Familiendramen Warum Mütter ihre Kinder töten

Mütter unter dringendem Verdacht: In Schleswig-Holstein und Sachsen sollen zwei Frauen ihre Kinder getötet haben. Die beiden Fälle sind grundverschieden - und doch ähneln sie sich: In der Verzweiflung, die der Tat vorausging, und ihrer planmäßigen Durchführung.

Von


Hamburg - Es sind Verbrechen, auf die selbst erfahrene Kriminalisten mit Fassungslosigkeit reagieren. Taten, die bei erfahrenen Kriminalpsychologen und psychiatrischen Gutachtern Fragen aufwerfen, deren Beantwortung langwierig und kompliziert ist: Was ging in den beiden Frauen vor? Was brachte sie zu ihrem Verhalten?

In Plauen vertuschte eine junge Frau den Tod dreier Säuglinge, verwahrte deren Leichen jahrelang. Im schleswig-holsteinischen Darry steht eine 31-Jährige unter dringendem Verdacht, ihre fünf Söhne getötet zu haben: "Es handelt sich in diesem Fall nicht um Neugeborene, die durch die Mutter starben. Das ist selten", sagt Professor Michael Soyka, Direktor der Psychiatrischen Klinik im schweizerischen Meiringen, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Eher ungewöhnlich sei ebenfalls, dass die psychotische, mental verwirrte Mutter ihre Kinder im Alter von drei bis neun Jahren zuerst mit Tabletten betäubt und dann - wie vermutet wird - mit Plastiktüten erstickt haben soll. "Somit handelt es sich um einen lang gestreckten Tathergang", so Soyka. Bei psychotisch Gestörten geschehe dies selten. Frauen töten aufgrund der emotionalen Bindung zum eigenen Kind in den meisten Fällen schnell. Eine Art Kurzschlussreaktion.

Steffi B., die Mutter aus Darry, leidet nach Angaben der Polizei an Wahnvorstellungen. "Wenn die Täterinnen an Psychosen und Wahnideen leiden, handeln sie in der Regel erst recht spontan und manchmal sehr gewalttätig", sagt Soyka. Daher müsse in diesem speziellen Fall geklärt werden, ob es nicht doch Momente gab, in denen die Mutter hätte innehalten und sich besinnen können. "Ein Gutachter muss prüfen, ob sie beim Vergiften oder Betäuben von fünf Kindern und dem anschließenden Ersticken vollends schuldunfähig ist."

Nachdem die 31-Jährige ihre fünf Söhne Jonas, Justin, Ronan, Liam und Aidan umgebracht hatte, benachrichtigte sie nach Angaben der Polizei einen Arzt und gestand die Tat. Momentan sei sie in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Klinik untergebracht und nicht vernehmungsfähig. "Täter, die unter dem Einfluss starker Verfolgungsgedanken oder religiösem Wahn stehen, gelten als besonders schwer einschätzbar", sagt Soyka, der als Sachverständiger zahlreiche schwierige und zugleich berührende Gutachten erstellte.

Es gibt aber auch Fälle, in denen nichts für eine Psychose oder für eine Wahnerkrankung spricht, sondern lediglich für eine reaktive Depression zum Tatzeitpunkt: So im Fall einer Rechtsanwaltsgehilfin, den Soyka untersuchte. Die Frau erstickte ihren elfjährigen Sohn Vincent und erschlug ihre zehnjährigen Zwillings-Mädchen Julia und Carola mit einem Beil.

In einem Abschiedsbrief an ihre Eltern schrieb sie: "Es war furchtbar mit den Kindern, ich wollte keine solche Sauerei machen, aber es ging nicht anders, weil der Vincent so gelitten hat. Ich bin so ein Stück Dreck, mir graust vor mir selbst." Wie viele andere Täterinnen erinnerte sich auch die 40-Jährige zwar an den Abschiedsbrief und die Stunden vor der Tat, nicht aber an den Hergang.

Jedes achte Mord- und Tötungsdelikt begeht eine Frau

Tötungsdelikte von Frauen sind immer noch die Ausnahme, aber keine Rarität mehr, belegt Soyka in seinem Buch "Wenn Frauen töten". Demnach wird jedes achte Mord- und Tötungsdelikt von einer Frau begangen. Oft sind es Tötungen an Neugeborenen. Fast jede Woche gibt es Meldungen über entdeckte Babyleichen: Meist liegen ihnen sogenannte verschwiegene Schwangerschaften zugrunde. Der Anstieg ist enorm. "Die Häufung dieser Fälle und speziell die Massivität derer, in denen Frauen gleich mehrere Kinder bekommen und töten, ist ungewöhnlich hoch", sagt Soyka.

