörden um einen Job bemüht. Zudem studierte er am Seminole County Community College. Dort war Sanfords Polizeichef Bill Lee Professor und bildete Polizisten aus. Lee musste wegen des Falls Trayvon Martin zurücktreten.

"Die tiefere Frage hier ist: Wie sind die Beziehungen?", sagt Anwältin Natalie Jackson, die Martins Familie ebenfalls vertritt. Das Verhältnis zwischen Zimmerman und der Polizei sei ihr immer seltsam vorgekommen. Ihre Vermutung: Eine Art inoffizielles Schweigegelübde zwischen den Polizisten und dem Möchtegern-Polizisten Zimmerman habe diesen beschützt - bis der öffentliche Druck zu stark geworden sei.

Interesse an Karriere als Polizist

Dokumente aus dem Jahr 2010 zeigen laut "Miami Herald", dass Zimmermans Mitfahrten in Streifenwagen von der Spitze der städtischen Polizei abgesegnet wurden. Er wolle sein Interesse an einer Karriere als Gesetzeshüter stärken, schrieb Zimmerman in seiner Bewerbung. Das reichte offenbar - obwohl eine Überprüfung der Zeitung zufolge ergab, dass Zimmerman in der Vergangenheit mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war.

Zimmermans Unterstützer, etwa seine Familie, interpretiert die Äußerungen des Schützen beim Bürgerforum dagegen anders: Er sei einfach empört gewesen über die Arbeit der Sanforder Polizei, insbesondere im Fall Sherman Ware. Der Obdachlose war im Dezember 2010 vom Sohn eines Polizisten geschlagen worden - und lange geschah nichts, obwohl die Tat auf Video festgehalten wurde. Erst als sich der Schläger stellte, musste der frühere Polizeichef Brian Tooley gehen.

Zimmerman sei über den Fall Ware so erbost gewesen, dass er auf dem Bürgertreffen gefordert habe, Tooley die Pension zu entziehen. Zudem habe er an vorwiegend von Schwarzen besuchten Kirchen Flugblätter verteilt, in denen er dazu aufgefordert habe, das Bürgerforum zu besuchen. Das ist womöglich eine Schutzbehauptung - laut Recherchen des "Miami Herald" konnten sich fünf von sechs Kirchen nicht an ein derartiges Engagement Zimmermans erinnern, ein Pfarrer bezeichnete ihn sogar als Lügner.

Zimmerman wurde nach dem tödlichen Schuss auf Martin vorübergehend festgenommen, dann aber wieder laufengelassen. Die Polizei berief sich dabei auf ein Gesetz, das den Bürgern in Florida das Recht zu schießen gibt, wenn sie sich ernsthaft bedroht fühlen. Erst nach heftigen Protesten wurde Zimmerman schließlich wieder festgenommen, die Staatsanwaltschaft erhob am 11. April Anklage wegen Mordes. Am 23. April wurde Zimmerman gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt. Er hat auf nicht schuldig plädiert.

Viele Fragen in dem Fall bleiben offen. Sie werden wohl - wenn überhaupt - erst während des Prozesses geklärt werden. Am 29. Mai soll die Anklageschrift öffentlich verlesen werden. Bei einer Verurteilung droht Zimmerman lebenslange Haft.

