Urteil im Fall Tyler Clementi Milde Strafe für tödliches Cyber-Mobbing

Ein Student aus dem US-Bundesstaat New Jersey filmte heimlich seinen homosexuellen Mitbewohner und mobbte ihn im Internet. Tyler Clementi nahm sich daraufhin das Leben. Jetzt wurde das Strafmaß in dem Fall verkündet: Der 20-jährige Angeklagte muss für 30 Tage ins Gefängnis. 

Dharun Ravi: Schuldig in allen Anklagepunkten
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Dharun Ravi: Schuldig in allen Anklagepunkten


New Brunswick - 30 Tage Haft und danach drei Jahre auf Bewährung - so lautet das Strafmaß im Prozess gegen einen ehemaligen Studenten der Rutgers University im US-Bundesstaat New Jersey. Dharun Ravi soll seinen Zimmergenossen Tyler Clementi aus Ridgewood in den Selbstmord getrieben haben.

300 Stunden gemeinnützige Arbeit soll der Verurteilte nach den 30 Tagen in Haft leisten, sich außerdem beraten lassen über die Gefahren des Cyber-Mobbings. Der Richter ordnete an, dass Ravi 10.000 Dollar für eine Gemeinde-Institution spenden sowie 1900 Dollar Bußgeld zahlen solle.

Mit dem Strafmaß blieben die Richter weit unter der Erwartung. Der Angeklagte musste mit einer Haftstrafe von bis zu zehn Jahren oder seiner Ausweisung nach Indien rechnen.

"Ich habe die Jury 288 Mal 'schuldig' sagen hören. 24 Fragen, 12 Geschworene. Ich habe aber nie gehört, dass Sie sich entschuldigt hätten", rügte Richter Berman. Dennoch riet er davon ab, den in Indien geborenen Ravi in seine Heimat abzuschieben.

Tyler Clementi hatte seinen Zimmergenossen im September 2010 gebeten, dem gemeinsamen Zimmer fernzubleiben, damit er mit einem Freund allein sein könne. Ravi tat, wie ihm geheißen, schaltete aber per Fernbedienung eine Webcam an und nahm die beiden auf.

Via Twitter und SMS verbreiteten Ravi und eine Freundin dann die Nachricht. Die Bekannte zeigte die kurze Videosequenz anderen Mitbewohnern. Zwei Nächte nach den ersten heimlichen Aufnahmen bat Clementi erneut darum, allein sein zu dürfen. Ravi teilte per Twitter mit: "Ich fordere euch auf, mit mir ein Video zu sehen zwischen 21.30 Uhr und 24 Uhr. Ja, es passiert wieder." Er berichtete zudem einem Freund von einer "Video-Party" und zeigte anderen, wie sie sich die Livebilder ansehen können.

Im Prozess konnte nicht bewiesen werden, dass die Kamera in dieser Nacht tatsächlich an war. Ravi sagte der Polizei, er habe seinen Computer, an den die Kamera angeschlossen war, heruntergefahren. Die Staatsanwaltschaft war der Ansicht, Clementi selbst habe den Rechner ausgemacht.

Kurz darauf hinterließ Clementi auf Facebook eine Abschiedsbotschaft und sprang von der George-Washington-Brücke vor Manhattan in den Hudson River. Noch kurz vor seinem Selbstmord soll er mehrfach die Tweets von Dharun Ravi gecheckt haben. Schwulen- und Antimobbing-Aktivisten hatten nach dem Unglück eine Welle des Protests losgetreten. Selbst US-Präsident Obama hatte sich zu dem Fall geäußert.

Ravis Bekannte Molly W. nimmt heute an einem Interventionsprojekt teil, das ihr das Gefängnis ersparen soll. Dharun Ravi war im März nach einem vierwöchigen Prozess in 15 Anklagepunkten schuldig gesprochen worden - darunter Begehung eines sogenannten Hassverbrechens, Einschüchterung, Eingriff in die Privatsphäre und Unterschlagung von Beweisen.

Die Staatsanwaltschaft hat angekündigt, Berufung gegen das Urteil einlegen zu wollen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, die Gefängnisstrafe von 30 Tagen sei auf Bewährung ausgesetzt worden. Das ist falsch. Der Angeklagte wurde zu 30 Tagen Haft sowie drei Jahren auf Bewährung verurteilt. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

ala/Reuters/AP

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