Flüchtiger Ausbrecher Fahnder entdecken Michalskis Tasche in Hochhaus

Die Stunden des flüchtigen Schwerverbrechers Peter Michalski in Freiheit scheinen gezählt. In einem Hochhaus in Mülheim wurde seine Tasche mit Wechselkleidung entdeckt. Die Polizei rechnet nun mit einer baldigen Festnahme des bewaffneten Gewalttäters.

AP/ Polizei Aachen

Mülheim/Hamburg - In der Nacht auf Montag richtete die Polizei einen Appell an den flüchtigen Häftling, der bewaffnet ist und als hochgefährlich gilt: "Beenden Sie Ihre Flucht, bevor Menschen zu Schaden kommen!" Doch die Fahnder mussten auch zugeben, dass sie nicht damit rechnen, dass sich Peter Michalski selbst stellt. Der wegen Mordes zu lebenslanger Haft und Sicherungsverwahrung verurteilte 46-Jährige weiß, wie seine Zukunft aussieht - egal ob er geschnappt wird oder sich stellt.

Die Polizei hofft dennoch, Michalski noch am Montag festnehmen zu können. Zuletzt ging ein Hinweis ein, wonach er in Bielefeld gesehen worden sei. "Wir sind dort entsprechend aufgestellt", erklärte eine Polizeisprecherin.

Nach eingegangenen Hinweisen stürmte am Montagmorgen um 0.40 Uhr ein SEK-Team das Iduna-Hochhaus in Mülheim. Dort fand die Polizei eine Tasche, in der sich Wechselkleidung für Michalski, aber auch für Heckhoff befand. Wann sich die beiden Ausbrecher dort aufgehalten haben, wissen die Ermittler noch nicht. Da Heckhoff am Sonntag um 11.03 Uhr festgenommen wurde, gehen sie nicht davon aus, dass ihnen Michalski "knapp entkommen" ist, wie ein Polizeisprecher SPIEGEL ONLINE sagte. Es stehe fest, dass sich Michalski irgendwann in dem Gebäude aufgehalten habe. Wann genau er dort war, sei aber nicht klar.

Einen persönlichen Bezug zu Mietern des Hauses schließt die Polizei nach bisherigen Erkenntnissen aus. Die Tasche sei demnach nicht in einer Wohnung gefunden worden. Details wollte der Sprecher nicht nennen.

Bereits wenige Stunden zuvor, gegen 21.30 Uhr am Sonntag, hatten SEK-Beamte eine leerstehende Augenklinik in der Von-Graefe-Straße in Mülheim gestürmt. Auch dort war Michalski nicht aufzufinden.

Die Fahnder gehen mittlerweile davon aus, dass sich Michalski zwar noch in Nordrhein-Westfalen aufhält, aber nicht mehr im Großraum Essen-Mülheim. Ob er zu Fuß oder mit einem gestohlenen Fahrzeug unterwegs ist, ist unklar. Die Polizei schließt auch nicht aus, dass er sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fortbewegt.

"Die Kollegen geben alles"

Erneut rief die Polizei zu extremer Vorsicht auf. Der noch flüchtige Häftling, der unter anderem nach einem Banküberfall einen Komplizen erschoss, gilt als skrupellos. "Michalski ist weiterhin sehr gefährlich. Seine Vorstrafen zeigen, wozu er fähig ist." Der Druck, unter dem er steht, sei erhöht, da er nun alleine unterwegs sei und die Flucht bereits mehrere Tage andauere.

"Wir hoffen, ihn schnellstmöglich zu finden. Die Kollegen geben alles", so der Polizeisprecher. Wie viele Beamte insgesamt im Einsatz sind, gibt die Polizei nicht bekannt. Am Sonntag befand sich Mülheim allerdings im Ausnahmezustand. Einsatzkräfte riegelten ein Einkaufszentrum in der Innenstadt und diverse Bahnhöfe ab. An den Zufahrtstraßen wurde jedes Fahrzeug angehalten, Polizisten mit Maschinenpistolen und Schutzwesten durchsuchten Innenraum und Kofferraum.

Bei der Fahndung nach Michalski war zudem ein Mann mit dem noch flüchtigen Gewaltverbrecher verwechselt worden. Der Mann habe dem 46-Jährigen sehr ähnlich gesehen, er sei aber nicht festgenommen, sondern nur überprüft worden, sagte ein Sprecher der Polizei Essen.

Nach den letzten Erkenntnissen ist Michalski mit einem weißen T-Shirt und/oder einem beigefarbenen Rollkragenpullover, einem senkrecht gestreiften Hemd, einer blauen Jeans, Treckingschuhen und einer dickeren grauen Jacke oder alternativ mit einem braunen Jackett bekleidet.

"Ihm ist offensichtlich nicht daran gelegen, Menschen zu verletzen"

Der 176 Zentimeter große Mann von hagerer Statur hat eine Halbglatze und trägt einen ungepflegten "Zehntagebart". Er trägt vermutlich eine Tasche aus schwarzem Popelinestoff oder einen grauen Rucksack mit rotem "Völkl"-Aufdruck bei sich. Er könnte sich zur Veränderung seines Aussehens einer Sonnenbrille, einer blauen Mütze mit umgeschlagenem Außenrand oder einer sogenannten Schlägermütze bedienen.

Passanten hatten am Sonntag kurz nach 10 Uhr in einer Seitenstraße in Mülheim den schwarzen Fluchtwagen der Ausbrecher entdeckt und die Polizei alarmiert. Heckhoff konnte eine Stunde später von SEK-Beamten überwältigt werden, als er vermutlich auf dem Weg zu dem Auto war. Heckhoff wurde in Mülheim geboren, soll sich dort bestens auskennen.

Anders Michalski. Die Fahnder hoffen, dass ihnen zugute kommen könnte, dass sich der 46-Jährige nicht ganz so gut im Ruhrgebiet auskennt wie sein festgenommener Komplize.

Nach ihrer Flucht aus dem Hochsicherheitstrakt des Aachener Gefängnisses am Donnerstagabend hatten Michalski und Heckhoff insgesamt fünf Menschen vorübergehend in ihre Gewalt gebracht und sie gezwungen, ihnen zu helfen.

Einen Bericht der "Bild"-Zeitung, wonach Michalski kurz nach der Festnahme seines Komplizen an einer Mülheimer Wohnung klingelte, die Bewohnerin bedrohte und kurzzeitig als Geisel nahm, wollte die Polizei nicht bestätigen.

Ebenso wenig sollte die Angst in der Bevölkerung geschürt werden, betonte ein Polizeisprecher. "Passanten, die Michalski erkennen, sollen sich das nicht anmerken lassen, sondern möglichst cool bleiben, Ruhe bewahren und erst die Polizei informieren, wenn sie sich in Sicherheit befinden."

Die letzten Tage hätten gezeigt, dass dem Ausbrecher offensichtlich nicht daran gelegen ist, Menschen zu verletzen. Alle Geiseln, die er bisher gemeinsam mit seinem Komplizen Michael Heckhoff in seiner Gewalt gehabt habe, seien körperlich unverletzt geblieben.

jjc



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