Schüsse auf Michael Brown Polizist wird nicht angeklagt

Im August erschoss Darren Wilson den Jugendlichen Michael Brown in Ferguson, Missouri. Es sei zwar "eine tragische Geschichte", doch der Polizist habe in Notwehr gehandelt, entschied nun eine Jury.

REUTERS

Ferguson - Dreieinhalb Monate nach den tödlichen Schüssen auf den schwarzen Teenager Michael Brown in Ferguson im US-Bundesstaat Missouri ist die Entscheidung gefallen: Der Polizist, der ihn erschoss, muss sich nicht vor Gericht verantworten. Das teilte Bezirksstaatsanwalt Bob McCulloch am Montagabend mit.

Der Tod des 18-jährigen Brown sei zwar "eine tragische Geschichte", doch nach Auffassung der Justizbehörden, die den Fall geprüft hätten, keine Straftat seitens des Polizisten Darren Wilson gewesen, sagte McCulloch. Wilson habe vielmehr in berechtigter Notwehr gehandelt.

US-Präsident Barack Obama appellierte bereits kurz nach der Entscheidung an die Protestierenden, sich friedlich zu verhalten. Die Polizisten forderte er dazu auf, sich möglichst zurückzuhalten. Nichtsdestotrotz sind in Ferguson neue Unruhen ausgebrochen, Augenzeugen berichten von Schüssen, Läden werden geplündert. Die Polizei setzte Tränengas ein.

Fenster vernagelt, Tankstellen abgesperrt

Der Tod Browns hatte ab August landesweit zu massiven Protesten geführt. Vor allem Afro-Amerikaner forderten eine Anklage. Die Bewohner von Ferguson hatten deshalb bereits vor der Verkündung der Entscheidung Vorbereitungen getroffen: Sie hatten Fenster vernagelt, Geschäfte verbrettert, Schulen geschlossen, die Zufahrten zu Tankstellen abgesperrt und sogar Briefkästen verriegelt, damit niemand Sprengstoff verstecken konnte.

Eine sogenannte Grand Jury - ein Gremium aus zwölf Geschworenen - hatte seit dem Vorfall am 9. August geprüft, ob die Beweislage für eine Anklage ausreicht. Wilson, 28, hatte auf Notwehr plädiert, viel mehr wurde in den 108 Tagen seit dem Vorfall nicht bekannt. Die Ermittlungen verliefen hinter verschlossenen Türen, unter teilweise obskuren Umständen.

"Wir sind zutiefst enttäuscht, dass der Killer unseres Kindes nicht zur Verantwortung gezogen wird", erklärte Browns Familie anschließend. Wilson dagegen ließ mitteilen, dass er "das Gesetz beachtet" habe, und dankte allen, die ihm "während dieses Verfahrens zur Seite gestanden" hätten.

McCulloch verkündete die Entscheidung in einem Gerichtssaal. Er sprach den Angehörigen Browns sein Beileid aus, erläuterte dann aber, warum der Tod des Teenagers ungesühnt bleiben werde. Die Grand Jury habe mehr als 70 Stunden Aussagen von rund 60 Zeugen sowie drei Gerichtsmedizinern geprüft, außerdem "Stunden über Stunden" Videos, Hunderte Fotografen und physische Indizien.

"Es steht nicht infrage, dass der Beamte Wilson den Tod Michael Browns verursacht hat", sagte McCulloch. Eine Straftat habe die Grand Jury darin aber nicht erkennen können. Wilson habe sich gemäß der Vorschriften verhalten, wonach Polizisten potenziell tödliche Gewalt anwenden dürften, wenn sie sich körperlich bedroht fühlten. Die Geschworenen hatten die Wahl zwischen fünf Anklagepunkten, von vorsätzlichem Mord bis hin zu Totschlag.

Tausende Menschen hatten sich schon vorher vor dem Justizgebäude des Bezirks und der Polizeistation von Ferguson, einem Vorort der Metropole St. Louis, versammelt, um den Beschluss zu erfahren. Sie reagierten mit Wut, Entsetzen und Empörung. Ersten Berichten zufolge wurden vereinzelt Steine geworfen. Die Polizei rückte in Kampfausrüstung an. Auch Beobachter von Amnesty International (AI) waren vor Ort. Denn schon im August gab es Unruhen, die aber weitgegend von Übergriffen der Beamten ausgelöst wurden. AI hatte Menschenrechtsverletzungen der Polizei scharf kritisiert. Plünderungen, über die berichtet wurde, blieben dagegen Ausnahmen.

