Flucht aus Aachener Gefängnis Polizei nimmt JVA-Angestellten fest

Die JVA Aachen gilt als eines der sichersten Gefängnisse Deutschlands. Ausgerechnet aus diesem Musterknast brachen zwei brutale Schwerstkriminelle aus. Die Männer sind auf der Flucht. Jetzt wurde ein Bediensteter der Haftanstalt festgenommen.

Von und Malte Steinhoff


Hamburg - Die Fahnder scheinen nicht den leisesten Verdacht zu haben, wo sich Michael Heckhoff und Peter Paul Michalski zurzeit aufhalten. Sie wissen aber, dass die beiden Schwerstkriminellen völlig skrupellos, gewaltbereit und bewaffnet sind. Und: Die Ausbrecher brauchen dringend Geld.

"Die Großfahndung läuft bis ins benachbarte Ausland auf Hochtouren, wir tun wirklich alles Menschenmögliche", sagte Iris Wüster von der Polizei Aachen. Die Bevölkerung wurde gewarnt: Die flüchtigen Verbrecher seien bei Taten in der Vergangenheit immer "äußerst brutal und rücksichtslos" vorgegangen. "Es handelt sich um hochgefährliche Männer, die im Zweifelsfall gewaltbereit, gewalttätig und bewaffnet sind", betonte Klaus Oelze, Polizeipräsident von Aachen.

Besonders Michael Heckhoff gilt als Mann, der im Notfall schnell schießt. "Wenn er sich angegriffen fühlt und eine Schusswaffe hat, dann wird er von dieser Waffe wahrscheinlich Gebrauch machen", sagte der frühere Leiter der JVA Werl, Klaus Koepsel. Heckhoff war 1992 in Werl an einer Geiselnahme beteiligt.

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Aachener Ausbrecher: Nach der Flucht die Festnahme
Heckhoff und Michalski hatten am Donnerstag um 19.30 Uhr einen Wachmann und einen Pförtner überwältigt und waren mit Waffen geflohen. Nach Angaben der nordrhein-westfälischen Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter hatten sie den Wärter von hinten zu Boden gerissen, ihm die Hände auf den Rücken gefesselt und ihn geknebelt.

Sie erbeuteten zwei Pistolen mit jeweils acht Schuss Munition. Um 20.20 Uhr seien sie schließlich mit den zwei Schusswaffen aus dem Gebäude geflohen, erklärte Paul Kemen von der Polizei Aachen. Dort sei zufällig ein Taxi vorgefahren, das einen Freigänger in die JVA zurückgebracht habe. "Dieses Taxi haben sie mit dem Fahrer gekapert", sagte Kemen.

Der Taxifahrer musste die beiden Ausbrecher ins knapp 50 Kilometer entfernte Kerpen-Buir bringen. Dort zwangen sie ihn, ein weiteres Taxi zu rufen. Als es kam, zerrten sie den ersten Fahrer mit in den Wagen. Am Kölner Hauptbahnhof ließen sie um 22.19 Uhr beide Geiseln frei und flüchteten zu Fuß in die Altstadt.

Die Polizei fahndet seither mit einer Spezialeinheit. Die Kölner Innenstadt wurde teilweise abgesperrt, Fahrzeuge im gesamten Stadtgebiet werden kontrolliert. Die Bundespolizei verstärkte die Überwachung der Bahnhöfe und des Flughafens. Mit einem Hubschrauber wird über den Dächern der Stadt gesucht.

Nach Angaben von Müller-Piepenkötter wurde am Freitag um 13 Uhr außerdem ein Bediensteter der Justizvollzugsanstalt Aachen festgenommen. Ob es sich bei dem Mann um einen Fluchthelfer handle, wollte die CDU-Politikerin nicht sagen. Genaue Hintergründe der Tat lägen noch nicht vor. Ziel sei es, die flüchtigen "gefährlichen" Häftlinge schnell zu fassen.

Die erbeuteten Waffen und Munition hätten sich getrennt voneinander in einem Tresor im Bereich der Pförtnerei befunden, sagte JVA-Leiterin Reina Blikslager. "Um diese Zeit werden in der Anstalt keine Waffen getragen", sagte sie. Wie die Waffen aus dem Tresor entwendet werden konnten, sei nun Gegenstand der Ermittlungen. Ein Staatsanwalt führe entsprechende Vernehmungen im Gefängnis durch.

"Heckhoff hat nichts zu verlieren"

"Wir haben keinerlei Erkenntnis, ob sich die Männer noch in Köln aufhalten", sagte Polizeisprecher Michael Houba. "Wir haben einen riesigen Apparat in Gang gesetzt, aber leider bislang keine konkreten Hinweise auf den Aufenthaltsort." Die Taxifahrer seien körperlich unverletzt, hätten jedoch noch nicht intensiv vernommen werden können, weil sie unter Schock stünden.

Michael Heckhoff, 50 Jahre alt, etwa 1,75 Meter groß, kräftig und bis zum Hals unter anderem mit Nazi-Runen tätowiert, war bereits am 30. Juni 1992 in der westfälische JVA Werl an einer Geiselnahme beteiligt. Er und sein damaliger Mithäftling Kurt Knickmeier, verurteilt wegen dreifachen Mordes, täuschten Zahnschmerzen vor. In der Praxis brachten sie drei Arzthelferinnen und drei Justizbeamte in ihre Gewalt.

