Mordurteil gegen Ahmad S. "In seinen Augen war sie seins"

Ahmad S. tötete die 17-jährige Mireille mit 14 Messerstichen, davon ist das Landgericht Flensburg überzeugt. Er habe sich mit seiner Freundin geschmückt - und die Trennung nicht ertragen.

Angeklagter Ahmad S. vor Gericht (Archiv)
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Angeklagter Ahmad S. vor Gericht (Archiv)

Von Wiebke Ramm, Flensburg


Es gibt kein Geständnis, es gibt keine Zeugen. Doch es gibt Indizien, sehr viele Indizien, die die Richter von der Schuld des Angeklagten überzeugt haben. Ahmad S. hatte noch in seinem letzten Wort beteuert, mit dem Tod der 17 Jahre alten Mireille nichts zu tun zu haben. Das Mädchen habe schon blutend am Boden gelegen, als er am Abend des 12. März 2018 ihre Wohnung betrat, so hatte er es der Polizei gesagt. Die Richter der 1. Großen Strafkammer am Landgericht Flensburg glauben ihm nicht.

Die Kammer unter Vorsitz von Richter Mathias Eggers verurteilt Ahmad S. wegen Mordes aus niedrigen Beweggründen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Aus gekränktem Stolz habe er das Mädchen getötet. Aufgrund seiner narzisstischen Persönlichkeitsakzentuierung habe er es nicht ertragen, dass Mireille sich von ihm trennen wollte.

Mireilles Mutter steht die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Dem Angeklagten fällt es immer schwerer ruhig zu bleiben, je länger der Richter spricht. Rund eine Stunde lang führt Eggers aus, von welchem Tatvorgang das Gericht aus welchen Gründen ausgeht. Nach der Urteilsverkündung redet Ahmad S. energisch auf seinen Anwalt ein.

Ahmad S. und Mireille waren seit 2016 ein Paar. Sie hatten sich in einer Jugendhilfeeinrichtung kennengelernt, in der sie beide betreut wurden. Mireille wegen familiärer Probleme, Ahmad S. als vermeintlich minderjähriger Flüchtling.

Hoch emotionale Beziehung

Aus Afghanistan war er 2015 über Umwege nach Deutschland gekommen. Erst nach Hamburg, dann nach Flensburg. Den Behörden nannte er verschiedene Namen und verschiedene Geburtsdaten. Seine Identität und sein Alter hat das Gericht nicht klären können. Doch dass er zur Tatzeit mindestens 21 Jahre alt war und damit nach Erwachsenenstrafrecht zu behandeln ist, daran haben die Richter keinen Zweifel. Sie folgen den Erkenntnissen mehrerer Gutachter.

Die Beziehung mit Mireille war hoch kompliziert und "hoch emotional", wie es der Richter formuliert. Ahmad S. und seine Freundin stritten sich, sie trennten sich, sie versöhnten sich immer wieder. Noch drei Monate vor dem Tod des Mädchen gaben sie ihre Verlobung bekannt. Wenig später trennte sich Mireille endgültig von ihm. Ahmad S. war davon überzeugt, dass es einen anderen Mann in ihrem Leben gab. Vielleicht stimmte das, vielleicht auch nicht.

Am 12. März 2018 sollte es zu einer letzten Aussprache kommen. Ahmad S. hatte Mireille zu einem Abschiedstreffen überredet. Die Auswertung der Handydaten ergab, dass sie gegen 17.30 Uhr mit dem Bus am Bahnhof in Flensburg ankam. Ahmad S. sei dort schon Stunden zuvor gewesen, um ihre Ankunft ja nicht zu verpassen. Nach Überzeugung des Gerichts sind sie dann gemeinsam zu ihrer Wohnung gelaufen. Die Standortdaten ihres Handys und die nahezu identischen Schrittzahlen, die beide Handys gespeichert hatten, belegten dies. Auch ein unscharfes Video einer Überwachungskamera der Flensburger Bierbrauerei sei dafür ein starkes Indiz.

Gegen 17.55 Uhr kamen sie in der Wohnung an. Was dann geschah, habe das Gericht nicht im Einzelnen klären können. Klar sei, dass Ahmad S. die Wohnung nicht wieder verlassen habe.

Um 18.19 Uhr wählte er den Notruf. Er blieb bei der sterbenden Mireille, wartete auf die Rettungskräfte und brach zusammen, als eine Polizistin ihm sagte, dass sie verblutet war. 14 Messerstiche zählte die Rechtsmedizinerin an ihrem Körper. Den Rettungskräften sagte Ahmad S., das Mädchen habe sich die Verletzungen selbst zugefügt. Unsinn, sagt der Richter. Eine Rippe von Mireille war durchstochen. Kein Mensch mache so etwas bei sich selbst.

"Absoluter Macht- und Besitzanspruch"

Dass eine 17-Jährige sich einfach von ihm trennt, sei für den Angeklagten eine schwere Kränkung gewesen. "Der Angeklagte schmückte sich mit seiner deutschen Freundin, die Beziehung hob seinen Stellenwert auch unter Flüchtlingen, er identifizierte sich mit der Beziehung", sagt Richter Eggers.

"Sein absoluter Macht- und Besitzanspruch hat die Beziehung geprägt", sagt der Richter. "Er hat Mireille nicht mehr als eigenständige Persönlichkeit anerkannt, in seinen Augen war sie seins." Ahmad S. habe sie manipuliert, sie kontrolliert, ihr den Umgang mit Freunden verboten, sie nach Überzeugung der Richter auch geschlagen. Ahmad S. schüttelt den Kopf.

Mireille habe sich zunehmend bedrängt und bedroht gefühlt und sei mehr und mehr auf Distanz gegangen. Ahmad S. habe die Kontrolle über sie verloren, "das konnte er nicht ertragen". Er habe begonnen, schlecht über sie zu reden, sie zu erniedrigen. "Doch das hat ihm nicht gereicht."

Für das Gericht fügen sich alle Indizien zu einem eindeutigen Bild zusammen. "Die Kammer hat überhaupt keine Zweifel, dass die Tötung Mireilles aus niedrigen Beweggründen erfolgte." Die Staatsanwaltschaft sieht es genauso. Auch sie hatte eine Verurteilung wegen Mordes gefordert, ebenso der Anwalt der Mutter von Mireille.

Verteidiger Klaus Husmann hatte auf Freispruch plädiert. Die Beweisaufnahme habe den Nachweis der Täterschaft seines Mandanten nicht zweifelsfrei erbracht, auch nicht, dass er zum Tatzeitpunkt 21 Jahre alt gewesen sei. Zudem fehle für eine Verurteilung wegen Mordes ein Mordmerkmal. Ahmad S. sei verzweifelt gewesen, niedrige Beweggründe lägen nicht vor. Husmann kündigte Revision an, damit wird der Bundesgerichtshof über das Urteil entscheiden.

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