Familiendrama in Plochingen Todesschüsse im Wohnzimmer

Wollte Sabine W. nur ihre Kinder schützen? In Plochingen bei Stuttgart hat die Frau ihren Ehemann erschossen - der Informatiker soll gedroht haben, seine Familie zu töten. Erste Ermittlungen stützen die Darstellung der 41-Jährigen.

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Spurensicherung am Tatort in Plochingen: "Die Tat wäre zu verhindern gewesen"
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Spurensicherung am Tatort in Plochingen: "Die Tat wäre zu verhindern gewesen"


Hamburg - Hardy Schober hörte im Radio von der Familientragödie, die sich in Plochingen, einem ländlichen Vorort südöstlich von Stuttgart, ereignet hatte. Eine 41-jährige Sportschützin erschoss dort am Sonntag ihren Ehemann, den Vater der gemeinsamen fünf Kinder, mit ihrer eigenen Waffe.

Einen Tag später klingelte bei Schober, dem Vorsitzenden der Bürgerinitiative Aktionsbündnis Winnenden, das Telefon. Der Bruder des Getöteten habe ihm seine Unterstützung angeboten. "Gemeinsam will er mit uns für ein Verbot von privaten Schusswaffen kämpfen", berichtet Schober. Das Aktionsbündnis fordert seit dem Amoklauf in Winnenden und Wendlingen, dass großkalibrige Schusswaffen sowie Faustfeuerwaffen verboten und Sportschützen ihre Waffen nicht zu Hause aufbewahren dürfen.

Doch hätte ein solches Verbot die Tat von Plochingen verhindern können?

Keinen Streit, keine Schreie, keine Schüsse - die Bewohner der Neubausiedlung Lettenäcker haben am Sonntag nichts gehört, sagen sie. Erst als Rettungswagen und Polizei mit Blaulicht durch das Wohngebiet fuhren und einen Teil absperrten, sprach es sich herum: In einem Haus im Grieshaber Weg hat sich am Vormittag eine Tragödie abgespielt.

Sabine W. tötete ihren Ehemann Thomas. Sie habe Angst um ihre fünf Kinder gehabt, sagt die 41-Jährige später laut Polizei in einer Vernehmung. Thomas W., ein studierter Informatiker, sei mit zwei seiner Söhne in Streit geraten. Die Situation zwischen dem 47-Jährigen und den sieben und zehn Jahre alten Jungen sei eskaliert. Als sie sich eingeschaltet habe, erklärte die Mutter, habe Thomas W. gedroht, seinen fünf Kindern im Alter zwischen sieben Monaten und zwölf Jahren etwas anzutun.

Im Keller hortete das Ehepaar W. vier Sportpistolen

"Der Mann soll seinen zweijährigen Sohn auf den Arm genommen und von innen gegen die geschlossene Balkontür gedrückt haben", sagt Michael Schaal von der Polizeidirektion Esslingen. Entsprechende Spuren seien sichergestellt worden.

Sabine W. sei daraufhin in den Keller gegangen. Seit Jahren sind sie und ihr Ehemann Mitglieder im Schützenverein, besitzen legal vier Sportpistolen. Laut Polizei waren diese ordnungsgemäß verwahrt. Die 41-Jährige entnahm laut Staatsanwaltschaft aus dem Waffenschrank eine Pistole des Herstellers Springfield Armory, Kaliber neun Millimeter, und ging zurück ins Wohnzimmer. Dort schoss sie mehrfach auf ihren Mann. Wie oft er getroffen wurde, ist noch unklar.

Nicht alle Kinder seien zum Tatzeitpunkt im Wohnzimmer gewesen, sagte ein Polizeisprecher. Den toten Vater jedoch hätten sie später gesehen. Ein Richter nahm die Kinder in Augenschein, die älteren wurden befragt. Laut Staatsanwaltschaft Stuttgart ein übliches Prozedere. Da die Kinder in diesem Fall Angehörige von mutmaßlicher Täterin und Opfer sind, könnten sie in einem späteren Prozess unter Umständen die Aussage gegen die Mutter verweigern. "Sollten sie das tun, kann dann der Richter als Zeuge befragt werden", sagt Staatsanwältin Claudia Krauth.