Der Fall der drei entdeckten Babyleichen im sächsischen Plauen bestätigt auch, was Psychiater wie Soyka seit geraumer Zeit erstaunt: Dass immer mehr Frauen die Leichen ihrer Kinder aufbewahren – meist an Orten wie Blumenkästen, Kühltruhen oder unter dem Ehebett. Im Fall Plauen deponierte Susann F. eines ihrer Kinder, die kleine Tochter Celine, in einem Koffer und stellte ihn bei Verwandten unter. Wollen diese Mütter ihren Kinder nahe bleiben, heben sie deshalb die Leichen auf? "Für solch ein Verhalten habe ich schlichtweg keine gültige Erklärung", sagt Soyka.

Die Rechtsgeschichte weise eine Vielzahl von Fällen junger Frauen und lediger Mütter auf, die ihre Kinder aus Verzweiflung umbringen. Meistens töteten sie nach "einer weitgehend verschwiegenen, im psychischen Sinne verdrängten Schwangerschaft". Also einer Schwangerschaft, die es in der Wahrnehmung der Frauen nicht gegeben hat, nicht geben durfte. Sie verbergen ihren Babybauch unter weiter Kleidung, verstricken sich in Lügengespinste. Das dramatische Ende: Eine Geburt, die sie unter höchsten physischen und psychischen Qualen ganz allein durchstehen.

Für die anschließende Tötung des Neugeborenen sind mehrere Faktoren verantwortlich, Psychologen sprechen von "systematischen Amnesien", "Depersonalisation" und "dissoziativen Zuständen". Die Mütter, die nicht Mutter sein wollen oder können, verdrängen, löschen das Geschehene aus ihrem Bewusstsein. Manche der Frauen, die ihre Babys töten, sind laut Soyka psychotisch. Andere sind Opfer sexuellen Missbrauchs oder leiden an Persönlichkeitsstörungen.

"Wichtig ist, dass die Frauen keineswegs nur aus schwierigen sozialen Verhältnissen stammen", sagt Soyka. "Viele kommen auch aus der Mittelschicht und leben in mehr oder weniger geordneten Verhältnissen." Typisch für diese Frauen sei, dass sie oft unreife, naive Persönlichkeiten sind.

Dass sie die Leichen ihrer Kinder nicht bestatten, vergraben oder einäschern, dafür hat Soyka keine Erklärungen parat. "Das ist so bizarr, das kann man psychologisch nicht leicht erklären."



