Flucht aus Aachener Gefängnis "Die beiden schrecken vor nichts zurück"

Sie sind auf der Flucht - und hochgefährlich: Die Schwerverbrecher Michael Heckhoff und Peter Michalski nahmen bereits eine Frau als Geisel, ließen sie dann wieder frei. Beim Ausbruch aus der JVA soll ihnen ein Bediensteter geholfen haben. Bei den Kollegen mischen sich Wut, Entsetzen - und Angst.

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Hamburg - Bei ihrer Eröffnung 1994 war die JVA Aachen der nordrhein-westfälische Vorzeigeknast: besonders fortschrittlich, besonders gut ausgestattet, besonders sicher. Das musste er auch, denn nach Aachen kommen, wie auch nach Werl, Bochum, Bielefeld, die "janz schweren Fälle". Der Mann, der das sagt, muss es wissen: Frank Merzbach ist seit mehr als 15 Jahren in der JVA Aachen beschäftigt und zugleich Vorsitzender der Ortsgruppe Aachen im Bund der Strafvollzugsbediensteten (BSBD).

Merzbach hat ein wenig den freundlichen rheinischen Singsang in seiner Stimme, doch man merkt, dass ihm die aktuellen Ereignisse zusetzen. Merzbach muss fürchten, dass einer seiner Kollegen den beiden Schwerstkriminellen Michael Heckhoff und Peter Paul Michalski bei ihrer Flucht aus der JVA Aachen geholfen hat. Richtig glauben kann er es noch nicht.

Zu absurd scheint die Vorstellung, dass einer der Männer, mit denen er tagtäglich zusammenarbeitete, den beiden mehrfach Verurteilten dabei assistiert haben könnte zu entkommen.

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Aachener Ausbrecher: Nach der Flucht die Festnahme

Als Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter bei einer Pressekonferenz am Mittag mitteilte, man habe einen Angestellten der JVA festgenommen, blickte Merzbach in die Gesichter seiner Kollegen. "Da war Starre, Hilflosigkeit, Ohnmacht", sagt der BSBD-Mann. So viele Fragen geisterten durch den Raum: Ist das möglich? Kann das sein? Einer von ihnen? "Das ist unvorstellbar."

Mit einer Geisel von Köln nach Essen

Bewiesen ist derzeit freilich nichts. Lediglich Gerüchte gibt es, dass es sich bei dem Festgenommenen um einen der Angestellten handeln soll, die Heckhoff und Michalski bei ihrer Flucht verletzten.

"Wenn sich herausstellt, dass der Kollege ihnen tatsächlich geholfen hat, dann muss er mit allen Mitteln bestraft werden, weil er so leichtfertig das Leben und die Gesundheit der anderen Kollegen und der Bevölkerung aufs Spiel gesetzt hat", sagt Merzbach.

Heckhoff und Michalski gehören zu den "gefährlichsten Gefangenen, die wir in NRW haben", sagt Klaus Jäkel, Landesvorsitzender des BSBD. Nun sind sie die gefährlichsten Flüchtigen. "Die beiden schrecken vor nichts zurück - und sie haben nichts zu verlieren." Die Männer haben ein beachtliches Vorstrafenregister.

Vor allem Heckhoff sei ein "gefährlicher Mensch", sagt der Landesvorsitzende. Der 50-Jährige, bis unter den Hals tätowiert, war bereits vor 17 Jahren im westfälischen Werl an einer Geiselnahme beteiligt. "In den ersten Meldungen hieß es noch, es bestehe keine Gefahr für die Bevölkerung", sagt Jäkel. "Das sehe ich gänzlich anders."

Tatsächlich stellten die Flüchtigen ihre Skrupellosigkeit bereits unter Beweis: Sie sollen am Freitag eine Frau als Geisel genommen haben und mit ihr von Köln nach Essen gefahren sein. Dort ließen sie ihr Opfer frei. "Die Frau sitzt hier bei uns im Präsidium und ist unverletzt", sagte ein Polizeisprecher in Essen und bestätigte damit einen Bericht der "Bild"-Zeitung.

