Trayvon-Martin-Mordprozess: Was geschah wirklich in Sanford?

Von , New York

Mahnwache für Schusswaffenopfer Trayvon Martin (April 2012): Welle der Gefühle Zur Großansicht
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Mahnwache für Schusswaffenopfer Trayvon Martin (April 2012): Welle der Gefühle

Mehr als ein Jahr ist es her, dass George Zimmerman, ein "Nachbarschaftswächter" in Florida, den unbewaffneten schwarzen Teenager Trayvon Martin erschoss. Jetzt steht er wegen Mordes vor Gericht. Bis heute ist unklar, was genau in jener Nacht passierte.

Sanford kämpft um seinen Ruf. "Trayvon Martins Tod hat mit Sanford nichts zu tun", verteidigt Beth Kassab, Kolumnistin der Lokalzeitung "Orlando Sentinel", ihre Heimatstadt im Herzen Floridas. "Das hätte überall passieren können." Und überhaupt: Der Tatort liege sowieso näher an der Nachbargemeinde.

Mehr als 15 Monate ist es her, dass George Zimmerman, ein "Nachbarschaftswächter" in Sanford, den unbewaffneten schwarzen Teenager Trayvon Martin erschoss. Landesweit war die Aufregung groß, es gab Proteste, Solidaritätsaktionen, Gegenaktionen. Dann verschwand der Fall wieder aus dem Bewusstsein der Amerikaner.

Doch jetzt geht alles von vorne los: Ab Montag steht Zimmerman wegen Mordes vor Gericht - und Sanford, dessen Polizeichef wegen eklatanter Fehlgriffe bei den Ermittlungen gefeuert wurde, findet sich plötzlich erneut im unerwünschten Rampenlicht.

Die Anklage wirft Zimmerman vor, Martin wegen seiner Hautfarbe konfrontiert und erschossen zu haben. Die Verteidigung beansprucht Notwehr. Medien und Politiker stilisierten die Ereignisse jenes 26. Februar 2012 schnell zur Parabel auf die selten ungetrübten Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen. Selbst Präsident Barack Obama mischte sich ein: "Wenn ich einen Sohn hätte, sähe er aus wie Trayvon."

Die Betroffenen leiden bis heute. "Ich vermisse seine Umarmungen", sagte Martins Mutter Sybrina Fulton der "New York Times" jetzt. Die Geschworenen im Verhandlungssaal 5D des Bezirksgericht von Sanford sind angehalten, die persönliche Tragödie zu ignorieren und nur die Fakten zu beurteilen - doch das ist leichter gesagt als getan.

Das zeigte sich schon in den Anhörungen, die dem Prozessbeginn vorausgingen. Da zankten Anklage und Verteidigung um jedes kleinste Detail; Richterin Debra Nelson musste über Dutzende Anträge urteilen.

Tödliche Konfrontation

Soll Zimmermans Ehefrau Shellie in den Zeugenstand? (Ja.) Darf erwähnt werden, dass Martin vor seinem Tod Marihuana rauchte? (Nein.) Müssen die Geschworenen anonym bleiben? (Ja.) Und die Zeugen? (Nein.) Darf die Staatsanwaltschaft SMS und Fotos von Martins Handy vorführen? (Nein.)

Das Gericht wird es nicht leicht haben, herauszufinden, was wirklich geschah an jenem Abend in "The Retreat at Twin Lakes", einer geschlossenen Wohnanlage in Sanford.

Martin, 17, war auf dem Rückweg zur Wohnung der Verlobten seines Vaters, der von seiner Mutter geschieden war. Er hatte Eistee und "Skittles"-Bonbons gekauft.

Dabei lief er dem damals 28-jährigen Zimmerman über den Weg. Der Sohn einer Peruanerin und eines weißen Amerikaners, der freiwillig als "Nachbarschaftswächter" diente, rief die Polizei: "Dieser Kerl sieht aus, als führe er nichts Gutes im Schilde." Es kam zu einer Konfrontation, und Zimmerman tötete Martin mit einem einzigen Schuss in den Brustkorb.

Zimmerman berief sich auf Floridas kontroverses Notwehrgesetz ("Stand Your Ground"). Dessen Prinzip - und das ähnlicher, von der Waffenlobby propagierter Gesetze in mindestens 23 weiteren US-Bundesstaaten: Erst schießen, dann fragen.

500 Kandidaten für die Jury

Der Fall eskalierte zum Feuersturm. Zimmerman bekam Morddrohungen und tauchte unter, bevor er sich stellte und angeklagt wurde. Hunderttausende Demonstranten forderten "Gerechtigkeit für Trayvon", viele trugen Kapuzenpullis, wie ihn Martin in der Todesnacht anhatte.

Bürgerrechtler beklagten ein rassistisches Klima. Der Regisseur Spike Lee twitterte versehentlich eine falsche Adresse für Zimmerman - worauf die betroffene Familie umziehen musste, da sie ebenfalls Drohungen erhielt.

Die Medien trugen zum Chaos bei. So veröffentlichte das TV-Network NBC einen manipulierten Mitschnitt des Zimmerman-Notrufs, der den Anschein gab, er störe sich an Martins Hautfarbe - und handelte sich so eine Verleumdungsklage ein. Konservative Kommentatoren wiederum stellten Martin als Gangster dar.

Bis heute interpretiert jede Seite die Faktenlage anders. Vorige Woche debattierte das Gericht über den Notruf einer Anwohnerin, auf dem im Hintergrund die Auseinandersetzung zwischen Zimmerman und Martin zu hören ist. Irgendjemand schreit da verzweifelt um Hilfe - doch wer, das konnten auch Audio-Experten bisher nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen.

Vor den Eröffnungsplädoyers beginnt an diesem Montag die Auswahl der Geschworenen. Das kann dauern: 500 Kandidaten sind vorgeladen.

Die Verteidigung hat eine Website zur Deckung der Prozesskosten durch Spenden eingerichtet. Ziel: 120.000 Dollar. Bisher, so ist da zu lesen, seien aber nur 77.000 Dollar zusammengekommen.

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