Der Tat sei ein Streit vorausgegangen, bestätigte Krauth. Dass Sabine W. in Nothilfe - also zugunsten ihrer Kinder ausgeübte Notwehr - gehandelt habe, wollte sie jedoch nicht bestätigen. Dieser Umstand könnte sich strafmildernd auswirken.

Nach den Schüssen fuhr Sabine W. mit den Kindern zu ihren Eltern, die ebenfalls in Plochingen leben. Ihre Mutter alarmierte daraufhin die Polizei, Sabine W. wurde im Haus ihrer Eltern festgenommen. Sie wurde dem Haftrichter vorgeführt, sitzt nun in Untersuchungshaft, die Vernehmungen dauern an.

Bis zum Sonntag sei die Familie polizeilich nie in Erscheinung getreten, sagt Schaal. Weder seien Beamte wegen Streitigkeiten noch wegen Ruhestörung gerufen worden. "Die Familie gilt als völlig unbescholten." Die kriminaltechnische Spurensicherung am Tatort sei inzwischen abgeschlossen, die Ermittlungen im näheren Umfeld dagegen dauerten an. Die Kinder seien bei verschiedenen Angehörigen untergebracht.

"Die Tat wäre zu verhindern gewesen"

Der Fall Plochingen hat eine neue Debatte über das Waffengesetz entfacht. Thomas W.s Mutter und sein Bruder waren dem Vernehmen nach immer dagegen, dass das Ehepaar W. zu Hause Waffen hortet. Zuletzt seien diese im Jahr 2008 vom Landratsamt überprüft worden, gab die Behörde bekannt. Es habe keine Beanstandungen gegeben.

"Wenn unsere Forderungen akzeptiert worden wären, wäre die Tat in Plochingen vermutlich nicht geschehen", so Hardy Schober vom Aktionsbündnis Winnenden. Der 17-jährige Tim K. hatte im Frühjahr 2009 mit Waffen seines Vaters - er war ebenfalls Mitglied in einem Schützenverein - 15 Menschen und sich selbst erschossen.

Und auch die Schüler Frederik B., 19, und Andreas H., 18, aus Eislingen waren Mitglieder im Schützenverein, trainierten dort regelmäßig. Ostern 2009 erschossen sie die Schwestern und die Eltern von Andreas. In Lörrach tötete eine Sportschützin und Rechtsanwältin im September 2010 ihren Ehemann und ihren Sohn, bevor sie in einer Klinik einen Pfleger und sich selbst erschoss. Im Februar 2010 brachte in Sinsheim ein Mann seine Frau, seinen Sohn und sich selbst um - mit seiner eigenen Pistole. Auch er war Schütze, besaß ein umfangreiches Waffenarsenal.

"Die Verfügbarkeit von Waffen erhöht das Risiko", sagt Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Die Situation in die USA zeige, wie gefährlich es sei, Waffen im Haus aufzubewahren. "Dort enden Ehestreitigkeiten im Vergleich mit Deutschland um ein Vielfaches häufiger tödlich."

"Das beste Waffengesetz schützt nicht vor menschlichen Tragödien", sagt dagegen die Landesoberschützenmeisterin des Württembergischen Schützenverbands, Hannelore Lange.

Hardy Schober bleibt dabei: "Vielleicht hätte die Frau in Plochingen anders reagiert, als sich im Keller ihrer Waffe zu bedienen?"

Sollte jedoch die Aussage von Sabine W. stimmen, und ihr Mann tatsächlich gedroht haben, die Kinder zu töten, vermutlich zu erschießen, hätte auch er nur in den Keller gehen müssen.



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