Tod von Michael Brown Die Verhörprotokolle des Todesschützen

Im Fall des erschossenen Teenagers Michael Brown aus Ferguson hat der Staatsanwalt Unterlagen freigegeben - darunter die dramatischen Aussagen des Polizisten Darren Wilson.

Von Rainer Leurs und Vivian Alterauge

REUTERS/St. Louis County Prosecutors Office

Ferguson - Es ist ein Berg an Unterlagen, den die Staatsanwaltschaft von St. Louis in der Nacht veröffentlichte: Befragungsprotokolle, Ergebnisse von Autopsie und Drogentest, Mitschnitte des Funkverkehrs. Der zentrale Punkt im Fall des erschossenen schwarzen Teenagers Michael Brown jedoch verbirgt sich in Band fünf der Zeugenaussagen: Es ist die Befragung des Polizisten Darren Wilson vor der Grand Jury.

Wilson war es, der am 9. August unter fragwürdigen Umständen die tödlichen Schüsse auf Brown abgab. Der Vorfall war der Auslöser für die zum Teil gewalttätigen Proteste in Ferguson. Seit klar ist, dass die Justiz keine Anklage gegen Wilson erheben wird, sind sie heftiger entflammt denn je.

Wie der Polizist die entscheidenden Minuten erlebt haben will, lässt sich nun auf fast hundert Protokollseiten nachlesen. So beschreibt Wilson, wie er allein in seinem Streifenwagen unterwegs war, als er zufällig über Funk von einem Ladendiebstahl in der Gegend hörte. Danach habe er zwei Männer gesehen, die mitten auf der Straße entlangmarschiert seien. Einer der beiden - Michael Brown - habe auf die Beschreibung des gesuchten Ladendiebs gepasst.

Ladendiebstahl in Ferguson (Bilder von Überwachungskamera): Laut Polizei handelt es sich bei dem Mann im weißen T-Shirt um Michael Brown
REUTERS

Ladendiebstahl in Ferguson (Bilder von Überwachungskamera): Laut Polizei handelt es sich bei dem Mann im weißen T-Shirt um Michael Brown

Wilson: "Ich versuche, die Fahrertür zu öffnen, und sage zu Brown: 'Hey, komm mal kurz her!' Da dreht er sich um, schaut mich an und sagt: 'Was zur Hölle willst du dagegen tun?', und knallt meine Tür zu. (...) Ich habe ihn aufgefordert zurückzutreten, aber er hat mich einfach nur angesehen, als wolle er mich einschüchtern oder niederstarren."

Laut Wilson kommt es zu einem kurzen Handgemenge, bei dem der Polizist erneut versucht, die Tür zu öffnen, und Brown sie ein zweites Mal zuschlägt. "Get the fuck back", habe er den Teenager angeherrscht.

Wilson: "In diesem Moment sah ich, wie er sich in meinen Wagen beugte. Sein Kopf war höher als das Dach meines Autos, er hat sich gebückt und hatte die Hände erhoben (...). Er hat mich hier an der Seite mit der Faust im Gesicht getroffen. (...) Ich glaube, mein Arm hat einiges von dem Schlag abgefedert, aber da war immer noch ein signifikanter Kontakt mit meinem Gesicht."

Darren Wilson kurz nach dem Vorfall am 9. August (Foto der Staatsanwaltschaft): "Signifikanter Kontakt mit meinem Gesicht"
REUTERS/ St. Louis County Prosecutors Office

Darren Wilson kurz nach dem Vorfall am 9. August (Foto der Staatsanwaltschaft): "Signifikanter Kontakt mit meinem Gesicht"

Durch das offene Fenster hindurch versucht Wilson nach eigenen Angaben, Browns Arm festzuhalten. "Ich habe mich gefühlt wie ein Fünfjähriger, der sich an Hulk Hogan klammert", sagt der Polizist in Anspielung auf den riesenhaften Ex-Wrestler. Erneut soll ihn der angeblich rund 135 Kilo schwere Brown durch das geöffnete Fenster hindurch geboxt haben. Wilson schildert, wie er seine Optionen abwägt, um weitere Schläge zu verhindern: An seine Reizgasdose kommt er nicht, ohne die Deckung mit der linken Hand fallen zu lassen, seinen Schlagstock bekommt er nicht zu fassen, weil er darauf sitzt.

Schließlich zieht er seine Pistole.

Bemerkenswert ist die nun folgende Passage: Wilson schildert die Bedrohung, die er in jenem Moment empfunden haben will - während er in einem Auto saß und eine geladene Waffe am Gürtel hatte. "Ich spürte, dass ich vielleicht K.o. gehen würde, wenn er mich nochmal ins Gesicht schlägt", führt er aus. "Zwei solcher Treffer hatte ich bereits eingesteckt, ein dritter hätte tödlich sein können."

