Mordprozess gegen Ahmad S. in Flensburg "Trennt euch lieber, bevor es eskaliert"

Die Liebe zwischen dem afghanischen Flüchtling Ahmad S. und der Schülerin Mireille B. war kompliziert. Am Ende war das Mädchen tot. Das Paar hatte bei Betreuern Rat gesucht, die nun vor Gericht ihre Eindrücke schilderten.

Angeklagter S. (Archiv)
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Angeklagter S. (Archiv)

Von Wiebke Ramm, Flensburg


Dass Ahmad S. seine 17-jährige Freundin mit einem Messer getötet haben soll, kann sein Betreuer nicht glauben. Der 53-jährige Erzieher kennt den jungen Afghanen seit drei Jahren. Seit S. als vermeintlich unbegleiteter minderjähriger Flüchtling 2015 über Umwege nach Flensburg kam, hat Thomas W. ihn betreut. Auch nach der Verhaftung hat W. ihn mehrfach in der Untersuchungshaft besucht. "Ich war's nicht", habe S. ihm dort gesagt: "Warum sollte ich meine Verlobte töten?"

So hat es Betreuer W. am Dienstag als Zeuge im Landgericht Flensburg geschildert. Über Ahmad S. hat der Erzieher nur Gutes zu berichten.

Doch Ahmad S. ist wegen Mordes angeklagt. Am 12. März soll er seine Freundin Mireille in ihrer Flensburger Wohnung mit 14 Messerstichen getötet haben - laut Anklage aus Eifersucht. Ahmad S. selbst hatte den Notruf gewählt. Er blieb bei der sterbenden Mireille, wartete auf die Rettungskräfte und brach zusammen, als eine Polizistin ihm noch vor Ort die Nachricht ihres Todes überbrachte.

"Der Täter würde doch vom Tatort fliehen und nicht den Notruf wählen", habe S. ihm versichert, berichtet Thomas W. vor Gericht. Ihm gegenüber habe S. immer dieselbe Geschichte erzählt: Mireilles Wohnungstür sei unverschlossen gewesen, als er an jenem Montag zu ihr gekommen sei. In der Wohnung habe er Mireille verletzt auf dem Boden liegend vorgefunden und sofort Hilfe geholt.

Wissbegierig, aufgeschlossen

Der Erzieher schildert Ahmad S. als wissbegierigen, aufgeschlossenen jungen Menschen. Im Fernsehen habe er Bundestagsdebatten verfolgt, seinen Erzieher nach dem politischen System in Deutschland gefragt und von den Verhältnissen in Afghanistan berichtet. Politiker habe er in seiner Heimat werden wollen, sagte W. Für Mireille habe S. zum katholischen Glauben konvertieren wollen. Dass die Schülerin eine zeitlang ein Kopftuch trug, sei ihre, nicht seine Idee gewesen. Ahmad S. sei gar nicht gläubig.

Ende 2016 haben sich Ahmad S. und Mireille ineinander verliebt. Das Mädchen war in schwierigen Familienverhältnissen groß geworden und wurde nach mehreren Heimaufenthalten in derselben Einrichtung betreut wie er. Die Beziehung soll sehr intensiv und sehr kompliziert gewesen sein. Ahmad S. habe dem Mädchen geholfen, von den Drogen wegzukommen, und dafür gesorgt, dass sie regelmäßig zur Schule gehe. So berichtete es W. vor Gericht. Beide seien sehr temperamentvoll gewesen. Einmal sei eine Tasse geflogen, Mireille habe sie geworfen, Ahmad S. sei am Auge getroffen worden und habe im Krankenhaus behandelt werden müssen.

Immer wieder habe sich das Mädchen von Ahmad S. getrennt, immer wieder sei sie zu ihm zurückgekehrt. "Trennt euch lieber, bevor es eskaliert", hätten mehrere Betreuer den beiden gesagt: "Ohne einander werdet ihr glücklicher." Stattdessen gaben sie im Dezember 2017 ihre Verlobung bekannt. "Für ihn war das superernst, die Beziehung zu Mireille B. war ihm unglaublich wichtig", sagte W. Seinem Eindruck nach sei es bei dem Mädchen nicht anders gewesen. Zumindest am Tag der Verlobung.

