Fünffache Kindstötung: "Das Leben ging einfach weiter"

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Flensburger Landgericht: Der Prozess gegen die 29-Jährige hat am Montag begonnen

Warum versorgt eine Mutter zwei Kinder liebevoll - und bringt fünf weitere direkt nach der Geburt um? Die Hotelfachfrau Annika H. hat vor dem Landgericht Flensburg die Tötungen gestanden, sie weinte, rang um Worte. Ihre Taten konnte die 29-Jährige nicht erklären.

Die Frau, die vor dem Landgericht Flensburg fast unaufhörlich weint, hat zwei Kinder, acht und zehn Jahre alt. Sie könnte aber Mutter von sieben Kindern sein. Von 2006 bis 2012 war sie fünfmal schwanger, fünfmal tötete sie das Kind direkt nach der Geburt. Annika H., 29, aus der nordfriesischen Kreisstadt Husum, ist wegen fünffachen Totschlags angeklagt.

Nervös nahm die gelernte Hotelfachfrau im großen Schwurgerichtssaal 324 neben ihrem Verteidiger Burkhard Gerling Platz. Eine große, kräftige Frau mit leuchtend blauen Augen, die naturblonden Haare zu einem kurzen Pferdeschwanz zusammengebunden. Eine Frau, der man ohne Zögern sein eigenes Kind an die Hand geben würde, wenn man müsste.

Sechs Jahre lang behielt Annika H. ihr erschütterndes Geheimnis für sich, vertraute sich weder ihrem Ehemann noch ihrer Familie oder ihren Freunden an. Sie bewältigte fünf Geburten allein, tötete die Neugeborenen, versteckte ihre Leichen. Zum Prozessauftakt gestand sie - weinend, aber mit fester Stimme, ohne von ihren Notizen abzulesen: "Seit ich im Gefängnis sitze, vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht frage, warum ich das getan habe."

Sie habe viele Fragen an sich selbst, so Annika H. Im Gefängnis spreche sie viel mit einer Psychologin und dem Pastor. Sie hoffe, durch diese Gespräche Antworten zu finden - für sich selbst, aber auch für ihre Familie und "alle anderen da draußen".

Im März 2006 wurde in einer Papiersortieranlage im nordfriesischen Ahrenshöft die Leiche eines Säuglings gefunden. Das Mädchen steckte in einem blauen Sack. In den ersten Wochen nach dem Fund habe er jede Nacht das Bild des toten Kindes vor Augen gehabt, sagte der Sortierer Klaus R. vor Gericht. So erging es auch dem Handwerker Udo K., der im März 2007 auf einem Parkplatz an der B 201 im Kreis Schleswig-Flensburg die Leiche eines Jungen in einer Plastiktüte entdeckte, den kleinen Mund voller Laub. Ein DNA-Test ergab: Die Kinder sind Geschwister. Sie wurden auf einem Friedhof in Kiel gemeinsam beerdigt.

"Ich kann mich nur erinnern, dass alles voller Blut war"

Die Kriminalpolizei überprüfte Tausende Frauen in Schleswig-Holstein, auch Annika H. besuchten die Beamten in ihrer Wohnung, baten sie um eine Speichelprobe. Annika H. willigte ein, gestand aber noch vor der Auswertung, dass sie die Mutter der beiden toten Säuglinge sei. Und noch schlimmer: Sie habe zwischen 2008 und 2012 drei weitere Neugeborene getötet. Im Keller ihres Wohnhauses hatte sie die drei Leichen in Tüten und einer Kühlbox versteckt.

Vor Gericht gab Annika H. zu, dass sie 2006 im Badezimmer ein Mädchen zur Welt gebracht, mit der Hand erstickt und in die grüne Papiertonne gelegt habe. "Ich kann mich nur erinnern, dass alles voller Blut war." Ein Jahr später überkamen sie die Wehen bei der Arbeit, sie unterdrückte sie zunächst. Als die Schmerzen unerträglich wurden, schickte man sie nach Hause. Keiner ahnte, dass Annika H. davor war, ein Kind zu gebären.

