65 Jahre "Most Wanted"-Liste Gejagt vom FBI

Heute sind es Cyberkriminelle und Mafiosi, früher waren es Bankräuber und Autodiebe: Seit 65 Jahren pflegt die US-Bundespolizei FBI ihre "Ten Most Wanted"-Liste. Zeit für eine kleine Rückschau.

AP/ FBI

Washington - Man kann getrost davon ausgehen, dass Yaser Abdel Said keinen Wert darauf legt, diese Art von PR zu bekommen: Der Mann aus Texas ist der jüngste Zugang auf der "Ten Most Wanted"-Liste des FBI. Der US-Bundespolizei sind Hinweise, die zu Saids Festnahme führen, bis zu 100.000 Dollar wert. Er soll im Jahr 2008 seine beiden Töchter ermordet haben.

Immerhin kann Said für sich in Anspruch nehmen, zu einem besonderen Zeitpunkt auf der Liste zu stehen: Diese Woche hat das FBI ein kleines Jubiläum gefeiert: 65 Jahre "Ten Most Wanted".

Die Behörde bezeichnet die Liste als ein Werkzeug der Öffentlichkeitsarbeit - Medien und Bürger sollen helfen, Gesuchte zu fassen. Seit 1950 standen 504 Personen auf der Liste. Bei 473 gab es eine Festnahme oder es ließ sich zumindest der Aufenthaltsort bestimmen - in 156 Fällen als direktes Resultat von Hinweisen aus der Bevölkerung, so das FBI.

Vom Mörder Martin Luther Kings bis zum Gangsterboss

Ganz von selbst kamen die Polizisten aber nicht auf die Idee, die Öffentlichkeit für die Fahndung einzuspannen. 1949 hatte ein Journalist angefragt, der eine Story über die schlimmsten Flüchtigen schreiben wollte. Das FBI nannte zehn Namen und Geschichten. Der Artikel war so beliebt, dass FBI-Chef J. Edgar Hoover die "Most Wanted"-Liste dauerhaft etablierte - als Auswahl, wohlgemerkt, nicht als Ranking.

Einige Highlights aus 65 Jahren:

  • Thomas James Holden war der erste Gesuchte. Er hatte seine Frau, deren Bruder sowie Stiefbruder ermordet. Am 14. März 1950 platzierte das FBI Holden auf der Liste, am 23. Juni 1951 wurde er in Oregon festgenommen - nach dem Hinweis eines Bürgers, der einen Zeitungsartikel über Holden gelesen hatte.
  • Die kürzeste Verweildauer auf der Liste hatte Austin Bryant - gerade mal zwei Stunden. Er hatte zwei FBI-Mitarbeiter in Washington erschossen. Zwei Stunden nachdem die Behörde ihn auf die Liste setzte, wurde er nur wenige Straßenblocks vom Tatort entfernt auf einem Dachboden aufgegriffen.
  • Mit 77 Jahren ist William Bradford Bishop Jr. der älteste Gesuchte in der Geschichte der Liste. Seit April 2014 gehört er zu den Top Ten. 1976 soll Bishop seine Mutter, Frau und drei Söhne erschlagen und die Leichen verbrannt haben.
  • James Earl Ray ist einer von nur sechs Menschen, die gleich zweimal auf der Liste standen. Er erschoss am 4. April 1968 Martin Luther King. Am 20. April des Jahres wurde er auf die Liste aufgenommen, nach seiner Festnahme am Flughafen London-Heathrow am 8. Juni strich das FBI seinen Namen. 1977 brach Ray mit weiteren Sträflingen aus dem Gefängnis aus, wo er wegen des Mordes an King eine Haftstrafe von 99 Jahren verbüßte. Der Ausbrauch am 11. Juni brachte Ray zum zweiten Mal auf die Liste - bis zu seiner Festnahme zwei Tage später.
  • Nur acht Frauen standen auf der Liste. Am 28. Dezember 1968 bekam Ruth Eisemann-Schier wegen Entführung und Lösegelderpressung als erste Frau den "Most Wanted"-Status. Am 5. März 1969 wurde sie in Oklahoma festgenommen.
  • Einige der bekanntesten Kriminellen der USA fanden ihren Weg auf die Liste: Mafiaboss James "Whitey" Bulger beispielsweise, 2011 geschnappt, im November 2013 zu lebenslanger Haft verurteilt. Pikant: Bulger war FBI-Informant und konnte deshalb lange Zeit nahezu ungehindert als Gangster-Boss in Boston agieren.

Die Vorwürfe gegen die Gesuchten spiegeln die Fahndungsschwerpunkte des FBI ebenso wie gesellschaftliche Entwicklungen. In den Fünfzigern hätten vorwiegend Bankräuber, Einbrecher und Autodiebe auf der Liste gestanden, schreibt die Behörde. In den Sechzigern waren vor allem radikale Regierungsgegner das Ziel, oftmals wurden sie wegen Sabotage oder Entführung gesucht.

Mutmaßlicher Räuber seit Jahrzehnten auf der Liste

Die Siebziger: Schwerpunkt auf organisiertem Verbrechen und Terrorismus. Die beiden folgenden Jahrzehnte: Sexualstraftäter, Drogenhändler, internationale Terroristen. Das setze sich bis heute fort, schreibt das FBI - zunehmend würden aber auch Leute auf der Liste landen, die wegen Gang-Kriminalität oder Verbrechen gegen Kinder gesucht würden.

So zufrieden das FBI mit der "Most Wanted"-Liste sein mag - einen Fahndungserfolg garantiert sie nicht. Ein Beweis dafür findet sich in den aktuellen Top Ten: Victor Manuel Gerena. Er soll 1983 in Connecticut bei einem bewaffneten Raubüberfall rund sieben Millionen Dollar erbeutet haben. Seit Mai 1984 steht er auf der Liste, länger als je ein Gesuchter vor ihm. Das scheint am FBI zu nagen. Informationen, die zu Gerena führen, sind den Fahndern bis zu eine Million Dollar wert.

ulz

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