Wenig später soll sich die 17-Jährige wieder von S. getrennt haben, im Frühjahr 2018 dann endgültig. Ahmad S. soll sehr gelitten haben. Immer wieder soll er sie gebeten haben, ihm zu sagen, ob es einen anderen gebe, dann lasse er sie in Ruhe. Etwa eine Woche vor ihrem Tod, soll Ahmad S. tatsächlich geglaubt haben, dass sie sich neu verliebt habe. Der Wahrheit entsprach es wohl nicht.

Im Anschluss sagte Katja P. vor Gericht aus, die Betreuerin von Mireille. Ihre Darstellung von Ahmad S. ist weniger positiv. Er habe ein zweites Gesicht gehabt, soll das Mädchen ihr gesagt haben. Wenn sie mit ihm allein sei, sei er nicht so lieb und nett, wie die Betreuer meinten, habe Mireille gesagt. Er soll sie geschlagen, sie bedroht haben.

Sie habe Angst vor ihm gehabt

Die Nachricht von der Ermordung einer 15-Jährigen durch einen Afghanen im südpfälzischen Kandel soll Ahmad S. Ende 2017 Mireille gegenüber mit den Worten kommentiert haben, sie solle sich nicht wundern, der Mann sei schließlich Afghane. Vier Tage vor ihrem Tod habe Mireille der Betreuerin davon berichtet. Sie sei besorgt gewesen, sagte Katja P. vor Gericht. Doch Mireille habe sie beruhigt, schließlich hätte sie sich seither ja schon mehrfach von ihm getrennt, ohne dass etwas passiert sei.

Mireille habe Angst vor S. gehabt, sagte ihre Betreuerin. Er habe sie kontrollieren wollen, ihr aufgelauert, sie belästigt. Einmal habe Mireille die Polizei gerufen, berichtet die Betreuerin, habe sich dann aber vor den anrückenden Beamten versteckt. Das habe ihr eine Anzeige wegen Missbrauchs des Notrufs eingebracht.

Die Beziehung der beiden sei ständig Anlass für Gespräche gewesen, Thomas W. habe mit Ahmad S. geredet, Katja P. mit Mireille, manchmal auch alle vier miteinander. Eine echte Gefahr sahen die Betreuer nicht.

Die Betreuer zweifelten auch die Altersangabe von Ahmad S. nicht an. Vor Gericht sagte er zu Prozessbeginn, er sei im August 1999 geboren. Zwei Sachverständige bekundeten vor Gericht erhebliche Zweifel daran. Ihren Untersuchungen zufolge müsse Ahmad S. mindestens 1997, wahrscheinlich sogar 1989 geboren sein. Ein entscheidender Unterschied. Wäre Ahmad S. zur Tatzeit 19 Jahre alt gewesen, wie er behauptet, gelte er juristisch als Heranwachsender, der nach Jugendstrafrecht verurteilt werden könnte. Sein Verteidiger Klaus Husmann bezweifelte denn auch zu Verhandlungsbeginn das methodische Vorgehen der Gutachter. Er beantragte, neue Sachverständige zu hören.

Verteidiger kritisiert Vernehmung

Auch die Vernehmung seines Mandanten am Tag des Todes von Mireille hält Husmann für unredlich. Ahmad S. wurde bis in die Nacht hinein vernommen. Immer wieder sei die Vernehmung für beendet erklärt, immer wieder sei sie doch fortgesetzt worden. Verteidiger Husmann sieht darin eine unfaire Zermürbungstaktik, also eine unzulässige Vernehmungsmethode. Ahmad S. müsse den Eindruck bekommen haben, dass er erst schlafen dürfe, wenn er die Tat zugibt. Sein Mandant nickte heftig. Der Inhalt der Vernehmung dürfe daher nicht vom Gericht verwertet werden.

Die Richter befragten die beiden Vernehmungsbeamten an diesem Tag denn auch nur zu den Umständen der Befragung. Beide Polizisten beteuerten, dass S. auch ohne Dolmetscher alles verstanden habe. Einen Anwalt habe er nicht haben wollen und übermüdet sei er auch nicht gewesen. Im Vernehmungsprotokoll ist vermerkt, dass Ahmad S. seinen Kopf auf die Tischplatte gelegt habe. Das sei nicht Ausdruck von Erschöpfung gewesen, sagte ein Beamter auf Frage des Gerichts. Es sei eine emotionale Reaktion darauf gewesen, was geschehen war: "Eine Frau, die er liebte, war gestorben."

Video: Altersschwindel bei Flüchtlingen

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