Poker-Prozess: Der Fiskus blufft nicht

Von , Köln

Ist Pokern ein Glücksspiel oder ist es ein Sport? Zum ersten Mal hat sich ein deutsches Finanzgericht mit der Frage befasst, wie planbar Gewinne am Kartentisch sind und ob sie daher versteuert werden müssen. Das Urteil könnte weitreichende Folgen für die Szene haben.

Pokerspieler "Eddy" Scharf neben seinem Anwalt: "Immer wieder siegen Anfänger" Zur Großansicht
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Pokerspieler "Eddy" Scharf neben seinem Anwalt: "Immer wieder siegen Anfänger"

"Wollen wir wetten?", fragt ein Zuschauer den Zocker.

"Nein, lieber nicht", antwortet Eddy.

Eduard Scharf, genannt Eddy, ist ein großer Mann mit dunklen Haaren und festem Blick. Seit fast 20 Jahren pokert der Lufthansa-Kapitän in Casinos auf der ganzen Welt. Es ist nicht ganz leicht nachzuvollziehen, wie erfolgreich der Kölner dabei war, denn eine Zeitlang ließ er sich durchaus bereitwillig als Siegertyp, als Herr der Karten vermarkten. Auch kursiert im Internet eine Liste mit angeblichen Preisgeldern, der zufolge Eddy binnen weniger Jahre eine Million Dollar einstrich. Mittlerweile hält der Spieler diese Aufstellung für wenig aussagekräftig. "Vollkommener Schwachsinn. Ich habe nie so viel gewonnen."

Doch da waren schon Beamte des Kölner Finanzamts über die Angaben im Netz gestolpert und hatten Steuernachforderungen an Eduard Scharf und seine Frau gerichtet. Bei Profispielern wie ihm sei von einer "gewerblichen Tätigkeit" auszugehen. Er nutze seine "persönlichen Fertigkeiten und ein tieferes Spielverständnis" und verlasse sich nicht auf sein Glück. Daher seien auf die mindestens sechsstelligen Einkünfte am Kartentisch Steuern zu zahlen, beschied ihm die Behörde. Scharf war schockiert, schließlich sind Glücksspielgewinne in Deutschland steuerfrei. Also klagte er.

Eine problematische Entscheidung

Zum ersten Mal muss sich deswegen am Mittwoch ein deutsches Finanzgericht mit der Frage befassen, ob Pokern ein Glücksspiel ist oder ob es sich dabei um einen Sport handelt. Es ist eine spannende Frage, nicht nur weil Millionen Deutsche betroffen sein könnten, sondern auch weil die Antwort darauf ebenso an die Legende der Szene rührt wie sie die Schizophrenie staatlicher Stellen offenbart: Wie viel Glück ist beim Pokern im Spiel? Kann man den Erfolg am Kartentisch planen? Darum geht es in Saal 201.

Der 12. Senat des Finanzgerichts Köln macht sich die Sache allerdings vergleichsweise leicht und folgt der Argumentation des Finanzamts. Demnach sind Gewinne eines Pokerspielers dann einkommenssteuerpflichtig, "wenn er über Jahre hinweg erfolgreich an Turnieren teilnimmt", wie die Vorsitzende Richterin Maria-Elisabeth Wetzels-Böhm in der Urteilsbegründung sagt (Az. 12 K 1136/11). Zugleich lässt sie die Revision zu, auf dass sich demnächst der Bundesfinanzhof in München um verbindliche Regelungen in der Eine-Million-Dollar-Frage bemühen möge.

Zwar bestreitet Eduard Scharf vehement, erstens intensiv über Jahre und zweitens besonders erfolgreich gepokert zu haben. Problematischer aber wird die Kölner Entscheidung noch aus einem anderen Grund: Wie lässt sich allgemeingültig der Erfolg eines Spielers definieren? Von welchem Moment an gilt der Nebenerwerbszocker schon als steuerpflichtiger Profi? Und kann ein solcher im Gegenzug auch seine Spielverluste steuerlich geltend machen?

Das Urteil könnte zudem Auswirkungen auf die gesamte Poker-Szene haben, die in Deutschland seit Jahren boomt. Nach SPIEGEL-Informationen haben bereits mehrere hundert Spieler, die regelmäßig bei Turnieren antreten, Zahlungsaufforderungen erhalten. Manche, wie der Hesse Christoph W., spürten bereits, dass der Fiskus nicht blufft. Ihm wurde wegen seiner angeblichen Steuerschulden gleich das Konto gesperrt. "Sollte das Urteil bestand haben", sagt auch der Kölner Kläger Eduard Scharf, "wäre das mein finanzieller Ruin."

