Flensburger Mordprozess Ein Leben voller Unklarheiten

Mit 14 Messerstichen soll Ahmad S. seine Ex-Freundin in Flensburg getötet haben. Vor Gericht geht es zunächst um seine Biografie - und die starken Zweifel an seinem angegebenen Alter.

Angeklagter Ahmad S.
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Angeklagter Ahmad S.

Von Wiebke Ramm, Flensburg


Es gibt einige Fragezeichen in diesem Fall. Fest steht: Ein Mädchen ist tot, verblutet nach 14 Messerstichen. Ahmad S. muss sich wegen Mordes vor der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts Flensburg verantworten. Er soll die 17-jährige Mireille am Abend des 12. März mit einem Küchenmesser in ihrer Flensburger Wohnung getötet haben. "Er handelte aus Eifersucht", trägt Staatsanwalt Lars Truknus zu Prozessbeginn aus der Anklage vor.

Das Mädchen soll sich neu verliebt haben. "Die Hinwendung zu ihrem neuen Partner und die damit einhergehende, von ihm unabhängige Lebensgestaltung wollte der Angeklagte nicht akzeptieren", sagt Truknus. Die Staatsanwaltschaft wertet die Tat als Mord aus niedrigen Beweggründen.

Ahmad S. ist 2015 als Flüchtling aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Sein Alter, sein Name, auch seine Deutschkenntnisse sind fraglich. Gleich zu Beginn wendet sich der Vorsitzende Richter Mathias Eggers an den Angeklagten. Ahmad S. wirkt jungenhaft. Er trägt ein grünes T-Shirt, Jeans und Turnschuhe.

"Verstehen Sie mich einigermaßen?", fragt der Richter ihn und verweist auf eine polizeiliche Vernehmung, die in deutscher Sprache erfolgt sein soll. Ahmad S. blickt vom Richter zur Dolmetscherin. Sie übersetzt die Worte des Richters, dann die Antwort von S.: "Nein." Fortan wird sie ihm alles, was an diesem Tag vor Gericht vorgetragen wird, auf Farsi übersetzen.

"Das wahrscheinliche Alter ist 29"

Als seinen Geburtstag nennt S. August 1999. Er bestätigt, dass er Ahmad mit Vor- und S. mit Nachnamen heiße und gibt an, in Kapisa geboren zu sein. Kapisa ist eine afghanische Provinz nordöstlich von Kabul. Mehr sagt er nicht. Ahmad S. macht von seinem Schweigerecht Gebrauch.

Es gibt Zweifel, ob das alles so stimmt, was S. zu seiner Person angibt. Am ersten Verhandlungstag geht es Richter Eggers vor allem um das Alter des Angeklagten. Davon hängt ab, ob nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht verhandelt wird. Nach eigenen Angaben war S. zur Tatzeit 18 Jahre alt. Eine Rechtsmedizinerin hält das für ausgeschlossen. Sie hat S. begutachtet. Vor Gericht trägt sie das Ergebnis ihrer Begutachtung vor: Anhand der Knochenbeschaffenheit kommt sie zu dem Schluss, dass S. mindestens 21 Jahre alt sei. "Das wahrscheinliche Alter ist 29", sagt sie. Die Dolmetscherin übersetzt. Ahmad S. lächelt.

Zwei Polizisten sollen an diesem Tag helfen, die Identität des Angeklagten zu klären. Ein Flensburger Kriminaloberkommissar referiert die behördlichen Spuren, die Ahmad S. bisher in Deutschland hinterlassen hat. Demnach meldete er sich im August 2015 mit einem Asylbegehren bei der Bundespolizei am Hamburger Hauptbahnhof. Als Nachname wurde damals M. vermerkt, nicht S. - und als Geburtsjahr nicht 1999, sondern 1998. Als minderjähriger Flüchtling kam er in die Obhut des Hamburger Kinder- und Jugendnotdienstes. Dort soll er 1996 als Geburtsjahr angegeben haben. Als mutmaßlich 19-Jähriger sei er dann in eine Erstaufnahmeeinrichtung für Erwachsene gekommen.

Irgendwann verließ er Hamburg und meldete sich im November 2015 in Flensburg, in einer Einrichtung für minderjährige Geflüchtete. Das Jugendamt übernahm seine Betreuung. Der Antrag von Ahmad S. auf Asyl wurde abgelehnt. Rechtskräftig ist die Entscheidung nicht. Nach einer Klage ist nun das Verwaltungsgericht Schleswig zuständig.

Unfall in Iran

Richter Eggers verweist auf einen Vermerk des Polizisten. Demnach soll S. nach eigenen Angaben im Frühling 2013 seine Heimat allein verlassen haben. Sein Vater sei tot, seine Mutter noch in Afghanistan. Über Ungarn und Wien soll Ahmad S. nach Deutschland gekommen sein. Die Angaben sind spärlich, der Ursprung der Informationen wird nicht ganz klar.

Ein weiterer Zeuge, ein Bundespolizist, erwähnt später noch Iran als weitere Station. Demnach soll S. bei einer Anhörung im Asylverfahren im Jahr 2017 berichtet haben, dass er in Iran als Kranführer gearbeitet habe. Dabei sei es zu einem Unfall gekommen, ein Mann sei gestorben. In einem Verfahren sei S. von allen Vorwürfen freigesprochen worden.

Mireilles Mutter hält es irgendwann nicht mehr aus. Sie nimmt als Nebenklägerin am Prozess teil. Den Angeklagten fixiert sie an diesem Tag mit ihren Blicken. Er erwidert sie nicht. Der Richter hatte den Verhandlungstag eigentlich schon beendet, da meldet sie sich zu Wort. Sie berichtet, dass S. auch ihnen von dem Vorfall in Iran erzählt habe. Und dass die Familie des Verstorbenen ihn danach bedroht hätte und er deshalb geflohen sei. "Das hat er unserer Tochter erzählt", sagt sie und fügt an: "In sehr gutem Deutsch im Übrigen."



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