Handel mit Dokumenten Warum Flüchtlinge ihre Identitäten verkaufen

Im Internet machen Flüchtlinge ihre deutschen Dokumente zu Geld. Die Behörden stehen dem Handel mit Identitäten weitgehend machtlos gegenüber. Jetzt fordert ein Innenpolitiker harte Sanktionen.

Reiseausweis für Flüchtlinge
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Reiseausweis für Flüchtlinge

Von , Tarek Khello und


Irgendwann wollte Hassan Rahimi* zurück, so erzählt er es. Zurück nach Syrien, in die Heimat, zu seiner Frau und den zwei Söhnen. Sie darbten in dem verwüsteten Land. Rahimi sah sich als Flüchtling in Deutschland gescheitert. Die Familie durfte er nicht nachholen, einen Job bekam er nicht. Die Hoffnungen, die ihn Anfang 2015 zur Flucht bewogen hatten, waren zerstoben.

Und so setzte sich der 35-Jährige an einem Sommertag 2017 in Berlin-Tegel in ein Flugzeug nach Thessaloniki, Griechenland. Dort angekommen, vertraute er sich einem Schleuser an. Der Mann sollte ihn in die Türkei bringen, das Transitland - wie auf dem Hinweg.

"Verkauf deine Papiere!"

In die Türkei darf ein Flüchtling, der wie Rahimi in Deutschland anerkannt wurde, nicht ohne weiteres einreisen. Und so gab der Schlepper Rahimi noch vor der grünen Grenze einen Rat: "Verkauf deine Papiere!" Die deutschen Dokumente, Flüchtlingsausweis und Flüchtlingspass, die AOK-Karte. Um sich zu verleugnen, falls plötzlich Grenzer auftauchen sollten. Und um Geld zu machen.

Rahimi tat wie ihm geheißen. Er schickte die Papiere per Post an seinen Cousin, der in Leipzig lebt. Und der verkaufte sie weiter an einen Fremden. Für 1500 Euro. Rahimi bekam die Summe später nachgeschickt. Da war er bereits wieder in Syrien.

Der Handel mit echten Flüchtlingspapieren floriert - vor allem über das Internet. Bei Facebook existieren Gruppen, in denen sich Anbieter und Abnehmer treffen, sie verhandeln in der Regel auf Arabisch. "Garagen für Rückwanderung" heißt eine Gruppe, "Syrische Verwestlichung - wir kehren zurück" eine andere. "Wer einen Reisepass zu verkaufen hat, schreibe mir bitte privat", so ein Nutzer.

An anderer Stelle erzählt ein potenzieller Verkäufer, er sei vor vier Tagen in der Türkei angekommen. "Ich habe eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre, mit Reisepass und AOK-Karte." Bei Interesse sei das Paket aus deutschen Papieren für 1000 Dollar zu haben. Entscheidend sei, dass sich das Foto auf den Dokumenten verwenden ließe. Ein Käufer müsse ihm ähnlich sehen. Sonst sei die Gefahr zu groß, mit den Papieren aufzufliegen.

Behörden wissen Bescheid

Den deutschen Sicherheitsbehörden ist das Phänomen seit einiger Zeit bekannt. In einer vertraulichen Analyse der Bundespolizei, die dem SPIEGEL vorliegt, heißt es: "Insbesondere deutsche Reisedokumente werden in den sozialen Medien zum Verkauf angeboten." Dabei handele es sich in der Regel um Papiere "anerkannter Asylbewerber".

Vor allem Syrer hätten seit Ende 2016 in der Türkei immer häufiger den angeblichen Verlust ihrer europäischen Flüchtlingsdokumente in den Botschaften der EU-Staaten angezeigt, so die Behörde. Es werde vermutet, "dass die Reisedokumente verkauft oder anderweitig weitergegeben wurden". Käufer der Papiere sind demnach am häufigsten andere Syrer, die nach Deutschland flüchten wollen.

Vor allem in Griechenland würden derartige Dokumente gehandelt, so die Polizei in ihrer internen Analyse. Von dort lassen sich mit den Papieren ohne weitere Grenzkontrollen Flugzeuge besteigen, die nach Stockholm, Frankfurt oder Amsterdam fliegen. Laut Bundespolizei erhöhte sich die Zahl der festgestellten illegalen Einreisen mit Flugzeugen von neun Prozent im Jahr 2016 auf 22 Prozent im Jahr 2017. Hauptabflugland sei Griechenland gewesen, heißt es.

Einfache Masche

Die Masche ist demnach ziemlich einfach: In Deutschland anerkannte Flüchtlinge reisen Richtung Türkei. Irgendwo auf dem Weg verkaufen sie ihre Papiere, beantragen bei deutschen Konsulaten Ersatz - wenn sie in ihr Gastland zurückkehren wollen - oder setzen wie Hassan Rahimi die Reise in ihre Heimat ohne Dokumente fort.

