Mordprozess in Flensburg Erst trauernder Freund, dann Tatverdächtiger

Ahmad S. soll in Flensburg eine 17-Jährige ermordet haben. Zeugen schildern vor Gericht, wie der Mann auf sie wirkte, während sie vergeblich versuchten, das Leben der jungen Frau zu retten.

Angeklagter (Mitte) mit Anwalt und Dolmetscherin
DPA

Angeklagter (Mitte) mit Anwalt und Dolmetscherin

Von Wiebke Ramm, Flensburg


"Irgendetwas war sehr merkwürdig, anders als normal", sagt Sven J. Der 46-Jährige war einer der ersten Rettungskräfte, die am Abend des 12. März nach einem Notruf die Flensburger Wohnung von Mireille B. betraten. Die Wohnungstür war angelehnt, ein rosafarbener Turnschuh klemmte zwischen Tür und Rahmen. Die 17-jährige Mireille lag reglos auf dem Fußboden zwischen Küche und Wohnzimmer. Neben ihr kniete Ahmad S. Auf dem Küchentisch lag ein Messer.

Vor der 1. Großen Strafkammer am Landgericht Flensburg läuft der Prozess gegen Ahmad S. Der Flüchtling aus Afghanistan steht im Verdacht, das Mädchen aus Eifersucht ermordet zu haben. Mireille soll sich von ihm getrennt und neu verliebt haben.

Der Angeklagte ist nach eigenen Angaben 19 Jahre alt, nach Angaben einer Rechtsmedizinerin ist er mindestens zwei, wahrscheinlich zehn Jahre älter. Vor Gericht schweigt Ahmad S., direkt nach dem Tod von Mireille B. schwieg er nicht. Das berichtete Polizistin Ina K. nun vor Gericht. Die Beamtin schilderte ebenso wie Sven J., zwei weitere Rettungskräfte, eine Ärztin und noch ein anderer Polizist, was sie an jenem Abend im März erlebte.

"Erst als wir ihre Jacke öffneten, sahen wir, dass da überall Schnittwunden waren"

Gegen 18.20 Uhr hatte Ahmad S. den Notruf gewählt. "Suizidversuch mit Messer" hieß es. Wenige Minuten später waren die nun als Zeugen befragten Personen in Mireilles Flensburger Wohnung. Das Leben der jungen Frau konnten sie nicht retten. Die 17-Jährige starb an den Folgen von 14 Messerstichen. Den Rettungskräften kamen schnell Zweifel daran, dass das Mädchen sich die tödlichen Verletzungen selbst beigebracht haben sollte.

Alle Zeugen erinnern sich vor Gericht, dass das Mädchen auf dem Rücken lag und vollständig bekleidet war: Jacke, Schuhe, Jeans. Als habe sie gerade das Haus verlassen wollen, sagt ein Sanitäter. Die Zeugen berichten übereinstimmend, sie hätten sich gewundert, dass kein Blut zu sehen gewesen sei. "Erst als wir ihre Jacke öffneten, sahen wir, dass da überall Schnittwunden waren", sagt Sven J.: "Da dachte ich mir, das macht doch keiner mit sich selbst." Mireille hatte Stichwunden im Bauch, Schnitte am Oberschenkel und im Brustbereich.

An Ahmad S.' Verhalten haben die Zeugen recht unterschiedliche Erinnerungen. "Ich meine, er hat die ganze Zeit nichts gesagt", sagt Sven J. Auch ein anderer Sanitäter kann sich an keine Worte des jungen Mannes erinnern. "Er wirkte fertig, apathisch", sagt er. Die Ärztin erinnert sich dagegen sehr wohl an eine Reaktion. Sie habe Ahmad S. gefragt, ob das Mädchen irgendwelche Drogen zu sich genommen habe, was er verneint habe. Die Ärztin sagt auch aus, Ahmad S. sei "sehr, sehr aufgelöst" gewesen.

"Da ist er zusammengebrochen"

Auch Polizistin Ina K., 37, unterhielt sich mit Ahmad S. Sie habe ihn vor die Wohnungstür gebeten. Er sollte nicht mit ansehen, was mit Mireille passiert.

Als Zeugin berichtet Ina K. nun, dass Ahmad S. sehr ruhig und sehr betroffen gewirkt habe. Nur einmal sei er aktiv geworden. Lebhaft habe er ihr geschildert, die Tür sei bereits offen gewesen, als er die Wohnung betreten habe. Die Polizistin erwähnt es nur am Rande, führt es nicht aus. Es wirkt fast so, als wolle Ahmad S. sagen, jemand habe sich vor ihm Zugang zu Mireilles Wohnung verschafft.

Sein Verteidiger Klaus Husmann hatte darum gebeten, den Inhalt des Gesprächs zwischen seinem Mandanten und der Polizistin an diesem Tag auszusparen. Die Zeugin hatte Ahmad S. noch vor der Wohnungstür die Todesnachricht überbracht. "Da ist er zusammengebrochen", sagt sie im Gerichtssaal.

Ein Nachbar ließ bei Ina K. Zweifel aufkommen, dass Mireille sich selbst etwas angetan hat. Der Mann habe sie im Treppenhaus angesprochen und berichtet, dass es zwischen Ahmad S. und Mireille häufiger zu Streit gekommen sei. Auch die Polizei sei deshalb schon mehrfach im Haus gewesen.

Aus dem trauernden Freund war ein Tatverdächtiger geworden.

Weder an seinen Händen noch an seiner Kleidung sei Blut gewesen, sagt die Polizistin auf Nachfrage. Auch Kratzspuren an seinem Körper habe sie nicht bemerkt. "Gab es in der Wohnung Anzeichen für einen Kampf?", fragt Verteidiger Husmann wenig später ihren Kollegen. "Nein", sagt der Polizist.

Eine Dolmetscherin übersetzt die Worte der Zeugen für Ahmad S. Eine Reaktion zeigt er nicht.

Im Video: Altersschwindel bei Flüchtlingen

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