Fernsehberichte Todkranker Lockerbie-Attentäter kommt frei

Er sollte 27 Jahre Haft wegen des Lockerbie-Attentats verbüßen, jetzt wird Abd al-Bassit Ali al-Mikrahi britischen Fernsehsendern zufolge vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen: Der Libyer leidet an Prostatakrebs im Endstadium. Bis heute streiten Experten über die wahren Hintergründe des Anschlags.


Lockerbie-Attentäter al-Mikrahi: Prostatakrebs im Endstadium
dpa

Lockerbie-Attentäter al-Mikrahi: Prostatakrebs im Endstadium

London - Sechs Jahre müsste er noch im Gefängnis sitzen, doch der wegen des Lockerbie-Attentats verurteilte Libyer Abd al-Bassit Ali al-Mikrahi kommt offenbar vorzeitig frei. Er leidet an Prostatakrebs im Endstadium. Die Entscheidung werde der schottische Justizminister Kenny McAskill in der kommenden Woche verkünden, berichten die Fernsehsender BBC und Sky News. Al-Mikrahi war 1988 zu 27 Jahren Haft verurteilt worden. Bei dem Anschlag über der schottischen Ortschaft Lockerbie starben 270 Menschen.

Der Libyer soll offenbar noch vor Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan aus der Haft entlassen werden. Schottlands Justizminister hatte dem "Guardian" zufolge den Attentäter Anfang August in einem Gefängnis nahe Glasgow besucht. Die libysche Regierung hatte zwei Anträge zur vorzeitigen Entlassung al-Mikrahis gestellt.

Bis heute streiten Experten über die wahren Hintergründe des Anschlags auf einen Jumbo der US-Fluggesellschaft PanAm. Jahrelang hatten Ermittler gut 15.000 Zeugen aus 50 Ländern vernommen und über 100.000 Beweisstücke untersucht, um herauszufinden, wer für den Bombenanschlag auf das Flugzeug über der schottischen Ortschaft Lockerbie am 21. Dezember 1988 verantwortlich ist. Jahrelang hatten Uno-Diplomaten mit der libyschen Regierung um die Auslieferung der mutmaßlichen Täter gefeilscht, bis diese auf neutralem Boden vor einem schottischen Gericht erscheinen konnten.

Vor zwei Jahren entschied die schottische "Criminal Cases Review Commission", den Anschlag erneut gerichtlich untersuchen zu lassen. Denn trotz Indizien, die auf andere Terrorgruppen hinwiesen, wurde al-Mikrahi von einem schottischen Gericht schuldig gesprochen. Mit ausschlaggebend war dabei die Aussage eines maltesischen Ladenbesitzers, der Mikrahi laut Gericht als jenen Mann identifizierte, der 1988 Kleidungsstücke bei ihm gekauft habe, mit denen Kriminaltechnikern zufolge die Kofferbombe umhüllt war.

Eine mehr als zweifelhafte Aussage, wie die Mitglieder der schottischen "Review Commission" meinten - nicht zuletzt, weil der Ladenbesitzer bei Fotovorlagen durch die Ermittler auch einen anderen Mann als Kunden identifiziert hatte. Dessen Name war Mohammed Abu Talb, ein in Schweden lebender Ägypter mit besten Verbindungen zu einer in Deutschland operierenden Zelle einer als millitant geltenden Untergrundorganisation, die für einen unabhängigen Staat Palästina kämpft.

Als Polizisten im Mai 1989 seine Wohnung in Uppsala durchsuchten, fanden sie Kleidung aus Malta, Schaltuhren, Bombenzünder und einen Taschenkalender, in dem das Datum 21. Dezember 1988 dick umkreist war - der Tag des Anschlags auf den PanAm-Jumbo.

kgp/dpa/AFP/Reuters



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