Kindstötungen von Ilsede: Eine Tragödie

Von , Hildesheim

Zwölf Jahre lang war Andreas S. nach außen ein Vorzeigevater. Er umsorgte seine Kinder - bis er sie im Juni tötete. Vor Gericht gab der 37-Jährige die Tat zu, schwieg aber zu den Gründen. Verwandte und Bekannte fanden im Zeugenstand verstörende Antworten.

Angeklagter Andreas S.: "Er war ein Mensch, für den die Familie alles ist" Zur Großansicht
DPA

Angeklagter Andreas S.: "Er war ein Mensch, für den die Familie alles ist"

Es gibt Väter, die leben nur für ihre Familie. Die kommen gern von der Arbeit nach Hause, widmen sich ihren Kindern hingebungsvoll, verbringen jede freie Minute mit ihnen, buddeln begeistert im Sandkasten, helfen geduldig bei den Hausaufgaben. Die stellen ihre eigenen Ansprüche hinten an. Die verzichten auf Freunde, Sozialleben, jegliche Kontakte außerhalb ihres Mikrokosmos.

So ein Vater war Andreas S.

Einer, dem man sein eigenes Kind "blind" anvertrauen würde, wie es ein Zeuge formulierte. Bis Andreas S. am 14. Juni dieses Jahres im niedersächsischen Ilsede seine vier Kinder tötet.

Weinend sitzt er am Mittwoch vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Hildesheim. "Ich hab' es gemacht", schluchzt er kaum hörbar. "Es tut mir sehr leid, was ich meinen Kindern, meiner Frau und allen anderen angetan habe." Mehr sagt Andreas S. nicht, nicht einmal Angaben zu seinem Lebenslauf will er machen. Er fühle sich dazu nicht in der Lage, verkündet sein Verteidiger. Andreas S., 37, hat nicht nur das Leben seiner Kinder Lio, Lenni, Noah und Pia zerstört. Sie waren fünf, sieben, neun und zwölf Jahre alt.

Stumm kauert er vor dem Mikrofon, ein schmaler Mann von 64 Kilo mit kurzgeschorenen Haaren, Drei-Tage-Bart und Designerbrille. Die Arme im weißen Hemd ruhen auf dem Tisch vor ihm. "Ihr Familienstand?", fragt der Vorsitzende Richter Ulrich Pohl. "Zurzeit verheiratet", flüstert Andreas S.

Seine Ehe, geschlossen im Mai 1999, war das Fundament seines Lebens. Sie sei "perfekt" und "harmonisch" gewesen, gab Andreas S. bei seiner Vernehmung durch den Haftrichter zu Protokoll. Das Dokument wurde vor Gericht verlesen. "Meine Frau war alles für mich." Wenn sie ihn anrief, habe er es Minuten vorher bereits gespürt, sehnsüchtig zum Telefon geschaut.

Das Paar gibt die Trennung bekannt - und die Alkoholsucht des Familienvaters

Um die vier Kinder hätten sie sich gemeinsam gekümmert, nur habe er mehr mit ihnen unternommen. Seine Formulierung in diesem Zusammenhang klingt verstörend: "Ich habe dafür gesorgt, dass sie Spaß am Leben haben."

Nach außen hin ist es die Geschichte einer Bilderbuchfamilie. "Er war ein Vorzeigepapa", sagt Stefan J. vor Gericht. Er ist der Lebensgefährte von Andreas S.' Schwester und vielleicht der einzige "Freund", den Andreas S., Straßenwärter bei der Autobahnmeisterei, je hatte. Stefan J. hat den vierfachen Vater nie aggressiv, ausfallend erlebt. Mit Freude habe sich "Andy" mit seinen Kindern beschäftigt, Fußball gespielt, ihnen vorgelesen, sie ins Bett gebracht. Seine Frau, die einen 400-Euro-Job ausübte, habe er entlastet und sich um den Haushalt gekümmert. "Er war ein Mensch, für den die Familie alles ist", sagt Stefan J. vor Gericht.

Als "ganz tolles Paar" beschreibt Mareike B. die Eheleute S. Die Finanzbeamtin wohnte neben der Familie in einer Reihenhaussiedlung in Ilsede und war mehr Freundin als Nachbarin. "Ich habe es bewundert, wie sie sich ihre Liebe bewahrt haben", sagt die 37-Jährige, selbst Mutter eines Kindes. Die beiden seien liebevoll miteinander umgegangen, im Ton und in den Gesten.

13 Jahre lang halten die Eheleute S. die Fassade aufrecht. Als die beiden am 15. April 2012 ihren Verwandten und Freunden mitteilen, dass sie sich trennen, fallen viele aus allen Wolken. Denn das Paar eröffnet ihnen auch, dass Andreas S. ein Alkoholproblem hat und eine Entziehungskur beginnen wird. Seine Schwester bringt ihn in eine Klinik nach Königslutter.

"Ich war mit den Nerven völlig fertig"

Für Andreas S. ist es eine Trennung auf Zeit. Für seine Ehefrau ist es das endgültige Ende. Erst jetzt vertraut sie anderen an, was keiner für möglich hielt: Mehrfach habe Andreas S. sie geschlagen und geschubst. Am Wochenende sei sie deshalb oft spät aufgestanden, weil sie erst einschlafen konnte, wenn er das Bett verlassen hatte. "Sie hatte Angst, dass er ihr Schlimmeres antut", sagt die benachbarte Freundin.

Ja, es sei ein- bis zweimal pro Jahr zu "Gewaltanwendungen" gekommen, gibt Andreas S. in seiner Vernehmung zu. Das sei dem Alkohol geschuldet, er habe lange nicht wahrhaben wollen, ein Suchtproblem zu haben.