"Hands Up, Don't Shoot"

Zeugen wollen gesehen haben, dass Brown vor seinem Tod die Hände erhoben hatte. "Hands Up, Don't Shoot" wurde daraufhin zum Slogan der landesweiten Protestbewegung. Brown wurde von mindestens sechs Kugeln getroffen. Anschließend lag seine Leiche stundenlang mitten auf der Straße, ehe sie weggebracht wurde. Wilson war seitdem abgetaucht, vermutlich befindet er sich unter Polizeischutz. Er fand allerdings einstweilen die Zeit, zu heiraten und mit den Top-Stars der großen US-Newssender Verhandlungen zu führen für ein eventuelles Exklusivinterview.

Der gesamte Ablauf des Verfahrens hatte für Empörung gesorgt. Die Grand Jury beriet viel länger als sonst, die Staatsanwaltschaft verzichtete auf die übliche Empfehlung einer Anklage, und die Bekanntgabe des Beschlusses erfolgte am Abend - nachdem die Polizei davor gewarnt hatte, abends zu protestieren.

Jay Nixon, der demokratische Gouverneur von Missouri, bat schon am Nachmittag um Ruhe. Die Schwarzenorganisation NAACP kritisierte aber, dass Nixons Auftritt "die Angst vor einem schwarzen Mob" nur weiter angestachelt habe. Nixon hatte schon vorige Woche den Notstand ausgerufen und die Nationalgarde aktiviert. Nur über Polizei-Brutalität verlor er kein Wort.

Auch Bernice King, die Tochter des legendären US-Bürgerrechtlers Martin Luther King, hatte an die Demonstranten appelliert. "Wir befinden uns mitten in einer Revolution", erklärte sie - doch müsse diese Revolution friedlich bleiben. Beide Seiten schaukelten sich jedoch schon lange hoch, mit Gerüchten, Hörensagen und Spekulationen. Sogar Mitglieder des Ku-Klux-Klans hatten ihn Ferguson Flugblätter verteilt und Gewalt gegen Schwarze angedroht.

An dem Fall entzündete sich eine landesweite Debatte über Rassismus und Polizeigewalt in den USA. In mehreren US-Großstädten formierten sich ebenfalls Protestmärsche, etwa in Chicago, Washington und New York.

Die mehrheitlich afro-amerikanische Bevölkerung Fergusons fühlt sich nicht nur von der überwiegend weißen Polizeitruppe diskriminiert, sondern leidet seit Langem auch an "strukturellem Rassismus" durch anhaltende Benachteiligung am Arbeitsmarkt sowie im Justiz- und Bildungswesen. Bereits am Wochenende gab es in St. Louis Protestmärsche, die aber friedlich blieben.

pit/mia/sef/AFP/dpa



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dexterous 25.11.2014
1. und das ist auch gut so!
Ich vertraue der Polizei. immerhin war der getötete kein Klosterschüler wie es immer dargestellt wird.
fareast 25.11.2014
2.
Ob die Mehrheit bei der nächsten Wahl dann abstimmen geht? Mehr als die 12% Wahlbeteiligung bei den letzten Bürgermeisterwahlen sollten ja wohl drin sein.
grover01 25.11.2014
3.
Etwas mehr Klarheit und Ehrlichkeit wäre hier angemessen. Alle Beweise deuten darauf hin, dass der Polizist von Brown angegriffen wurde. Es gibt deutlich mehr Zeugen, die diese Variante stützen. Die "dont shoot" Aussagen stammen von 3 sehr unglaubwürdigen Zeugen, die sich auch noch gegenseitig widersprechen. Und wahrscheinlich wurden diese Aussagen auch nur vor den Medien gemacht, nicht im Verfahren. Jetzt wäre eine Entschuldigung an Wilson von all jenen angebracht, die ihm voreilig Rassismus untetstellten. Allen voran die sogenannten Bürgerrechtler. Aber auch die Medien. Stattdessen eine Berichterstattung, die wohl nur die Gewalt anstacheln soll, und ein Bild von einer Gesellschaft weisser Rassisten zeichnen will.
Dylan14 25.11.2014
4. Jay Nixon
Jay Nixon, der republikanische Gouverneur von Missouri, bat schon am Nachmittag um Ruhe. Jay Nixon ist Demokrat,kein Republikaner
Zhukov45 25.11.2014
5.
Die Grand Jury hat alle beweise gehört und keinen Straffälligkeit - noch nicht einmal fahrlässigen Totschlag - entdeckt. Mehr muss eigentlich nicht gesagt werden. Der Polizist hat korrekt gehandelt. Keiner sonst hat die kompletten beweise gehört und ist demnach auch nicht der Lage, eine Aussage über die schuld oder Unschuldde Polizisten zu machen.
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