FBI-Skandal Wenn die Forensik versagt

Es ist einer der größten Justizskandale der US-Geschichte: Das Kriminallabor des FBI liefert seit Jahren falsche Haaranalysen. Hunderte Angeklagte wurden womöglich zu Unrecht verurteilt - manche davon zum Tode.

Von , New York

Eingang zum Todestrakt in San Quentin: Zweifel am CSI
REUTERS

Eingang zum Todestrakt in San Quentin: Zweifel am CSI


Bis heute ist "CSI" eine der populärsten TV-Serien der Welt. Kriminologen, sogenannte Crime Scene Investigators, lösen dort Mordfälle mit forensischen Methoden und Indizien wie Haar-, Blut- und DNA-Proben. Die Sendungen, die seit Oktober 2000 ununterbrochen laufen, machten die im Stillen agierenden Laborfahnder zu Actionhelden.

Echten Kriminologen hat das nie geschmeckt. Seit Langem kritisieren sie diese Darstellung ihres seriösen Berufsstands. Zugleich streiten Juristen um den "CSI-Effekt", wonach sich US-Gerichte unter dem Eindruck der Serie viel zu sehr auf Forensik verlassen - eine Befürchtung, die sich jetzt als berechtigt entpuppt.

Die Rede ist von einem der größten Justizskandale der US-Geschichte: Jahrzehntelang lieferte das FBI den Gerichten falsche Haaranalysen und half so mit, dass womöglich Hunderte Angeklagte nicht nur unschuldig hinter Gittern landeten - sondern in vielen Fällen sogar hingerichtet wurden.

Der Vorwurf ist nicht neu, seit Jahren kursieren solche Berichte. Doch die aktuellen, offiziellen Erkenntnisse, enthüllt von der "Washington Post" und vom FBI bestätigt, offenbaren das ganze Ausmaß der Missstände und ihre gravierenden Folgen für die Betroffenen. "CSI", resümierte das Magazin "Atlantic", "ist eine Lüge."

Verheerendes Zwischenergebnis

Aufgrund wiederholter Unstimmigkeiten begannen das US-Justizministerium und das ihm unterstellte FBI bereits 2012 eine interne Prüfung ihrer forensischen Arbeit. Unterstützt von der Anwaltsvereinigung NACDL und dem Innocence Project, das unschuldig Verurteilte vertritt, untersuchen die Behörden rund 2500 Fälle seit 1985, in denen Haar- und Gewebeproben und Aussagen des FBI eine Rolle spielten.

Das verheerende Zwischenergebnis: Fast jeder forensische FBI-Fahnder habe "in fast allen Prozessen fehlerhaft ausgesagt", zitiert die "Washington Post" erste Erkenntnisse des Berichts. So hätten in 257 der 268 bisher untersuchten Prozesse 26 von 28 Experten des FBI-Labors Haarvergleiche zugunsten der Anklage "überbewertet".

Schlimmer noch: In 32 Fällen hätten die Gerichte anschließend Todesstrafen verhängt. 14 Verurteilte seien bereits hingerichtet worden oder im Todestrakt verstorben - davon allein fünf in Texas.

US-Prozesse stützen sich auf ein Geflecht aus Zeugenaussagen und Beweisen. DNA- und andere forensische Proben können dabei das Zünglein an der Waage sein: "Forensische Beweisanalyse", heißt es im Handbuch des FBI-Labors, "ist oft maßgebend bei der Bestimmung von Schuld oder Unschuld."

Skandal befeuert Debatte über die Todesstrafe

Die Vorwürfe gehen an den Kern dieser Spezialwissenschaft. So gibt es bis heute keine konkreten Studien, wie oft sich Haare mikroskopisch gleichen können. Auch arbeiten die Analysten im zentralen FBI-Labor in Quantico bei Washington generell im Auftrag der Anklage, was die Ergebnisse nach Auffassung der Kritiker beeinflussen könnte. Die Verteidigung dagegen hat seltener Zugang zu teuren DNA-Experten.

Dabei ist das Problem bekannt. Immer häufiger werden US-Urteile wieder aufgehoben, weil sich die Indizien im Nachhinein als mangelhaft erwiesen. Inzwischen geschah das in mehr als 300 Fällen, die bis 1989 zurückgehen. Allein in Washington wurden seit 2009 fünf Männer, die 20- bis 30-jährige Haftstrafen verbüßten, nachträglich freigesprochen.

