Flüchtige Ausbrecher Polizei verschärft Grenzkontrollen

Die Polizei fahndet bundesweit nach den flüchtigen Schwerverbrechern Michael Heckhoff und Peter Michalski und hat zusätzlich Grenzalarm ausgelöst. Offenbar gibt es keinerlei Hinweise, wo sich die beiden Ausbrecher aufhalten. Die Ermittler scheinen verzweifelt - obwohl inzwischen das Fluchtauto auftauchte.

AP/ Polizei Aachen

Hamburg - Seit mehr als 60 Stunden bewegen sich die als hochgefährlich geltenden Ausbrecher Michael Heckhoff und Peter Michalski in Freiheit. Die Polizei muss tatenlos zusehen, wie die beiden Schwerverbrecher Unbeteiligte als Geiseln nehmen und sich erfolgreich einem angeblich so dichten Fahndungsnetz entziehen.

Am Samstag ließen sie sich von dem Geschäftsführer einer Firma durch das Ruhrgebiet fahren, erst nach Stunden durfte der Mann in Mülheim aussteigen. Zunächst hieß es, auch seine Ehefrau sei entführt worden. Es ist der letzte konkrete Hinweis auf die beiden Flüchtigen. Bis zum Sonntagmorgen fahndete die Polizei nach dem Auto des Ehepaars, mit dem die Ausbrecher geflohen waren. Gegen 11 Uhr wurde der Wagen schließlich in Mülheim an der Ruhr gefunden.

An welchem Ort wollte die Polizei nicht bekannt geben, um zu verhindern, dass die Bevölkerung den Fundort aufsuche. "Es besteht Gefahr für Leib und Leben", sagte ein Sprecher. "Mehr können wir nicht sagen, weil wir die Fahndung nicht gefährden wollen." Die Suche laufe auf Hochtouren, die Spurensicherung untersuche das Fahrzeug. Wann es dort abgestellt wurde, konnte noch nicht geklärt werden.

Die Ermittler scheinen verzweifelt. Aus ermittlungstaktischen Gründen wollen sie weder sagen, wie viele Beamte im Einsatz sind noch mit welchen detaillierten Maßnahmen nach den Männern gesucht wird. "Wir fahnden bundesweit und haben Grenzalarm ausgelöst", sagte ein Polizeisprecher SPIEGEL ONLINE. Die Kontrollen an den Grenzen seien massiv verstärkt worden. Berichte, wonach es Hinweise gebe, dass sich Michalski und Heckhoff nach Belgien oder in die Niederlande absetzen wollen, bestätigte er nicht. "Wir können nicht ausschließen, dass sie sich nach dort absetzen wollen oder es bereits haben."

Die Polizei scheint nicht annähernd zu wissen, wo sich die Flüchtigen aufhalten. "Wir bekommen zahlreiche Hinweise und gehen allen konsequent nach", betonte der Sprecher. Die Bürger seien "sensibilisiert und sehr aufmerksam", dennoch sei wichtig, dass sich die Bevölkerung bei Beobachtungen unauffällig verhalte und entsprechend dezent die Polizei informiere. Michalski und Heckhoff seien zu allem in der Lage, sie seien schwer bewaffnet.

Die Geiseln sind "entsprechend mitgenommen"

Am Donnerstagabend war den beiden 50- und 46-jährigen Männern die Flucht aus dem Hochsicherheitstrakt der Aachener Justizvollzugsanstalt geglückt. Vermutlich haben die beiden seither kaum geschlafen. Die Geiseln, die sie bisher in ihrer Gewalt hatten, seien "zwar körperlich unverletzt, aber entsprechend mitgenommen", erklärte die Polizei.

Am Samstagvormittag hatten die zu Sicherungsverwahrung verurteilten Häftlinge ein älteres Ehepaar in Essen-Werden überfallen und den Mann gezwungen, sie herumzuchauffieren. Gegen 19 Uhr, so ein Polizeisprecher, ließen sie ihn in Mülheim-Saarn wieder frei und flohen mit seinem schwarzen BMW der 5er-Reihe und dem amtlichen Essener Kennzeichen E - PS 1010.

Berichte, der Wagen sei an der A52 am Autobahnparkplatz Auberg zwischen Essen und Düsseldorf an der Ruhrtalbrücke gesichtet worden, bestätigte die Polizei nicht. Ebenso wurde nicht bestätigt, dass sie mit 200 Euro ihrer Opfer und Straßenkarten für die Niederlande flüchteten.

Vor der Geiselnahme in Essen-Werden hatten Heckhoff und Michalski eine 19-Jährige bedroht und gezwungen, sie mit ihrem Auto mitzunehmen. Doch wegen Benzinmangels sei der Wagen in Essen-Kettwig liegengeblieben, die Männer flüchteten daraufhin zu Fuß. Die Schülerin ließen sie unverletzt zurück.

Zu Beginn ihrer Flucht hatten sich die flüchtigen Verbrecher von einem Taxifahrer nach Kerpen-Buir fahren lassen. Dort zwangen sie einen weiteren Taxifahrer, sie nach Köln zu fahren. Beide Fahrer ließen sie in der Nähe des Hauptbahnhofs frei und verschwanden zu Fuß in Richtung Innenstadt.

Ihr mutmaßlicher Fluchthelfer schweigt unverdrossen

Im Gegensatz zu den zur Fahndung verbreiteten Bildern hat Heckhoff inzwischen seinen Oberlippenbart abgenommen. Der einzige Hinweis auf die derzeitige Bekleidung der Ausbrecher: Beide trugen zuletzt identische graue Regenjacken.

Der wegen Mordes verurteilte Peter Michalski und der wegen Mordversuchs und Geiselnahme inhaftierte Michael Heckhoff sind nach Auffassung des Aachener Polizeipräsidenten Klaus Oelze "hochgefährliche Männer - gewaltbereit, gewalttätig und bewaffnet". Gegen beide wurde Sicherungsverwahrung verhängt, so dass sie auch nach Verbüßung ihrer Haftstrafen nicht auf freien Fuß gekommen wären.

Ein Gefängniswärter der JVA Aachen steht unter Verdacht, die beiden wegen Mordes, Mordversuchs und Raubes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilten Männer aus der Haftanstalt herausgeschleust und sie mit schussbereiten Dienstwaffen und Munition versorgt zu haben. Der 40-Jährige sitzt bereits in Untersuchungshaft und verweigere bisher die Aussage, erklärte Sprecherin des nordrhein-westfälischen Justizministeriums, Andrea Bögge. Ihm werden den Angaben zufolge Gefangenenbefreiung im Amt und Verstoß gegen das Waffengesetz zur Last gelegt.

Wie genau die Ausbrecher die insgesamt fünf verschlossenen Türen im Hochsicherheitstrakt überwinden konnten, ist ebenso unklar wie ihr derzeitiger Aufenthaltsort.

jjc



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