"Friedhofsstimmung" unter den Kollegen

Merzbach sagt, für ihn und seine Kollegen in Aachen sei die Vergangenheit der beiden Männer stets präsent gewesen: "Man denkt daran, was sie gemacht haben, zu was sie fähig sind. Da sind die Antennen dann besonders sensibel." Umso unverständlicher ist für ihn die Vorstellung, dass ausgerechnet ein Kollege dafür verantwortlich sein könnte, dass die Kriminellen nun auf freiem Fuß sind.

Unter den JVA-Mitarbeitern habe heute eine "Friedhofsstimmung" geherrscht, sagt der BSBD-Mann. "Wenn man mit den Kollegen so eng zusammenarbeitet, ist es sehr schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass es tatsächlich einer von ihnen gewesen sein könnte."

Doch Unbehagen ist nicht das einzige Gefühl. Er herrscht auch Furcht vor den Folgen der geglückten Flucht. "Die Angst vor Nachahmern ist groß unter den Kollegen", sagt Merzbach. "Das bringt weiteren Druck. Ich bin gespannt, wie sich das auf den Dienstalltag auswirkt."

In der JVA Aachen sitzen besonders viele Schwerstkriminelle: "Die Leute, die in den Zeitungen und im Fernsehen für sehr viel Aufsehen sorgen, landen zwei Jahre später bei uns", sagt Merzbach und beschreibt das schwierige Klientel, mit dem er und seine Kollegen es zu tun haben: 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag.

In Aachen landen die Kaliber, die viel auf dem Kerbholz haben - aber sich im Hochsicherheitstrakt anständig benommen haben. "Die kommen zu uns, weil wir als sicher gelten", sagt Merzbach. Und setzt nach: "Oder besser gesagt gegolten haben."

Die JVA Aachen ist chronisch unterbesetzt

In den vergangenen acht Jahren ist in Aachen viel Personal abgebaut worden, 60 bis 70 Leute mussten gehen. Nach dem Skandal in der JVA Siegburg richtete sich das Licht der Öffentlichkeit auf die Situation in den Jugendgefängnissen. Und auch die finanziellen Mittel flossen dorthin. Man stopfte das eine Loch - und riss es an anderer Stelle wieder auf. Das Personal, das man nach dem Foltermord in Siegburg einsetzte, zog man in Aachen ab. Wenn die Kassen leer sind, sind die Lösungsansätze simpel. Allein: Die Konsequenzen sind weitreichend.

Aachen, einst Vorzeigeknast, hat große Probleme: Der Krankenstand der Mitarbeiter liegt bei mehr als zehn Prozent - weit höher als überall sonst in Deutschland. Die Mitarbeiter haben im Schnitt pro Kopf 178 Überstunden, das entspricht mehr als 22 Arbeitstagen. Allein in diesem Jahr gab es bislang laut NRW-Mann Jäkel 70 Krankenhausbewachungen, die die JVA Aachen zu stemmen hatte. Für einen Gefangenen in der Klinik müssen am Tag drei Beamte abgestellt werden, die ihn rund um die Uhr, jeweils dreimal acht Stunden, bewachen. Bei einem gefährlichen Insassen sind es sogar sechs JVA-Beamte. Die fallen für die anderen Schichten weg.

Mit anderen Worten: Die JVA Aachen ist chronisch unterbesetzt.

Merzbach ist ein erfahrener Mann, er weiß, dass er und seine Kollegen den Gefangenen nur "vor den Kopf gucken können". Doch er weiß auch, dass sie besser sondieren, wenn sie präsent sind, sich Zeit nehmen und ein offenes Ohr haben können. "Dann bekommt man mit, wenn was geplant wird."

Nach einer kurzen Pause sagt er: "Das ist das Gefährliche an den Einsparungen. Man verliert die Nähe zu den Gefangenen."



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