ulz

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1. Von "ob" kann wohl keine Rede mehr sein
gandhiforever 24.05.2012
Zitat von sysopDer Todesschütze im Fall Trayvon Martin kannte die Polizisten von Sanford besser als bisher angenommen. So zeigen jetzt veröffentlichte Dokumente und Videos, wie George Zimmerman in Streifwagen mitfuhr. Und wie er durch das Polizeirevier lief - drei Tage nach seinen tödlichen Schüssen. Fall Trayvon Martin: Schütze George Zimmerman war mit Polizei bekannt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,834893,00.html)
Es war ja schon recht merkwuerdig, dass der Schuetze nicht verhaftet wurde. Noch merkwuerdiger war, dass der Polizeichef die vom Schuetzen vorgebrachte Selbstverteidigungsthese verteidigte. Aus diesem Grund wurde beim Taeter (im Gegensatz zum Opfer) keine Blutprobe vorgenommen. Zimmerman fuehlte sich wohl als Ueberpolizist, weshalb er auch meinte, die gleichen Rechte wie die Polizei zu haben. Es ist irrelevant, ob Martin im ein paar auf den Kopf gehauen hat. Zimmerman hate sein Fahrzeig verlassen, den Jugendlichen 'zur Rede gestellt', die Konfrontation verursacht. Martin hatte jedes Recht, sich zu verteidigen. Fuer jeden intelligenten Menschen war vorauszusehen, dass dieses Gesetz, auf das sich Zimmerman geruft, irgendwann einmal zu einer solchen Situation fuehren wuerde. Dieses Gesetz war nicht nur ueberfluessig, denn sich selbst verteidigen durfte man schon immer. Das wussten die Initianten auch. Es ging ihnen aber darum , das "Recht auf Selbstverteidigung" weiter auszudehnen,damit die Waffentraeger (mit Bewilligung)mehr Handlungsraum erhielten.
2. Hä?
buck_danny 24.05.2012
Zitat von sysopDer Todesschütze im Fall Trayvon Martin kannte die Polizisten von Sanford besser als bisher angenommen. So zeigen jetzt veröffentlichte Dokumente und Videos, wie George Zimmerman in Streifwagen mitfuhr. Und wie er durch das Polizeirevier lief - drei Tage nach seinen tödlichen Schüssen. Fall Trayvon Martin: Schütze George Zimmerman war mit Polizei bekannt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,834893,00.html)
1) Als Mitglied der Bürgersecurity dürfen die schon mal mitfahren. Das ist in den USA nichts besonderes. 2) Wenn sich dann einer massiv über den Polizisten beschwert, dann hat der bestimmtKEIN gutes Verhältnis mehr zur Polizei und andersherum wird das genauso sein. 3) Nach einer Schußabgabe mit Todesfolge ist es normal, dass man zur Polizei muss und dort befragt wird. Man kann dort auch mal ganz alleine ohne Aufpasser aufs Klo oder Mittags zu Essen gehen, wenn das einer filmt, was soll das beweisen? Das man auch ohne Probleme auf einer Polizweiwache filmen kann??? Also langsam wirds lächerlich, was hier alles an den Haaren herbeigezogen wird...
3. USA und Rechtsprechung
sir wilfried 24.05.2012
da wundert nichts mehr. Auch nicht, wenn sich zeigt, daß Polizisten und Zimmermann bizarre Parties mit Kapuzen und Fackeln feiern.
4. Skurrile Schussfolgerungen?
robbitob 24.05.2012
„Ich nutze die Kooperationsbereitschaft der Polizei aus, um sie dann bei ihren obersten Dienstherren als unfähig und zudem in aller Öffentlichkeit anzuschwärzen. Mich hat die Polizei ja nicht haben wollen“. Glaubt denn einer hier, dass so jemand viele Freunde nach solch einer Aktion bei der Polizei hat? Ich bin überzeugt, dass die Polizei eher die Möglichkeit genutzt hat, den Möchtegern-Rambo besonders genau unter die Lupe zu nehmen, bevor sie hat ihn gehen lassen.
5.
Zephira 24.05.2012
Zitat von buck_dannyAlso langsam wirds lächerlich, was hier alles an den Haaren herbeigezogen wird...
Einige glauben an Schuld bis zum Beweis der Unschuld, und diese Leute wundern sich warum man sich mit Formalitäten wie "Beweissammlung", "Befragung" und "Gerichtsverfahren" aufhalten sollte. Denen können Sie auch nicht mit Fakten kommen, die haben sich ihre Meinung schon gebildet.
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