Sie erinnere sich nur daran, wie sie im Wald kniete, dem Neugeborenen den Mund zuhielt, sagte die Angeklagte. Sie könne nicht ausschließen, dass sie dem Jungen Blätter in den Mund gestopft habe. Die Tüte mit dem Leichnam legte sie auf der Raststätte in einen Straßengraben. "Danach bin ich einfach nach Hause gefahren."

Ähnlich war es auch nach der Geburt von zwei Mädchen, deren Leichen sie im Keller ihres Hauses ablegte. "Das Leben ging einfach weiter", sagte Annika H. Den Leichengeruch, der immer stärker wurde, ignorierte sie.

Das letzte Kind gebar sie im Frühjahr 2012, wieder im Badezimmer. In der Nacht hatten die Wehen begonnen, Annika H. riss sich zusammen, bis ihr Ehemann bei der Arbeit war, schickte ihre Töchter, die sie sonst in die Schule begleitete, allein los. Nach der Tat legte sie die Leiche zu den beiden anderen in den Keller und holte die Mädchen von der Schule ab.

Während jeder verheimlichten Schwangerschaft, nach jeder heimlichen Geburt ging sie arbeiten, spielte mit ihren Töchtern, machte den Haushalt, besuchte Schulfeste, Geburtstagsfeiern, fuhr ins Schwimmbad.

Sie habe erst durch die Anklageschrift erfahren, ob sie Mädchen oder Jungen geboren habe. Sie wisse nicht mal mehr, ob es Sommer oder Winter war, als sie im Wald die Kinder zur Welt brachte. "Warum ich diesen Weg gewählt und die Kinder getötet habe - ich weiß es nicht", sagte Annika H. "Ich bin so wütend auf mich." Wut, weil sie keine Erklärungen für das Unerklärliche habe.

"Eine absolut liebevolle Mutter und Gesprächspartnerin"

Die Tötung des eigenen Neugeborenen nennen Ärzte Neonatizid. Oft leugnen die Täterinnen die Schwangerschaft - vor sich selbst und vor anderen. Die Verdrängung beeinflusst sogar die körperliche Erscheinung. So schilderte es auch Annika H.: "Mein Bauch war nicht größer, Bewegungen vom Kind habe ich nicht gespürt." Sie habe ihre eher wuchtige Statur ohnehin mit Kleidung in größeren Konfektionsgrößen kaschiert.

Annika H. sei eine fröhliche Frau, sagt ihre Mutter Kirsten D. im Zeugenstand, sie habe weder überfordert noch "krankhaft verändert" gewirkt. Allerdings habe sie bereits die erste Schwangerschaft verheimlicht. Eher zufällig habe sie ihre Tochter ertappt und zum Frauenarzt geschleppt. Zehn Tage später sei das Mädchen bereits geboren worden. Annika H. sei von Beginn an eine "liebende Mutter" gewesen. Auch die zweite Tochter sei für sie "pures Glück" gewesen.

Vielleicht sah Annika H. ein drittes Kind als Bedrohung ihres Familienglücks. Sie habe Angst gehabt, ihr Ehemann würde sie verlassen, hatte sie bei der polizeilichen Vernehmung angegeben. Er habe keine weiteren Kinder gewollt.

Mit den Polizisten sprach Annika H. zum ersten Mal über ihre Nöte und Sorgen. Mit ihrer Mutter hatte sie das nicht getan. Und auch nicht mit ihrem Mann, der für ihre beiden Töchter offenbar ein guter Vater ist. Er sagte den Ermittlern, von den Schwangerschaften habe er nichts gewusst. Annika H. bestätigte das nun vor Gericht. Nach der Festnahme hatte sie den Kontakt zu ihm verweigert. Erst vor kurzem haben sie sich zum ersten Mal wiedergesehen.

