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Falsche Alzheimer-Diagnosen: Drei Jahre Haft für niederländischen Skandal-Arzt

Angeklagter Ernst J. auf dem Weg zur Urteilsverkündung: "Mit den besten Absichten" Zur Großansicht
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Angeklagter Ernst J. auf dem Weg zur Urteilsverkündung: "Mit den besten Absichten"

Im wohl größten medizinischen Strafprozess der niederländischen Geschichte ist der ehemalige Neurologe Ernst J. zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Er hatte bei Patienten absichtlich schwere Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson diagnostiziert - obwohl sie gar nicht daran litten.

Almelo - Über Jahrzehnte dichtete der ehemalige Neurologe Ernst J. seinen Patienten laut Anklage schwere Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson oder Multiple Sklerose an. Im Prozess gegen den 68-Jährigen hat das Strafgericht im niederländischen Almelo jetzt sein Urteil gefällt: Der Mediziner, der auch in Deutschland praktizierte, muss für drei Jahre in Haft.

Im wohl größten medizinischen Strafprozess der niederländischen Geschichte hatte die Staatsanwaltschaft sechs Jahre Haft ohne Bewährung für den Mann gefordert. Anhand von neun Einzelfällen hatte sie nachzuweisen versucht, dass J. in einem Krankenhaus in Enschede zwischen den neunziger Jahren und 2003 absichtlich falsche Diagnosen gestellt hatte.

Von den psychischen Belastungen abgesehen erlitten viele der Betroffenen körperliche Schäden, weil sie nach dem fehlerhaften Befund starke Medikamente einnahmen oder sich Operationen unterzogen. Eine Patientin nahm sich nach einer falschen Alzheimer-Diagnose das Leben. In der Urteilsbegründung sagte Richter Marcel Bordenga einem Online-Bericht der Zeitung "Tubantia" zufolge, J. sei für diese Folgen seines Handelns verantwortlich. Er habe dem Ansehen der Medizin und vor allem der Neurologie schwer geschadet.

"Man hat mich sogar 'Doktor Frankenstein' genannt"

Die Verteidigung des Mediziners hatte dagegen auf Freispruch plädiert, da eine Fehldiagnose keine Straftat sei. Vor Gericht räumte J. zwar weitere Verfehlungen ein - so stahl und fälschte er nach eigener Aussage Rezepte und veruntreute 88.000 Euro. Falsche Diagnosen gehörten jedoch zum Beruf des Arztes, sagte er in seinem Schlusswort. Er selbst sei das Opfer einer Hexenjagd geworden. "Man hat mich in den Medien sogar 'Doktor Frankenstein' genannt."

Bis zuletzt warteten J.s ehemalige Patienten vergeblich auf ein Geständnis oder ein Wort der Entschuldigung. Laut "De Telegraaf" sagte er lediglich, er bedaure das Leid, das diesen Menschen entstanden sei. Auch schäme er sich für seine falschen Diagnosen. Diese seien aber alle "mit den besten Absichten" gestellt worden. Überdies sei er nicht Täter, sondern Opfer gewesen: Eine Medikamentensucht habe sein Urteilsvermögen eingeschränkt. Grund sei ein Autounfall aus dem Jahr 1990. Krankhafte narzisstische Züge hatten Gutachter bei ihm festgestellt. Als Grund dafür verwies J. auf ein Kriegstrauma in seiner Familie.

Richter Bordenga sah das laut "Tubantia" anders: J. habe genau gewusst, was die von ihm verschriebenen Medikamente anrichten. Er sei schuldfähig und für seine Taten voll verantwortlich.

Der Mediziner arbeitete in Worms und Heilbronn

Insgesamt soll J. über mindestens drei Jahrzehnte zweifelhafte Diagnosen gestellt haben. 1978 begann er für das Medisch Spectrum Twente zu arbeiten. 2003 wurde er vom Klinikum Enschede entlassen, weil er medikamentensüchtig gewesen sein soll. Anschließend ging er nach Deutschland, wo er unter anderem in Worms und bis Januar 2013 in Heilbronn arbeitete.

Ehemalige Patienten beschrieben den 68-Jährigen als charismatischen, einfühlsamen Arzt, der keinen weißen Kittel trug, sondern gern in Sakko und Wildlederweste auftrat - in dieser Kleidung erschien J. auch vor Gericht. Tag und Nacht sei er für seine Patienten zu sprechen gewesen, hieß es.

Bereits im Dezember hatte ein Disziplinargericht festgestellt, dass J. nie wieder als Arzt arbeiten darf. Gegen diese Entscheidung legte der Niederländer Berufung ein. Auch im Strafprozess rechnen Beobachter laut "De Telegraaf" damit, dass der Streit in die nächste Instanz gehen wird.

rls/dpa

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