Feuertod in Polizeizelle "Piekste mal 'nen Schwarzafrikaner?"

Als der Brand in seiner Zelle ausbrach, war Oury Jalloh an Händen und Füßen gefesselt. Der Asylbewerber starb einen qualvollen Tod. Zwei Polizisten müssen sich jetzt deswegen in Dessau vor Gericht verantworten - und sehen sich dem Vorwurf des Fremdenhasses ausgesetzt.

Von Jens Todt, Dessau


Dessau - Angestrengt lauschen die Zuschauer im voll besetzten Saal 18 des Dessauer Landgerichts. Immer wieder beklagen sie sich in den hinteren Rängen darüber, dass sie kein Wort von dem verstehen, was vorne an der Richterbank gesprochen wird. Was zum einen an der leisen Stimme des Vorsitzenden Richters Manfred Steinhoff liegt, zum anderen wohl daran, dass der triste graue Filzteppich viele Geräusche im Raum verschluckt und die Lautsprecheranlage nicht dem neuesten technischen Standard entspricht.

Fünf Stunden später spielen akustische Schwierigkeiten keine Rolle mehr. Kurz nachdem Ulrich von Klinggräff, ein Vertreter der Nebenklage, Auszüge aus einem Telefonmitschnitt vom 7. Januar 2005 verlesen hat, jenes Tages, an dem der 21-jährige Oury Jalloh qualvoll in Zelle Nummer 5 des Polizeireviers in der Wolfgangstraße gestorben ist, bricht Tumult im Saal aus. Ein dunkelhäutiger Zuschauer springt entsetzt auf: "Das ist Rassismus, was haben wir euch getan?" schluchzt der Mann. Auf Anordnung des Vorsitzenden Richters bringt eine Gerichtsdienerin den Mann aus dem Saal.

Das Protokoll, das den Eklat verursacht hat, gibt ein Gespräch zwischen dem angeklagten Dienstgruppenleiter Andreas S. und einem Arzt wieder. S. hatte den Mediziner angerufen, damit dieser dem festgenommenen Asylbewerber Blut abnimmt. Der Mann aus Sierra Leone soll kurz zuvor vor einem Lokal Frauen belästigt und bei seiner Festnahme großen Widerstand geleistet sowie sich selbst mit Kopfstößen gegen eine Wand gefährdet haben. "Piekste mal 'nen Schwarzafrikaner?", fragt S. "Ach, du Scheiße", so der Arzt, "da find' ich nie 'ne Vene." S. fordert ihn daraufhin auf, doch einfach "eine Spezialkanüle" mitzubringen.

Attila Teuchtler, der Anwalt des beschuldigten Polizisten bestreitet jedoch fremdenfeindliches Verhalten seines Mandanten: "Das ist völlig weltfremd. Herr S. ist weder Rassist noch ausländerfeindlich."

Der 23-jährige Oury Jalloh aus Sierra Leone war am 7. Januar 2005 an einem Hitzeschock in einer Gewahrsamzelle der Polizei in Dessau gestorben. Der schwer alkoholisierte und an Händen und Füßen gefesselte Mann war kein Unbekannter auf der Dienststelle - bereits zwei Monate zuvor war er vorübergehend festgenommen worden. An seinem Todestag soll er nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft mit einem Feuerzeug seine Matratze selbst angezündet haben. Dem 46-jährigen Dienstgruppenleiter S. wird fahrlässige Tötung vorgeworfen. Er habe das Signal des Rauchmelders der Zelle zweimal ausgeschaltet und ignoriert, erklärte Oberstaatsanwalt Christian Preissner.

Laut Anklage hätte Jallohs Leben gerettet werden können

Dies bestätigte der Polizist vor Gericht. Und er begründete es damit, dass es in den Monaten zuvor mehrmals Fehlalarm gegeben habe. Außerdem habe er zuvor "ein Plätschern" aus der akustischen Überwachungsanlage des Zellentraktes gehört und sei davon ausgegangen, dass ein Wasserschaden für den Alarm verantwortlich sein könnte. Er reagierte erst, als der Brandmelder des gesamten Zellentrakts angesprungen war.

Zu diesem Zeitpunkt kam für den jungen Mann aber jede Hilfe zu spät. "Nach dem Öffnen der Tür schlug uns schwarzer Qualm und beißender Rauch entgegen. Man konnte weder atmen noch was sehen, es ging nichts mehr", sagte der Angeklagte. Hätte der Polizist auf den ersten Alarm reagiert, hätte das Lebens des Asylbewerbers der Anklage zufolge gerettet werden könne.

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