Forum - Was läuft schief beim staatlichen Kinderschutz?
insgesamt 1262 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
silente, 06.12.2007
1.
Ich kann Euch sagen, warum Mütter ihre Kinder töten: Wenn man jeden Morgen aufwacht mit Sorgen im Magen (und das in diesem Fall fünffach), wenn man alleine gelassen wird, mit niemandem über diese Sorgen reden kann, weil die Fähigkeit des einander Zuhörens in dieser Gesellschaft gänzlich abhanden gekommen ist, erreicht man irgendwann den Punkt, an dem es nicht mehr weiter geht. Wer will Kindern solch eine "Welt" antun? Das ist eine Frage, die als Grund dafür steht, weshalb viele erst gar keine in die Welt setzten, lieber verbissen gegen die innere Uhr ankämpfen und verdrängen. Andere sind schwächer, bekommen Kinder, LIEBEN ihre Kinder. Aber müssen irgendwann feststellen, dass sie keine Chance auf Zukunft mehr haben. Absolute Dunkelheit... Jeder, der zu diesen Themen klug daher reden zu müssen glaubt, sollte bedenken, dass eine Gesellschaft ihre Amokläufer, ihre Kindermörder, ihre Geisteskranken Täter immer aus sich selbst gebird. Und diese Gesellschaft sind WIR!
dietrichstahlbaum, 06.12.2007
2. Kindesmisshandlung ein gesellschaftliches Problem?
Bevor wir den Staat rufen, sollten wir zuerst einmal nach den Ursachen und Folgen fragen: Die Zeitungsberichte lassen vermuten, Kindesmisshandlung sei ein Schichtenproblem. Dies wird zumeist auch so gesehen. Es ist ein Vorurteil. Aber es gibt einen Unterschied, einen sichtbaren und einen verborgenen: Physische Gewalt, also körperliche Misshandlung - dazu zählt die Vernachlässigung - ist am häufigsten in den sozial benachteiligten Unterschichten. Ursachen sind, wenn nicht wirkliche Armut und tiefes Elend, das Leiden am niederen Lebensstandard in einem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, in dem ein unerbittlicher Konkurrenzkampf, soziale Kälte und der »Konsumismus« [Maria Mies] herrscht. Ferner: Ehe-/Partnerschaftsprobleme der Eltern, Stress, Arbeitslosigkeit oder die Härte der Arbeitsbedingungen und, dementsprechend, raue Umgangsformen, weil eine verbale, eine sprachliche Kommunikationsfähigkeit nicht entwickelt werden konnte. Es gibt sie noch: die schwere körperliche Arbeit; sie blockiert intellektuelle und kulturelle Lernprozesse. Und die ständige Überforderung am Fließband. Generationen von Arbeitern und ihren Familien sind davon geprägt, auch Familien, denen der Aufstieg in den Mittelstand gelungen ist. Körperliche Züchtigung, üblich noch in meiner Kindheit. Gewalt, von Generation zu Generation „weitergegeben“ – in allen Schichten! Der Rohrstock in der Schule, neben dem Spucknapf. In der Volksschule. Da habe auch ich Prügel bezogen, zwischen 1932-38. Solch ein Kindesmissbrauch war damals gang und gebe und gehörte einfach zur Erziehung. Die Schule als Paukanstalt für sadistische Lehrer! Die andere Art der Kindesmisshandlung ist die psychische. Sie hinterlässt kaum sichtbare Spuren, ist aber mindestens ebenso grausam wie physische Gewalt. Sie beginnt bei permanenter Overprotektion [Selbständigkeit verhindernde, Angst induzierende Überbehütung] und endet beim Psychoterror. Nur der geschulte Blick kann die bleibenden Schäden dieses Missbrauchs elterlicher und pädagogischer Autorität erkennen, z. B. an der Körperhaltung, am Gesichtsausdruck und an der Sprache des betroffenen Kindes. Auch die psychische Misshandlung kann dieselben Folgen haben wie die physische: Neurosen, Neurosen, Psychosen, Depressionen, Schuldgefühle, Angst- und Schmerzzustände, neurovegetative Störungen, Herzbeschwerden, Rheumatismus, Immunschwäche, Krebs, Drogen- und Medikamentensucht, Alkoholismus, Selbstverstümmelung und Suizid; Masochismus, Sadismus, Mordsucht, Missbrauch eigener und fremder Kinder u. v. m. Keinen geringeren Schaden verursacht subtile Gewalt, wie sie besonders von Intellektuellen gegen Kinder und PartnerInnen angewendet wird. Individuelle Gewalt. Dieser Hydra Kopf für Kopf abschlagen? Schärfere Gesetze, härtere Strafen, Überwachungsmaßnahmen? Das wird nichts nützen. Sie wachsen nach, die Köpfe. Not-wendig ist eine Sensibilisierung unserer Gesellschaft. Und vor allem: Aufklärung! Aufklärung! Aufklärung! Deutlich machen, woher diese Gewalt kommt und dass wir sie eindämmen können, wenn wir die sozialen Verhältnisse ändern, die Gesellschaft ändern, mitsamt uns selber! Aufgabe der Politik ist es, die strukturellen und personellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass der Mensch mit sich und seinen Mitmenschen in Frieden leben kann.
Axelino, 06.12.2007
3. Schieflage
Was schief läuft weiß eigentlich jeder: Kosteneinsparungen an allen sozialen Kernpunkten. Stellenkürzungen bei den Jugendämtern, eine kinderfeindliche Gesellschaft in der nur Leistung zählt. Wohin soll jemand gehen, der mit seinen Kindern nicht mehr klar kommt? Wo wird ihm denn wirklich geholfen? Ich habe selbst Kinder, und wüsste nicht an wen ich mich wenden sollte. Bei den Jugendlichen gehts grade so weiter, es gibt Städte, die haben noch nicht mal ein anständiges Jugendzentrum. Sowas könnte ja Geld kosten. Das sind so die Nebenwirkungen einer Leistungs- und Konsumorientierten Gesellschaft.
Nicola54 06.12.2007
4. Nicht der Staat ist gefragt
Nicht der Staat ist gefragt, sondern wir alle. Solange Kinder von der Gesellschaft lediglich als Sache ihrer Eltern betrachtet werden und nicht als Kinder von uns allen, für die wir alle verantwortlich sind, wird es immer wieder solche Fälle geben. Heutzutage Kinder zu haben, ist ein sehr anstrengendes und aufreibendes Unterfangen. Leider steht man oft allein. Das fängt mit den Türen an, die einem mit Kinderwagen vor der Nase zugeschlagen werden, geht über Schlange stehen mit einem Zweijährigen ohne daß man vorgelassen wird und geht bis zu Beschwerden von Nachbarn, ohne Hilfe anzubieten. Ich war selbst alleinerziehende Mutter. Ich habe die Frage: "Wo ist denn die Mutter?" gehaßt, ganz zu schweigen, daß man beschimpft wurde, wenn eine prekäre Situation bestand. Niemand kam dann ganz einfach auf die Idee, das Kind von irgendwas abzuhalten oder sich mit ihm zu unterhalten. Nein, die Eltern bzw. die Mutter war zuständig und schuld. Nein, Kinder gehören uns alle, und Eltern brauchen unser aller Unterstützung.
Der_Alex 06.12.2007
5.
Man muss sich zu erst fragen, was läuft schief mit uns allen. Man kann nicht mehrere Hundert Jahre Gewalt und Erniedrigung aus den Familien einfach so raus operieren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.