Als ein Spezialeinsatzkommando die beiden Geiselnehmer nach 13 Stunden überwältigt, übergießt Knickmeier eine Frau und einen Beamten mit Benzin und zündet sie an. Sie erleiden schwere Verbrennungen. Heckhoff wird bei dem Zugriff von einem Scharfschützen angeschossen.

Vor Gericht betont Knickmeier später, für sie habe die Devise geheißen: "Freiheit oder Tod." Beide werden zu lebenslangen Haftstrafen mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.

Der heute 50-jährige Heckhoff habe nicht eingesehen, dass er sein Leben hinter Gittern verbringen müsse, sagt Ex-JVA-Leiter Koepsel. "Angepasst war er durchaus, wenn er irgendwie Vorteile daraus schinden wollte." Im Umgang mit Beamten sei er nicht aggressiv gewesen. Aber "draußen" werde er wahrscheinlich von der Schusswaffe Gebrauch machen, wenn ihn jemand angreife. "Der hat nichts zu verlieren."

Warum wurden Verbrecher dieses Kalibers nicht besser bewacht?

Heckhoff saß in Werl ein, weil er eine Sparkasse ausgeraubt hatte, 330.000 Mark hatte er dabei erbeutet. Als er gefasst wurde, nahm er auf dem Polizeipräsidium in Mülheim einen Kripobeamten und eine Kommissarin als Geiseln. Mit der Frau als Schutzschild fuhr er mit dem Taxi nach Dortmund, dort ließ er die Frau frei.

1981 war er bereits wegen Geiselnahmen und Bankraubs zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden. In seiner Einzelzelle in der JVA Bochum wurden 1995 eine Gaspistole und eine Handgranaten-Attrappe gefunden. Danach wurde er in eine speziell überwachte Zelle in Wuppertal gebracht. Seine dortige Sicherheitszelle schmückte er mit Hitler-Porträts. Das Essen servierten ihm die Justizvollzugsbeamten durch eine Klappe.

Heckhoffs jetziger Komplize, Peter Paul Michalski, ist 46 Jahre alt, 1,76 Meter groß, schlank und ein besonders gewalttätiger Mehrfachtäter. Er verbüßte laut NRW-Justizministerium bereits als Heranwachsender eine Jugendstrafe. 1985 wurde er entlassen, drei Jahre später aber schon wieder festgenommen. 1988 verurteilten ihn die Richter zu sieben Jahren und sechs Monaten Haft, unter anderem wegen schweren Raubes.

1993 erschoss Michalski im Hafturlaub einen Mittäter - und erhielt dafür eine lebenslange Haftstrafe. Das Bielefelder Landgericht stellte im März 1995 die besondere Schwere der Schuld fest. Damit war eine Überprüfung der Haftstrafe nach 15 Jahren für den gebürtigen Herforder blockiert. Anfang 2006 war er von der JVA Wuppertal nach Aachen verlegt worden.

Wie kann es sein, dass zwei Verbrechern dieses Kalibers die Flucht gelingt?

Offenbar ist die JVA Aachen personell chronisch unterbesetzt. Die "Aachener Zeitung" berichtete im vergangenen Jahr über die massive Anzahl von Überstunden bei den Gefängnisangestellten. Demnach sollen die damals 298 Vollzugs- und Werkdienstbeamten rund 38.000 Überstunden angesammelt haben. Zudem soll der Krankenstand der Mitarbeiter mit knapp 17 Prozent gegenüber dem Bundesdurchschnitt (3,4 Prozent) überproportional hoch gewesen sein. Die Leiterin der JVA, Reina Blikslager, sagte damals, sie "wisse auch nicht so genau", wie sie mit diesem Problem umgehen solle. Aktuell sollen in dem Gefängnis insgesamt rund 380 Bedienstete beschäftigt sein.

Haute-Cuisine-Kochkurse, klassischer Klavierunterricht

In der JVA Aachen sind in erster Linie Schwer- und Schwerstkriminelle untergebracht, insgesamt sind es rund 800 Gefangene, davon etwa 50 zu Sicherungsverwahrung verurteilte Schwerverbrecher wie Heckhoff und Michalski. Zudem gibt es eine Abteilung der Sozialtherapie für etwa 35 Gefangene.

Bei der Eröffnung im Jahr 1994 galt das Gefängnis als eines der modernsten in Europa, da dort angeblich besonders hohe Sicherheitsstandards gelten. Die Strafgefangenen sind in den vier Hafthäusern in der Regel in Einzelzellen untergebracht. In besonderen Fällen gibt es nach Angaben der JVA auch eine Gemeinschaftsunterbringung.

Seit einigen Jahre versucht sich die JVA Aachen als Vorzeigeknast zu etablieren. Neben den üblichen Standards wie Sportstunden und Töpferkursen werden den Inhaftierten auch Pop- und Klassikkonzerte sowie Gastspiele des Schauspielhauses geboten. Hinzu kommen Haute-Cuisine-Kochkurse, klassischer Klavierunterricht und eine gefängniseigene Theatergruppe. Hin und wieder durften 20 ausgewählte Knackis geladenen Gästen sogar Edelmenüs brutzeln.

Die jährlichen Kosten der JVA, die seit November 2008 von der Juristin Blikslager geleitet wird, werden mit etwa 25 Millionen Euro angegeben.

Jedes Jahr gelingt durchschnittlich 30 Häftlingen die Flucht aus einer deutschen JVA. 87 Prozent werden wieder gefasst.



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