Gerade beim Thema Pokern offenbart sich der widersprüchliche Umgang der Behörden mit der Zockerei. Auf der einen Seite stufen Bund und Länder das amerikanische Kartenspiel als Glücksspiel ein, das nur in staatlich betriebenen Casinos angeboten werden darf - an denen die öffentliche Hand dann mitverdient. Auf der anderen Seite besteuert der Fiskus Spieler wie Scharf, weil er unterstellt, dass bei ihnen Können zum Erfolg führt und nicht Glück.

"Jeder kann ein Pokerturnier gewinnen"

Allerdings ist auch die Pokerbranche kein bisschen eindeutiger. Da wollen die Akteure auf der einen Seite nur steuerfreie Glücksspielgewinne kassieren. Auf der anderen Seite aber inszenieren sie sich im Fernsehen und in den Verlautbarungsorganen ihrer Szene als Sportler, deren individuelle Fertigkeiten über Sieg oder Niederlage entscheiden. Auch Eduard Scharf sagte einst: "Solange man glaubt, es ist ein Glücksspiel, bin ich auf dem falschen Dampfer."

Darauf angesprochen wird Scharf schneidend: "Meinen Sie, die Klitschkos ernähren sich nur von Milchschnitten?", fragt er zurück. Ja, er habe gegen Geld geholfen, die Legende der Pokerwelt zu verbreiten, diesen Mythos von den coolen, harten Jungs, die alles unter Kontrolle haben und selbst das Schicksal bezwingen können. Vor Gericht aber sagt Scharf dann fast ein wenig kleinlaut: "Jeder kann ein Pokerturnier gewinnen. Gerade bei großen Veranstaltungen siegen immer wieder Anfänger." Es komme bloß auf die Karten an.

Auch sein Bonner Rechtsanwalt Robert Kazemi, der zahlreiche Spieler vertritt, weiß: "Wenn sie gewonnen haben, sagen meine Mandanten, sie hätten gut gespielt. Wenn sie verloren haben, sagen sie, sie hätten ein schlechtes Blatt gehabt." Das sei eben menschlich. Und die Vorsitzende Richterin steuert schließlich noch ihre persönliche Maxime bei: "Das Glück ist mit den Tüchtigen."

Von den sechs Klägern, mit denen sich der 12. Senat am Mittwoch befassen muss, verlieren übrigens am Ende genau sechs. Mit Glück hat das nichts zu tun.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 73 Beiträge
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1. Einfache Lösung...
bigsam 31.10.2012
der Staat soll halt einfach auf die Buy-ins und Fees eine Steuer (analog Mehrwertsteuer) erheben, und Bezahlt ist die Schuld.
2. optional
vulcain 31.10.2012
Bei der Abzockermentalität der deutschen Finanzbehörden einschließlich der ihr hörigen Jurisdiktion wäre jedes andere Urteil auch ein Wunder gewesen. Wir brauchen schließlich die Milliarden, damit Mutti und ihr Vasall mit dem Geldkoffer selbige an die Mittelmeeranrainer verschenken können.
3. Glücksspiel an den Börsen
henrikw 31.10.2012
Völlig richtige Entscheidung. Solange Kapitalerträge versteuert werden gehört gewöhnliches Glücksspiel auch versteuert.
4. ich freue mich schon auf die Gegenklage!
Halodri73 31.10.2012
Zitat von sysopdapdIst Pokern ein Glücksspiel oder ist es ein Sport? Zum ersten Mal hat sich ein deutsches Finanzgericht mit der Frage befasst, wie planbar Gewinne am Kartentisch sind und ob sie daher versteuert werden müssen. Das Urteil könnte weitreichende Folge für die Szene haben. Finanzgericht Köln hält Pokern nicht für Glücksspiel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/finanzgericht-koeln-haelt-pokern-nicht-fuer-gluecksspiel-a-864556.html)
...wenn der erste Gutverdiener seine jahrelangen Verluste gegenrechnet und der Fiskus ihm die Gewinnerzielungsabsicht aberkennt und wegen Liebhaberei (so heisst das im Steuerrecht) die Verluste nicht anerkennt. Aber die Neigung unserer Finanzgesetzgebung, einige Einkommen doppelt zu besteuern, ist ja hinlänglich bekannt...
5. So wie ich Vater Staat kenne
ragout 31.10.2012
müssen Pokergewinne zukünftig versteuert werden. Wäre ja noch schöner, wenn der Staat dem Bürger nicht auch hier ganz tief in die Tasche greifen könnte. Schließlich heißt sein Lieblingsspiel "Bürger abzocken".
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