Warum verhütete sie nicht? Oder nutzte die Möglichkeit der anonymen Geburt oder die Einrichtung der Babyklappe? Sie habe von Babyklappen gehört, sagte Annika H. vor Gericht. "Als es mit der Geburt losging, habe ich nicht mehr daran gedacht." Warum sie keine andere Hilfe in Anspruch genommen, sich niemandem anvertraut habe, könne sie nicht beantworten.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
eduardschulz 11.03.2013
Zitat von sysopDPAWarum versorgt eine Mutter zwei Kinder liebevoll - und bringt fünf weitere direkt nach der Geburt um? Die Hotelfachfrau Annika H. hat vor dem Landgericht Flensburg die Tötungen gestanden, sie weinte, rang um Worte. Ihre Taten konnte die 29-Jährige nicht erklären. Flensburg: Annika H. gesteht fünffache Kindstötung vor Landgericht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/flensburg-annika-h-gesteht-fuenffache-kindstoetung-vor-landgericht-a-888138.html)
Warum ist die Frau 'nur' des Totschlags angeklagt. Fünfmal heimtückisch (bei hilf- und wehrlosen Opfern darf man das wohl annehmen) die eigenen Kinder getötet zu haben und dennoch nicht als Mörderin bezeichnet zu werden, ist für mich ziemlich verstörend.
2.
Tom07 11.03.2013
Zitat von eduardschulzWarum ist die Frau 'nur' des Totschlags angeklagt. Fünfmal heimtückisch (bei hilf- und wehrlosen Opfern darf man das wohl annehmen) die eigenen Kinder getötet zu haben und dennoch nicht als Mörderin bezeichnet zu werden, ist für mich ziemlich verstörend.
Wäre es für Sie weniger "verstörend", wenn die Kinder nicht nach, sondern vor der Geburt (also durch Abtreibung) getötet worden wären? Wo sehen sie die Grenze zum Mord?
3. Ich weiß auch nicht
Surgeon_ 11.03.2013
warum ich im vorigen Leben 10 Menschen umgebracht habe oder was ????? Von nichts kommt auch nichts ! Dieser Frau will sich ihrer Verantwortung entziehen ! Wenn sie nicht irre ist, wußte sie genau, was sie tat ! Auch wenn einen etwas "überkommt" (angeblich !), ist man voll verantwortlich ! Demm sonst würden auch Kriegsverbrechen u.a.nicht verurteilt !
4. Weil es nur Totschlag war!
ariovist1966 11.03.2013
Zitat von eduardschulzWarum ist die Frau 'nur' des Totschlags angeklagt. Fünfmal heimtückisch (bei hilf- und wehrlosen Opfern darf man das wohl annehmen) die eigenen Kinder getötet zu haben und dennoch nicht als Mörderin bezeichnet zu werden, ist für mich ziemlich verstörend.
Ja, warum wurde diese Frau nicht wegen fünfachen Mordes angeklagt? Einfach "nur" deshalb, weil es keine Morde waren. Die von Ihnen herbeigezogene Heimtücke würde voraussetzen, dass die Neugeborenen arglos und infolge ihrer Arglosigkeit auch zugleich wehrlos gewesen wären. Arglosigkeit bei Neugeborenen dürfte aber wohl ernsthaft niemand annehmen wollen, da diese zu "Arg" gar nicht fähig sind.
5.
eduardschulz 11.03.2013
Zitat von Tom07Wäre es für Sie weniger "verstörend", wenn die Kinder nicht nach, sondern vor der Geburt (also durch Abtreibung) getötet worden wären? Wo sehen sie die Grenze zum Mord?
Komische Frage. Um Abtreibung geht es hier nicht. Habe sie auch nicht thematisiert und bin deshalb nicht gewillt, Ihnen auf Ihre Frage zu antworten.
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