Dem Haftrichter gegenüber schildert er eine besonders gewalttätige Situation, die sich am Abend des 3. Oktober 2011 zugetragen habe, als das Paar wegen einer Banalität in Streit geraten sei. Er habe danach drei Flaschen Wein getrunken, sein Handy zerstört und seine Brille zertreten. "Ich war mit den Nerven völlig fertig." Seine Frau habe ihn beruhigt, in den Arm genommen.

Am nächsten Morgen habe er sich das Leben nehmen wollen. Er habe seine Frau aufs Bett geworfen und versucht, sie zu vergewaltigen. "Ich wollte wohl, dass sie nicht um mich trauert, wenn ich tot bin, sondern mich hasst." Seine Frau habe ihn zum Arzt gefahren, dort habe er eine Beruhigungsspritze bekommen.

Der Versuch des Ehepaares nach diesem Vorfall, die Beziehung doch noch zu retten, misslingt. Die Situation eskaliert immer wieder. Bis zu jenem 15. April, an dem Andreas S. die Entziehungskur antritt und das Paar die Trennung bekanntgibt.

Andreas S. hofft auf einen Neustart - wieder und wieder

Sie seien sich jedoch in der Rehabilitation als Paar wieder näher gekommen, seine Frau habe gar in Dänemark das Eheversprechen erneuern wollen, behauptet Andreas S. "Wir waren wie ein frisch verliebtes Paar." Stefan J., der Lebensgefährte der Schwester, sagt hingegen am Mittwoch: "Andy wollte die Trennung nicht, er hatte Angst, die Kinder und seine Frau zu verlieren. Das war sein Leben, sein Ein und Alles."

Nach der Kur zieht Andreas S. in den Keller im Haus seiner Schwester, 200 Meter vom Zuhause seiner Kinder entfernt. Für ihn ist noch nichts endgültig. Nach der Arbeit eilt er in das Reihenhaus zu seinen Kindern, abends schickt ihn seine Frau fort. Er beschreibt die Wochen als Strudel der Ungewissheit, behauptet, seine Frau habe mit ihm geflirtet, ihn dann wieder abgewiesen.

Für die Zeugen, die am Mittwoch aussagen, ist zu diesem Zeitpunkt längst klar: Seine Ehefrau sieht den Schritt als Befreiung. "Sie wollte von ihm los, für sie war die Ehe gescheitert", erinnert sich Mareike B.

Mitte Juni fährt die vierfache Mutter für eine Woche nach Dänemark, Kraft tanken, eine Auszeit nehmen. Andreas S. soll in dieser Zeit die Kinder betreuen. Er hofft nun auf einen Neustart nach der Rückkehr.

Angst, die Kinder allein beim Vater zu lassen, hat die vierfache Mutter nicht. Es habe keine Hinweise für eine Gewalttat gegeben, sagen die Zeugen vor Gericht. Auch sie hätten nie erwartet, dass ausgerechnet Andreas S. seinen Kindern etwas antun könnte.

"Fünf Herzen haben aufgehört zu schlagen"

Der Nachbarin begegnet er sogar noch wenige Stunden vor der Tat. "Er war fröhlich, guter Dinge", sagt sie. Mit seiner Frau in Dänemark ist er im ständigen Austausch, per Telefon und SMS. Er fragt nach dem Wetter und was sie macht - und ob sie zu ihm zurückkommt. Gegen 19 Uhr teilt sie ihm am Telefon mit, dass die Trennung endgültig ist.

Die beiden jüngeren Kinder schlafen bereits. Pia, der Ältesten, teilt er die Entscheidung der Mutter mit. Die beiden weinen, er erzählt ihr, er werde wegziehen aus Ilsede. Als die Zwölfjährige im Bett liegt, geht Andreas S. in den Keller, trinkt Bier. Das erste Mal seit dem Entzug, wie er sagt. "Ich hab' gedacht: scheißegal. Ich hab' eh alles verloren."

Er ändert die Passwörter für seinen Computer, Bankkonten und Internetseiten. An viel mehr kann sich Andreas S. nicht erinnern, wie er sagt. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft schleicht der 37-Jährige in die Zimmer der schlafenden Kinder, schneidet ihnen mit einem Teppichmesser in den Hals. Als er Pias Zimmer betritt, steht sie vor ihrem Hochbett: "Was ist los?", fragt sie ihren Vater. Er hält ihr mit der linken Hand den Mund zu, sticht auch ihr in den Hals.

Nacheinander trägt er die toten Kinder ins elterliche Schlafzimmer, bahrt ihre Leichen auf dem Bett auf. Bevor er sich selbst die Pulsadern aufschneidet und in den Hals sticht, schreibt er um 23.12 Uhr seiner Ehefrau eine SMS: "2012 geht die Welt unter. Zumindest für mich. Herzlichen Glückwunsch zu deinem neuen Leben (…) Fünf Herzen haben aufgehört zu schlagen."

Die vierfache Mutter kontaktiert Andreas S.' Schwester, sie soll nach dem Rechten sehen. Andreas S. überlebt. Er hat einen Abschiedsbrief verfasst. "Ihr überlasse ich die Kinder nicht!", schreibt er über seine Frau. "Sie will nur Geld, das einzige, was ihr wichtig ist, war nie die Familie. Nie. Ich hoffe, ich bin jetzt auf ewig mit meinen Kindern zusammen."

Ob denn inzwischen die Scheidung laufe, fragt der Vorsitzende Richter am Mittwoch den Zeugen Stefan J. "Das ist jetzt ja wohl nachvollziehbar", sagt der.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Justiz
RSS
alles zum Thema Kriminalität
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite