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Reeder zur Flüchtlingskatastrophe: "Es ist grausam"

Ein Interview von

Gekenterte Flüchtlinge: Crews der Reederei Opielok retteten seit Dezember 1500 Menschen Zur Großansicht
DPA/ Opielok Offshore Carriers

Gekenterte Flüchtlinge: Crews der Reederei Opielok retteten seit Dezember 1500 Menschen

Wenn Flüchtlingsboote im Mittelmeer kentern, werden oft auch deutsche Schiffe zu Hilfe gerufen. Nach der jüngsten Katastrophe schildert der Hamburger Reeder Christopher Opielok unfassbare Zustände - und attackiert die EU.

Zur Person
  • DPA
    Christopher Opielok ist Geschäftsführer der Reederei Opielok in Hamburg. Der 52-Jährige gründete das Unternehmen 1998.
Das Boot hatte ein Handelsschiff angesteuert, die Flüchtlinge hofften darauf, an Bord zu können, gerettet zu werden. Doch ihr Boot kenterte, bis zu 950 Menschen starben in der Nacht zum Sonntag. Durch die Gewässer zwischen Libyen und Lampedusa verlaufen wichtige Routen von Frachtschiffen, häufig sind sie die ersten Helfer, wenn Flüchtlingsboote kentern.

Der Reeder Christopher Opielok erzählt im Interview von der Belastung für seine Crews und erklärt, warum er sich von der Politik im Stich gelassen fühlt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Opielok, Ihre Reederei versorgt mit zwei Schiffen Ölplattformen im Mittelmeer. Seit Dezember waren die Crews mehr als ein Dutzend Mal im Einsatz, um schiffbrüchige Flüchtlinge zu retten. Was ist da passiert?

Opielok: Es haben sich fürchterliche Szenen abgespielt. Sehr viele Leute ertrinken vor den Augen unserer Mannschaften, darunter Babys, die aus Schwimmwesten rutschen. Und auch wenn die Flüchtlinge bei uns an Bord sind, erfrieren sie manchmal, weil sie tagelang auf dem Meer getrieben sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie treffen Ihre Leute auf die Flüchtlinge?

Opielok: Wir werden entweder durch die italienische Küstenwache per Funk zu einer bestimmten Stelle beordert - oder die Flüchtlingsboote peilen uns direkt an. Wir gehen davon aus, dass die Schlepper unsere Koordinaten kennen. Meist passiert das in einem Areal, das etwa 50 bis 60 Kilometer von der libyschen Küste entfernt ist.

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SPIEGEL ONLINE: Wie verläuft eine Rettung?

Opielok: Wenn die Schiffbrüchigen im Meer treiben, lassen wir Rettungsinseln und Rettungsboote zu Wasser, um die Menschen rasch zu uns an Bord zu holen. Einem Flüchtlingsschiff nähern wir uns von der Seite und rollen Kletternetze ab. Beim Umstieg aber kommt es oft vor, dass zu viele auf die rettende Seite drängen und das völlig überladene Boot umkippt. Die Starken überleben dann. Die Schwachen unter Deck ertrinken. Es ist grausam.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Menschen können Sie aufnehmen?

Opielok: Die Crew - 12 bis 14 Mann - versorgt die Flüchtlinge mit Proviant, mit Decken und Kleidung. Insgesamt haben wir Platz für bis zu 500 Flüchtlinge. Die übergeben wir dann später der Küstenwache oder bringen sie direkt zum Flüchtlingslager auf der Insel Lampedusa. Es ist unsere selbstverständliche Pflicht zu helfen. Aber wir sind weder darauf vorbereitet noch darauf ausgelegt - und die Vorfälle lähmen uns mehr und mehr.

SPIEGEL ONLINE: Woran macht sich das bemerkbar?

Opielok: Ich habe mehrere Kündigungen bekommen, Crewmitglieder weigern sich, wieder im Mittelmeer zu fahren. Die Seeleute leiden nicht nur unter der psychischen Belastung, sie begeben sich auch in Lebensgefahr. Die Flüchtlinge sind manchmal aggressiv, es ist ungewiss, ob einige an schweren Krankheiten leiden. Die Ansteckungsgefahr ist da, auch wenn die Matrosen Handschuhe und Atemschutzmasken tragen.

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich aus Ihrer Sicht der Katastrophe begegnen?

Opielok: Die EU ist zuständig. Es ist unfassbar, dass sie einfach nur zusieht. Wir brauchen in erster Linie Unterstützung vor Ort durch die Bundesmarine und die militärischen Flotten anderer EU-Staaten, die wesentlich besser ausgerüstet sind. In zweiter Linie muss langfristig der libysche Küstenabschnitt durch eine militärische Eingreiftruppe abgesichert werden, um den Schleusern die Basis für ihr mörderisches Geschäft zu entziehen.

SPIEGEL ONLINE: Es ist fraglich, ob ein solches Mandat mit internationalem Recht vereinbar wäre.

Opielok: Zumindest muss die Staatengemeinschaft mehr eigene Schiffe ins Mittelmeer entsenden. Es kann nicht sein, dass die Reeder für die Versäumnisse der Politik geradestehen müssen. Allein der finanzielle Verlust, den wir durch die Rettungsaktionen erleiden, beläuft sich auf mehrere Hunderttausend Euro.

Im Video: Kapitän des havarierten Flüchtlingsbootes verhaftet

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insgesamt 202 Beiträge
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1. Danke
bellfleurisse 20.04.2015
Herr Opielok. Es ist einfach nur dreist, dass Reedereien zu diesen Aufgaben herangezogen werden. Die Besatzung ist nicht dafür ausgebildet und noch dreister finde ich die, für mich natürlich neue, Tatsache, dass Sie nicht einmal adäquat entschädigt werden.
2. Vielleicht dämmert es jetzt
ficino 20.04.2015
auch dem letzten Verfechter des unsäglichen Libyen-Einsatzes und allen sonstigen militärischen Interventionisten, welche Büchse der Pandora man hier für kriminelle Schleuserbanden und skrupellose Djihadisten geöffnet hat. Erst großes Hurra ... und dann läßt man die betroffenen Staaten und ihre neuen Regierungen, in diesem Fall die libysche, mit all ihren Sicherheits- und sonstigen massiven Problemen einfach im Regen stehen. Die Dämme sind nun gebrochen und die "Festung Europa" wird durch die leidgeprüften Menschen durch die offenen libyschen Grenzen gestürmt werden, denn die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Es war zu erwarten und schmerzt darum nur um so mehr ...
3. Ja, es ist grausam!
Inselbewohner, 20.04.2015
Herr Opielok hat vollkommen Recht! Da werden Handelmatrosen als Seenotretter mißbraucht und man kann es den Matrosen nicht verübeln wenn sie abmustern. Würde ich auch tun. Jetzt wird "erwägt" mehr Schiffe auf den Routen der Schlepperkähne ein zu setzen. Was mich interessiert, werden diese Reeder und die Matrosen eigentlich entschädigt? Es handelt sich ja nicht um eine normale Seenotrettung sondern eine bewußt inszenierte Erpressung seitens der Illegalen. Als es vor Somalia darum ging Handelsrouten zu sichern und die Piraten dort zu bekämpfen war man zur Stelle aber es geht hier ja nur um Menschen. Ich hoffe nur, dass man die Illegalen rettet und zurück schafft. Gruß HP
4. Kindern beim Sterben zusehen..
birgerhemkendreis 20.04.2015
Es ist unglaublich,wenn man den Helfer im Fernsehen hört, der beschreibt, wie er immer wieder über Funk um Hilfe bittet, während Frauen und Kinder im Meer schwimmen und nach und nach ertrinken. Die Hilfe kam 6 Stunden später...! Es ist einfach kein Interesse der Europäer da, diese Menschen zu retten...Wenn ich schon unsere Politiker von fehlender Abschreckung reden höre, könnte ich brechen...
5.
quark@mailinator.com 20.04.2015
"Es ist fraglich, ob ein solches Mandat mit internationalem Recht vereinbar wäre." Dann sollte man dieses Recht vielleicht anpassen ... Hier zeigt sich mal wieder, in welche Lage man als Unternehmer kommen kann. Ggf. verliert man einfach alles und die uns regierenden Millionäre waschen ihre Hände in Unschuld.
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