Der FBI-Skandal befeuert nun vor allem die Debatte über die Todesstrafe neu. Immer mehr US-Staaten setzen sie aus oder schaffen sie ganz ab. Eine besonders intensive Diskussion findet gerade in Massachusetts statt: Der Bundesstaat verwarf die Todesstrafe zwar schon 1984, sieht sich aber im Fall des Bostoner Marathon-Attentäters derzeit erneut mit dem Thema konfrontiert.

Dschochar Zarnajew wurde Anfang April schuldig gesprochen, den Anschlag verübt zu haben. Auch dabei spielten DNA-Indizien eine Rolle: Eine Expertin des Kriminallabors von Massachusetts sagte aus, man habe im Auto Zarnajews Blut eines getöteten Polizisten gefunden.

In einer zweiten Prozessphase, die am Dienstag beginnt, müssen die Geschworenen nun über das Strafmaß entscheiden: lebenslange Haft oder Todesstrafe. Letzteres wäre in diesem Fall auch in Boston möglich, da Zarnajew nicht von den örtlichen Behörden angeklagt wurde, sondern vom US-Justizministerium, das die Todesstrafe bis heute anerkennt.

Während an den DNA-Proben und der Schuld Zarnajews keine Zweifel bestehen, gibt es in diesem Fall moralische Bedenken. So verwandte sich die Familie des bei dem Anschlag umgekommenen achtjährigen Martin Richard dagegen, Zarnajew zum Tode zu verurteilen: Die Revisionsverfahren, schrieben sie in einem offenen Brief, könnten "den schmerzhaftesten Tag unseres Leben" auf Jahre hinweg verlängern.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Textes war die Rede von falschen DNA-Analysen. Tatsächlich handelt es sich um falsche Haaranalysen. Der Artikel wurde entsprechend angepasst.

Hinrichtungen seit 1976

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insgesamt 52 Beiträge
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twallutis 20.04.2015
1. Schuld hat nicht CSI...
Schuld haben schlampig arbeitende Gutachter. Die problematische Praxis bei der Haaranalyse endete übrigens 2000; also in dem Jahr, in dem CSI anfing.
bananenrep 20.04.2015
2. Arbeiten.....
nicht auch alle Regierungen der Welt mit solchen Methoden ?
hardliner2015 20.04.2015
3. In den USA gibt es kein Recht
Die Wahrheit ist, daß man in den USA in dem Augenblick bereits verurteilt ist, wenn man von der Polizei aufgegriffen wird. Da ist es ganz egal, worum es sich handelt. Recht gibt es in den USA nicht. Die Polizei wird es schon so hindrehen, daß sie den Schuldigen geschnappt haben. Dabei geht es auch nicht um das Delikt. Selbst wenn man das Leben der Straßenräuber/Einbrechers schont und die Polizei anruft, kann man ein Strafverfahren an den Hals bekommen, weil man die Polizei angerufen hat. Denn wenn man am anderen Ende von 110/911 eine Person im Drogenrausch bekommt, dann muß man erst einmal erklären, daß man in den USA Steuern zahlt und auch erwartet, daß die Gangster vor der Tür schnell abgeholt werden bevor man selber zur Waffe greifen muß. Das findet die Polizei dann nicht so gut. Am besten in den USA mit unregistrierter Waffe herumlaufen und schneller ziehen, wenn es notwendig wird und immer hoffen, daß dies nie passiert. Dann braucht man auch nie die Polizei zu rufen. Ach ja, und bevor ich es vergesse, in New Jersey bekommt man als Angehöriger eines Polizisten eine Karte, die man vorzeigen kann, wenn man was ausgefressen hat, zum Beispiel bei Trunkenheit am Steuer. Dann wird man weder verhaftet noch angeklagt. Das ist USA in Reinkultur.
hummel1 20.04.2015
4. Der Weisheit letzter Schluss?
Wir diskuttieren über Ethik bei der Flüchtlingsfrage im Mittelmeer und pflegen noch in vielen Ländern die Todesstrafe? Ich habe mich immer gefragt, wer sich für unfehlbar hält, andere Menschen, durch direkte Einflussnahme, in den Tod zu schicken? Ich würde Nacht für Nacht kein Auge zu machen in denen mich, der kleinste Zweifel, verzweifeln ließe.
ahloui 20.04.2015
5. Das ist ja merkwürdig...
...die Nachrichten sind voll davon, aber nirgends wird erwähnt, dass es falsche DNA-Analysen gab. Ich habe lediglich von falschen Haaranalysen gehört.
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