Wilson: "Ich habe gesagt: 'Tritt zurück, oder ich schieße!' Er [Brown] hat sofort meine Pistole gepackt und erwidert: 'Du bist viel zu feige, um auf mich zu schießen' (...) Er hat sie oben angefasst und die Waffe dann heruntergedrückt. Am Ende war sie auf meine Hüfte gerichtet. (...) Ich konnte spüren, wie er versuchte, seine Finger zum Abzug zu führen. Ich weiß noch, wie ich mir vorstellte, dass eine Kugel in mein Bein eindringt."

Während dieses Gerangels drückt Wilson nach eigenen Angaben ab, der Schuss schlägt in die Tür des Streifenwagens ein; das heruntergelassene Fenster zersplittert. Nach einer Schrecksekunde habe Brown aber ein weiteres Mal angegriffen.

Wilson: "Sein Gesichtsausdruck war sehr aggressiv. Ich kann es nur so beschreiben: Er sah aus wie ein Dämon. So wütend. Er kam mit erhobenen Händen auf mich zu, ich habe nochmal abgedrückt, aber es löste sich kein Schuss."

Jury: "Sie sagen, er kam mit erhobenen Händen auf sie zu. Hatte er die Fäuste geballt?"

Wilson: "Ich habe nur gesehen, dass er die Hände erhoben hatte. Ich weiß nicht, ob sie zu Fäusten geballt waren. (...)"

Nachdem sich erst kein Schuss löst, lädt Wilson seine Sig Sauer durch und drückt erneut ab. Diesmal knallt es. Gegenüber der Jury beschreibt der Polizist, wie Michael Brown die Flucht ergreift. Er selbst habe per Funk Verstärkung gerufen, sei dann ausgestiegen und Brown hinterhergerannt.

Nach einigen Metern sei der Mann stehengeblieben.

Wilson: "Ich habe ihn aufgefordert, sich auf den Boden zu legen. Er hat sich umgedreht, mich angeschaut und gegrunzt, als hätte ich ihn gereizt. Dann ist er auf mich zugekommen. (...) Seine linke Hand war zur Faust geballt, und mit seiner Rechten griff er unters Hemd nach seinem Hosenbund. Dann fing er an zu rennen. (...) Ich habe eine ganze Reihe Schüsse abgeben, ich weiß nicht wie viele (...), aber zumindest einmal habe ich ihn getroffen: Man konnte sehen, wie er zusammengezuckt ist."

Zuletzt ist Brown laut Wilson nur noch wenige Meter entfernt. Der Polizist behauptet, er sei zurückgewichen, "weil ich wusste: Wenn er mich erreicht, bringt er mich um". Mehrere Kugeln haben Brown zu diesem Zeitpunkt bereits getroffen, aber auch jetzt hört Wilson nicht auf zu schießen.

Wilson: "Alles, was ich gesehen habe, ist sein Kopf, und auf den habe ich geschossen. Ich weiß nicht, wie oft, aber zumindest bei der letzten Patrone habe ich gesehen, dass ich getroffen habe. Die Kugel drang in ihn ein, [Brown] bekam einen leeren Gesichtsausdruck, die Aggression war weg. Er hat aufgehört. Die Bedrohung war vorbei."

Wilsons Aussagen widersprechen in zentralen Punkten den Angaben einiger anderer Zeugen.

So berichtete Tiffany Mitchell, Brown sei vom Auto zurückgewichen, der Polizist hingegen habe ihn zurückgezogen. Auch Dorian Johnson, Browns Begleiter an diesem Tag, erzählt eine andere Version der Geschichte. Demnach habe Wilson Brown aus dem Auto heraus am Hals gepackt und versucht, den Teenager in den Wagen zu zerren. Zu keinem Zeitpunkt habe Brown versucht, einen Arm durch das Fenster ins Auto zu strecken. Bereits nach dem ersten Schuss aus dem Wagen heraus habe er, Johnson, Blut gesehen - Brown sei also getroffen worden.

Über die Szene nach der Verfolgungsjagd zu Fuß berichtete Johnson, Brown habe die Hände in die Höhe gereckt, als er sich umdrehte. Der Teenager habe beteuert, dass er keine Waffe trage. Dann seien die Schüsse gefallen.

Brennender Streifenwagen in Ferguson: "Die Aggression war weg"
REUTERS

Brennender Streifenwagen in Ferguson: "Die Aggression war weg"

Die Grand Jury aus zwölf Geschworenen war am Montag zu dem Schluss gekommen, dass die Beweislage für eine Anklage gegen den Polizisten nicht ausreiche.

