Profiler über Manfred Seel "Der Täter suchte bewusst einen jungen Menschen"

Manfred Seel soll fünf Frauen und möglicherweise auch den 13-jährigen Tristan Brübach ermordet haben. Wie erkannten die Ermittler Verbindungen zwischen den Taten?

Manfred Seel

Manfred Seel

Ein Interview von Daniel Hartung und


Eine zerstückelte Leiche in zwei Plastiktonnen in einer Garage - dieser Fund löste die Ermittlungen zu einer besonders schaurigen Mordserie aus: Die Polizei nimmt an, dass Manfred Seel, der inzwischen verstorbene Mieter der Garage im hessischen Schwalbach, fünf Frauen umbrachte und möglicherweise auch Tristan Brübach tötete, einen 13 Jahre alten Jungen.

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Heft 21/2016
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Tristan war 1998 an einer Unterführung am Bahnhof Frankfurt-Höchst auf brutale Weise ermordet worden. Zwischen 1971 und 2003 soll der Täter zudem Gudrun Ebel, Hatice Erülkeroglu, Gisela Singh, Dominique Monrose und Simone Diallo getötet haben. Der Täter schnitt ihre Körper auf, nahm Organe und andere Teile an sich.

Es waren Teile von Diallos Leiche, die Seels Hinterbliebene kurz nach dessen Tod im Herbst 2014 in der Garage fanden. Seither geht die Arbeitsgruppe "Alaska" unter Führung des Hessischen Landeskriminalamts der Verbrechensserie auf den Grund. Die Polizei vermutet, dass es einen Mittäter oder Mitwisser gab, deshalb wird weiter ermittelt.

Alexander Horn ist der verantwortliche Fallanalytiker. Im Interview spricht er über das Vorgehen des Täters und mögliche weitere Fälle.

SPIEGEL ONLINE: Herr Horn, was ist das für ein Mensch, der fünf Frauen und einen Jungen auf derart bestialische Weise zurichtet?

Alexander Horn: Der Täter wusste genau, was er tat, er ging strukturiert und zielgerichtet vor. Die Fälle weisen große Verhaltensübereinstimmungen auf, Aspekte einer Handschrift des Täters sind erkennbar. Wir gehen davon aus, dass eine sexuell sadistische Persönlichkeitsstruktur vorlag.

SPIEGEL ONLINE: Den Opfern wurden Körperteile und Organe entnommen. Warum?

Horn: Möglich, dass er sie mitnahm, weil er sie für weitere sadistisch-motivierte Fantasieauslebungen oder gar kannibalistische Handlungen benötigte. Es ist einfach sehr vielschichtig, was er damit getan haben könnte. Vielleicht wollte er sie auch einfach nur behalten, sie anschauen, den Verwesungsprozess beobachten.

SPIEGEL ONLINE: Geht es auch darum, im weiteren Sinne das Opfer länger bei sich zu haben?

Horn: Im Fall Dominique Monrose, die 1993 starb, ist das durchaus denkbar. Ihre Körperteile wurden an unterschiedlichsten Stellen aufgefunden. Ihren Torso beispielsweise hat er vermutlich zehn Tage behalten und sich mit ihm beschäftigt.

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Mutmaßliche Mordserie: Der Fall Manfred Seel

SPIEGEL ONLINE: Inwieweit war Ihnen klar, dass der Mord an Tristan keine Einzeltat ist?

Horn: Dass der Täter Tristan in dieser Ausprägung umbrachte, aber davor oder danach nicht getötet hat, hielten wir von Anfang an für sehr unwahrscheinlich. Der Junge war genauso leicht verfügbar wie die anderen Opfer und er war kein Zufallsopfer. Der Täter suchte offenbar bewusst einen jungen Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Was verbindet den Fall Tristan noch mit den anderen?

Horn: Die schnelle, zielgerichtete Tötung, die Art des sexuell abweichenden Verhaltens, der Einsatz von scharfer Gewalt. Bei Tristan hat der Täter die Schuhe des Opfers auf der Leiche deponiert, ein sehr seltsames Verhalten. Im Fall Gisela Singh 1991 wurden die Schuhe des Opfers ebenfalls auffällig neben dem Kopf platziert. Von anderen Tätern ist so ein Verhalten nicht bekannt.

