Fleischskandal in Bayern Europaweit Schlachtabfälle als Lebensmittel deklariert

Der Skandal um falsch deklariertes Fleisch weitet sich aus. Bei einer Razzia in Bayern fanden die Ermittler in einem dritten Betrieb Schlachtabfälle in einem Kühlhaus für Lebensmittel. Der Abfall wurde in ganz Europa verkauft.


München - Eine Firma in Simbach am Inn wurde nach der Razzia ebenso geschlossen wie zwei Betriebe in Deggendorf und Illertissen. Die beiden Betriebe sollen für den Verzehr ungeeignete Schlachtabfälle zu Lebensmitteln umdeklariert und in ganz Europa verschoben haben. Der bayerische Umweltminister Schnappauf ordnete eine Rückholaktion an.

Der CSU-Politiker wies darauf hin, dass für die Verbraucher keine Gesundheitsgefahr durch die weiterverarbeiteten Schwarten oder Knochen bestehe. Allerdings sei der Fall "Ekel erregend". Nach derzeitigem Ermittlungsstand brachten der Betrieb in Deggendorf und die Muttergesellschaft in Illertissen "mit enormer krimineller Energie" nicht verzehrtaugliche Schlachtabfälle in den Lebensmittelkreislauf zurück. Das Material soll teilweise aus dem Ausland eingeführt worden und in ganz Europa verkauft worden sein.

Es soll sich bei der Menge um 2000 Tonnen Schlachtabfälle von Schweinen und Geflügel handeln. Schnappauf erläuterte, es habe sich bei den tierischen Nebenprodukten um so genanntes K3-Material gehandelt, das laut EU-Recht nur als Tierfutter für Heim- oder Zootiere verarbeitet werden darf, aber nicht einmal für Nutztiere, die der Mensch später verzehrt.

"Unhaltbare hygienische Zustände"

Die Behörden bemühen sich um eine dauerhafte Schließung des Betriebs in Deggendorf, hieß es. Bei Kontrollen in der Vergangenheit seien "unhaltbare hygienische Zustände" wie blutverschmierte Böden festgestellt worden, die bereits ein Mal zu einer vorübergehenden Schließung geführt hätten.

Dem Bericht zufolge ist der Geschäftsführer des Kühlhaus-Unternehmens bereits wegen Betrügereien bei Im- und Export von Fleisch vorbestraft. Im Oktober 2003 sei er unter anderem wegen Urkundenfälschung zu zwei Jahren Haft und 36.000 Euro Geldstrafe verurteilt worden. Die Memminger Staatsanwaltschaft machte dazu keine Angaben.

Die Ermittlungen wurden dem Magazin "Stern" zufolge durch Beobachtungen des Lindauer Zolls ausgelöst, der eine deutliche Zunahme entsprechender Lieferungen aus der Schweiz feststellte. Schnappauf sagte, bei der bayernweiten Razzia seien 39 von 53 Betrieben, die Schlachtabfälle verarbeiten, überprüft worden. Derzeit gebe es keine Anhaltspunkte auf Zusammenhänge zwischen dem Deggendorfer und dem Simbacher Unternehmen.

Das Unternehmen aus Deggendorf war bislang nicht für eine Stellungnahme erreichbar. Der "Augsburger Allgemeinen" sagte ein Geschäftsführer der Muttergesellschaft aus Illertissen, dass es sich bei der Angelegenheit um ein "zolltechnisches Problem" handle.

Die Deggendorfer Firma habe aus der Schweiz sechs Lastwagen voll Schweineschwarten importiert, die als "nur für den technischen Gebrauch" deklariert worden seien. In Wirklichkeit habe es sich aber um lebensmitteltaugliche Ware gehandelt, die an zwei Gelatine-Hersteller in Frankreich und Italien verkauft worden seien. Bei den ausgelösten Geflügelgerippen habe es sich um "einwandfreies Material aus Deutschland" gehandelt.

Zur Rückholaktion sagte Schnappauf: "Wir werden die Unternehmen, die das Material angenommen haben, zwingen, es zurückzuholen." Auch Verbraucher mit kleinem Geldbeutel, die auf Sonderangebote bei Discountern zurückgriffen, müssten sich auf die Qualität von Lebensmitteln verlassen können.



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