Der glaubwürdigste Augenzeuge habe gesagt, Michael Brown sei auf den Polizisten zugestürmt, so Staatsanwalt Bob McCulloch. Die Aussagen anderer Zeugen - laut "New York Times" auch solcher, die von einer Aufgabe Browns sprachen - hätten sich mit der Zeit geändert oder nicht zu den Spuren gepasst.

In der Nacht kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen in der Ferguson; mehrere Gebäude und Streifenwagen standen in Flammen. Die hochgerüstete Polizei reagierte mit Tränengas und Rauchbomben.

Die kompletten Unterlagen zum Fall Michael Brown finden Sie hier (Associated Press, Server zum Teil überlastet)

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 182 Beiträge
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Seite 1
tim.becker 25.11.2014
1. Endlich ein guter Artikel zum Thema
Habe mich jetzt mal angemeldet, um diesen - endlich - nicht mehr einseitigen, sondern neutral geschriebenen Text zu würdigen. Wer das Ganze Urteil noch immer nicht akzeptieren kann, muss wohl eine Agenda haben.
gaiusmuciusscaevola 25.11.2014
2. Danke ...
für die Heraushebung gewisser Passagen in Fettschrift! Ich wüsste sonst ja garnicht, worauf es den vermittelten Journalisten ankommt! Schon toll, wie hier Stimmungsmache betrieben wird. Komischerweise ist die Berichtserstattung bei CNN und bei FOX etwas anderst. Naja, die können es eben nicht so gut wissen, wie die SPON Journaille. Der Trick liegt halt im selektiven Weglassen! Bravo!
pauschaltourist 25.11.2014
3.
"Ladendiebstahl in Ferguson (Bilder von Überwachungskamera)" Diese Bilder zeigen nicht den zugrundeliegenden "Ladendienstahl" sondern einen tatbestandsmäßigen "räuberischen Diebstahl" des später zu Tode gekommenen. Demzufolge handelte es sich nicht um einen "Ladendieb" sondern einen "Räuber". In Deutschland übrigens ein Verbrechenstatbestand, der hierzulande gemäß der Polizeigesetze der Länder sogar den polizeilichen Schusswaffeneinsatz rechtfertigen würde...
pauschaltourist 25.11.2014
4.
Ich beglückwünsche Mr. Wilson, über den der Pauschalvorwurf "Rassismus" eimerweise ausgekippt wurde sowie die Jury, die trotz des medialen Drucks und auch unter den Anzeichen der zu erwartenden Ausschreitungen entsprechend sachlich und faktenbezogen urteilte. Und auch wie im Falle Trayvon Martin sind objektive Beweismomente Deutschen Medien nicht zu entnehmen und man muss die englischsprachige Wikipedia-Seite bemühen, um auch die "Gegenseite", also die Sicht der in Notwehr handelnden tragischen Todesschützen in Erfahrung zu bringen. Über die IPA unterhielt ich mich vor einigen Jahren mit einem US-Kollegen über den ewigen Vorwurf des latenten Rassismus gegenüber weißen Polizeibeamten dort und ich fragte, wieso in den Stadtgebieten mit überwiegend schwarzer Bevölkerungsmehrheit nicht ausschließlich schwarze Cops eingesetzt werden. Er meinte, das sei ein eklatantes Bildungs- bzw. Rekrutierungsproblem. Einerseits würden viele der schwarzen Bewerber die Einstellungstests nicht bestehen (ähnliche Entwicklungen sind auch hierzulande zu verzeichnen, in Berlin und NRW sollen die Anforderungen der Einstellungsauswahlkommission Bewerbern mit Migranten-Backround gegenüber reduziert worden sein, um politischen Forderungen nach Steigerung des Migrantenanteils zu entsprechen), andererseits würde ein nicht zu unterschätzender Anteil der schwarzen Bevölkerung die grundsätzlichen Einstellungsvoraussetzungen nicht erfüllen - sprich keinerlei Vorstrafen aufweisen. Um auch hier den Bogen zur Deutschen Einstellungspraxis in Polizeibehörden zu spannen: Mittlerweile existieren Verwaltungsgerichtsurteile, die den Auswahlkommissionen aus datenschutzrechtlichen Gründen die Einsichtnahme in Polizeiakten der Bewerber unmöglich machen.
Vollklappspaten 25.11.2014
5. Den hab ich nicht
Zitat von tim.beckerHabe mich jetzt mal angemeldet, um diesen - endlich - nicht mehr einseitigen, sondern neutral geschriebenen Text zu würdigen. Wer das Ganze Urteil noch immer nicht akzeptieren kann, muss wohl eine Agenda haben.
Könnten Sie das bitte näher erklären?
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