Falscher Chirurg Doktor Münchhausen

Mit einem zusammengesponnenen Lebenslauf und gefälschten Zeugnissen schlich sich der Banker Christian E. als Assistenzarzt in eine chirurgische Klinik ein. Erst nach 14 Monaten brach sein Lügengebäude zusammen - ein anonymer Tipp ließ den falschen Doktor auffliegen.

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Aus Erlangen berichtet Simone Utler


Erlangen - Der weiße Kittel war für Christian E. ein Symbol - für Erfolg, für Anerkennung und für die Möglichkeit, Kranken den Klinikalltag zu erleichtern. Er versorgte Patienten, war bei fast 190 Operationen dabei und schulte sogar OP-Kräfte. Doch jedes Mal, wenn er den Kittel überzog, spürte er auch seine Angst. Die Angst, einen Fehler zu machen, einen Patienten zu verletzen - und aufzufliegen.

14 Monate lang arbeitete er als Dr. Dr. Christian E. in der Chirurgie der Uniklinik Erlangen. Doch E. ist kein Mediziner, sondern ein Betrüger und Hochstapler. Mit gefälschten Zeugnissen und Urkunden erschlich er sich eine Stelle als Assistenzarzt.

Doch E.s Geschichte ist nicht nur die Geschichte eines Kriminellen, sondern auch die Geschichte eines Systems, das nicht genau hinschaut.

In seinem ersten und echten Leben arbeitet Christian E. als Banker. Nach seinem Realschulabschluss 1995 macht der hochgewachsene Dunkelhaarige eine Ausbildung zum Bankkaufmann - so wie seine beiden älteren Geschwister. Er wird Wertpapierhändler, verdient gut und kauft sich eine Eigentumswohnung.

Doch dann lernt E. eine andere Welt kennen, jenseits von Ölkontrakten und Wetten auf Getreidepreise. Während seines Zivildienstes bei den Maltesern arbeitet er mit Menschen mit Idealen und Engagement. Das imponiert ihm dermaßen, dass er sich auch ehrenamtlich engagiert, in der Altenbetreuung, als Sanitäter bei Festen, später im Rettungsdienst. E. gilt als begabt und wird gefördert.

Irgendwann will er Arzt werden.

Als E. seiner Familie sagt, dass er sein Abitur nachholen und Medizin studieren will, bekommt er Gegenwind. Er würde es ohnehin nicht schaffen, er solle lieber seinen sicheren Job behalten, er müsse seine Eigentumswohnung abbezahlen, hört er.

Wann und wie er auf die Idee mit dem gefälschten Abizeugnis kommt? E. kann es nicht sagen, "irgendwie" hat es sich entwickelt. Der 30-Jährige, der in seinem weißblau-karierten Hemd, mit den schwarzen Schuhen und der silbernen Uhr durchaus seriös aussieht, hat da eine Theorie: Er will es allen zeigen, er ist es leid, immer der Kleine in der Familie zu sein.

Eine Krankenpflegerausbildung reicht nicht

Mit fränkischem Zungenschlag schildert Christian E., wie er seinem zehn Jahre älteren Bruder früher alles nachgemacht hat: Ganz wie der Große spielte er Tischtennis und heiratete mit 20 Jahren. Wenn er mal besser war als sein Bruder, wurde das vom Vater kleingeredet. Christian wurde Deutscher Jugendmeister im Tischtennis - die Gegner waren wohl zu schlecht. Christian wurde in seiner Bank der jüngste Wertpapierhändler - da haben die Chefs wohl keinen anderen gefunden.

Eine Krankenpflegerausbildung reicht da nicht - da muss schon ein Medizinstudium her.

Für die Fälschung des nötigen Abiturzeugnisses braucht Christian E. ganze zehn Minuten. Mit wenigen Klicks findet er im Internet ein Dokument mit der Abschlussnote 1,3 - nur den Namen muss er noch ändern. Ja, er hat ein schlechtes Gewissen, er hat Angst aufzufliegen, aber der Wunsch nach einem Studienplatz siegt, und so reicht E. Kopien der Unterlagen bei der ZVS ein.

2003 schreibt er sich an der Uni Erlangen ein. Er kündigt bei der Bank und erzählt Freunden und Familie, er habe das Abitur berufsbegleitend nachgemacht. Niemand fragt nach.

Schon sehr früh im Studium entdeckt E. sein Interesse an der Gefäßchirurgie. Nach wenigen Semestern beginnt er bei seinem großen Vorbild, dem Leiter der Abteilung, seine Doktorarbeit. Als diese fertig ist, reicht er sie aber nicht beim Prüfungsamt ein - aus Angst, dass der ZVS-Betrug auffliegen könnte. Schließlich hat er rund 20.000 Euro Bafög bekommen.

"Franlfurt" statt Frankfurt

E. bricht das Studium ab. Nach eigenen Angaben im achten Semester und nach bestandenen Prüfungen - weil ihm die Geduld und das Geld ausgehen. Um seinen Traumjob in der Gefäßchirurgie zu bekommen, fälscht er Urkunden. E. trägt extrem dick auf: Eine Approbation und der Doktortitel der Medizin reichen ihm nicht - der Abschluss muss auch noch aus Oxford stammen. Und zur absoluten Sicherheit fügt er auch noch ein BWL-Diplom samt Doktortitel hinzu.

Er braucht einen Tag, bis er die Dokumente an seinem Computer zusammengebastelt hat.

Ganze drei Minuten dauert nach seiner Erinnerung das Bewerbungsgespräch beim Leiter der chirurgischen Klinik, dann ist E. Assistenzarzt. Der Abteilungsleiter der Gefäßchirurgie hat ihn empfohlen - das reicht. Die Bewerbungsmappe guckt sich keiner an.

Dabei strotzen die Unterlagen nur so vor Fehlern: In der vermeintlichen Urkunde aus Oxford steht "Doktor Medicinae" statt "Doctor" mit c, ein falsches k findet sich auch in seinem "Dr. rer. oek.", auf dem BWL-Diplom liegt die Uni in "Franlfurt", und das Abizeugnis bescheinigt den Besuch der gymnasialen Oberstufe, obwohl im Lebenslauf ein berufsbegleitender Abschluss aufgeführt ist.



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