Zur Person
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    Alexander Horn, Jahrgang 1973, ist einer der bekanntesten Fallanalytiker Deutschlands, Mitbegründer des Täterprofilings bei der Münchner Mordkommission und Leiter der Dienststelle für Operative Fallanalyse (OFA) in Bayern. Er erstellt pro Jahr mehr als 30 Fallanalysen und war maßgeblich an der Arbeit der "Soko Dennis" und der "BAO Bosporus" beteiligt, die NSU-Morde aufzuklären versuchte.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Verhalten des Täters ritualisiert?

Horn: Im Fall Tristan agierte der Täter sehr funktional. Die schnelle Tötung etwa war notwendig, weil der Tatort durch die Nähe des Bahnhofs stark frequentiert war. Eine Störung von außen wäre jederzeit möglich gewesen, dennoch entschloss sich der Täter zur Tatbegehung.

SPIEGEL ONLINE: Lebt der Täter seine Fantasien während der Tat aus?

Horn: Wir wissen aus anderen Fällen: Das unmittelbare Ausleben sexueller Handlungen vor Ort ist nicht das Wichtigste. Häufig ist es so, dass sich der Täter einen Rückzugsort sucht, um dort die sexuellen Handlungen auszuleben. Die Tatbegehung baut er dann dort in seine Fantasie ein.

SPIEGEL ONLINE: Könnte sich die Zahl der Opfer noch erhöhen?

Horn: Man muss auch die Vermisstenfälle im Blick haben: Bislang weisen zwei eine gewisse Relevanz auf. Dabei handelt es sich um Prostituierte, die wie die getöteten Frauen Gisela Singh und Dominique Monrose schwer drogenabhängig waren und auf dem Straßenstrich im Frankfurter Bahnhofsviertel SM-Praktiken anboten. Für einen Täter mit einer solchen Vorliebe sind solche Frauen leicht zugänglich und verfügbar.

SPIEGEL ONLINE: Ausgelöst wurden die Ermittlungen durch den Fund der getöteten Simone Diallo. Was hat die Analyse ihres Verletzungsmusters ergeben?

Horn: Es gibt eindeutige Anzeichen für sexuell sadistische Handlungen, zum Beispiel Schnitte in sexuell relevanten Körperzonen. Wir gehen davon aus, dass der Täter - anders als in den Fällen davor - sein noch lebendes Opfer verstümmelte.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange war Simone Diallo nach ihrem Verschwinden noch am Leben?

Horn: Sie wurde nicht als vermisst gemeldet. Wir wissen nur, dass sie im Herbst 2003 zuletzt gesehen wurde. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sie über einen längeren Zeitraum gefangen gehalten worden wäre.

SPIEGEL ONLINE: Warum zog der mutmaßliche Täter mit den Tonnen um und entsorgte sie nicht?

Horn: Offensichtlich hatte er durchaus die Gelegenheit, die Leiche zu entsorgen, sich aber bewusst dagegen entschieden. Das bedeutet: Er wollte das Opfer unbedingt behalten. Bis zum Schluss.

SPIEGEL ONLINE: Sollte Manfred Seel, in dessen Garage die Tonnen standen, der gesuchte Serienmörder sein, hätte er 1971 zwei Frauen getötet und dann erst wieder 1991, 1993, 1998 und 2003 gemordet. Wie ist die lange Pause zu erklären?

Horn: Wir wissen von anderen Serienmördern, dass sie in dem Zeitraum, in denen sie keine Taten begehen, anders stabilisiert werden, beispielsweise durch Familiengründung wie im Fall Manfred Seel. Die sexuellen Fantasien aber sind auch in dieser Zeit nicht weg. Der Täter lebt sie auf andere Art und Weise aus.

SPIEGEL ONLINE: Wie tut er das?

Horn: Er plant beispielsweise neue "Projekte", von denen keiner etwas ahnen muss oder über den Konsum entsprechender Gewaltpornografie. Einer, der in einer sexuell abweichenden Welt lebt, kann dennoch eine soziale Kompetenz besitzen - quasi problemlos eine doppelte Buchführung aufrechterhalten.


Mehr über die Ermittlungen zu Manfred Seel im SPIEGEL TV-Magazin, Sonntag, 22:20 Uhr, RTL



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