Die Käufer der Unterlagen nutzen diese wiederum, um nach Deutschland zu gelangen. Immer häufiger fällt dieses Vorgehen den Behörden auf. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums stellte die Bundespolizei im vergangenen Jahr 554 Fälle fest (2016: 460), in denen echte Dokumente zur unerlaubten Einreise nach Deutschland genutzt worden waren. Davon stammten 100 Dokumente aus Deutschland, 99 aus Italien und 52 aus Frankreich, gefolgt von Schweden, Griechenland und Belgien.

Vertrauliche Informationen

Nach SPIEGEL-Informationen trafen sich daher bereits im Oktober 2017 Vertreter der Schengen-Staaten und der europäischen Grenzschutzagentur Frontex in einem deutschen Generalkonsulat in der Türkei. Fast alle Teilnehmer hatten ähnliche Erfahrungen gemacht. Als erstes Land in Europa bemerkte Schweden schon 2015, dass mit richtigen Ausweisen auch die falschen Menschen einreisen konnten.

Im vergangenen Herbst identifizierte Europol dann im Rahmen einer großangelegten Aktion Hunderte Social-Media-Konten, über die auch Dokumente gehandelt wurden. Dort boten Menschen echte Pässe ab 500 Euro, Ausweise ab 200 Euro und Führerscheine ab 150 Euro an.

Laut Europol wurden zuletzt auch immer mehr gefälschte oder missbräuchlich verwendete Dokumente an Flughäfen sichergestellt. Deshalb schickte die Bundespolizei sogenannte grenzpolizeiliche Unterstützungsbeamte an die Flughäfen Athen und Thessaloniki, die illegale Einreisen nach Deutschland verhindern sollen.

Masche von Terrorverdächtigen

Doch nicht immer gelingt das. In wenigen Fällen, die dem Bundeskriminalamt bekannt geworden sind, bedienten sich sogar Terrorverdächtige deutscher Flüchtlingsausweise, um mit falschen Identitäten in die Bundesrepublik zu gelangen. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums handelte es sich dabei sowohl um Syrer und Iraker, die wohl terroristischen Organisationen angehört hatten, als auch um zuvor ausgereiste Dschihadisten, die nach Deutschland zurückkehrten. Nach SPIEGEL-Informationen ist auch der Verfassungsschutz bemüht, in einer Reihe von Fällen die wahren Identitäten derjenigen zu klären, die sich bei ihrer Einreise der Dokumente anderer Flüchtlinge bedient hatten.

In den Fällen aber, in denen es nicht um Terrorismus geht und die weniger intensiv bearbeitet werden, versprechen echte Dokumente dauerhaft eine perfekte Legende zu sein. "Das ist, als existierten Sie plötzlich doppelt", sagt ein hochrangiger Kriminalbeamter. "Wenn Sie die vollständige Identität eines anderen annehmen können, weil sie alle relevanten Dokumente besitzen, wird das nur in wenigen Fällen überhaupt auffallen."

Der Kriminalist verweist auf das Beispiel der rechtsextremen Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund", dessen mutmaßliche Mitglieder sich jahrelang der Papiere einiger Gesinnungsgenossen bedienen konnten: Führerscheine, Krankenkassenkarten, Personalausweise. Jahrelang lebten die abgetauchten Neonazis unbehelligt im Osten Deutschlands.

CDU-Mann fordert Sanktionen

Nach Auskunft des Düsseldorfer Flüchtlingsministeriums nehmen Beamte Asylbewerbern zwar bei ihrem ersten Behördenkontakt Fingerabdrücke ab. Diese werden jedoch in der Folge nicht wieder abgeglichen. Erst wenn neue Dokumente beantragt werden, sind frische Fingerabdrücke fällig. So lange können Flüchtlinge theoretisch mit der Identität eines anderen in Deutschland leben - oder sie beantragen direkt unter einem anderen Namen Asyl, nachdem sie eingereist sind.

Die Sachbearbeiter der Ausländerbehörden hätten doch die Möglichkeit, teilt das Innenministerium in Berlin mit, die Passfotos in den Dokumenten mit den Menschen vor ihren Schreibtischen zu vergleichen. Nach offiziellen Angaben ist es den Ausländerbehörden in Nordrhein-Westfalen aber noch nicht "in größerem Umfang" aufgefallen, dass sich Asylbewerber der Papiere anderer bedienten.

Der CDU-Innenpolitiker Armin Schuster, Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums im Bundestag, fordert gleichwohl scharfe Sanktionen für Betrüger. "Jeder Flüchtling, der sich an einem Passhandel beteiligt, hat sein Gastrecht verwirkt", sagte Schuster dem SPIEGEL. In diesem Fall müsse es "eine beschleunigte Form der Abschiebung geben". Laut Bundespolizei-Analyse haben die Deals mit Dokumenten aber in der Praxis so gut wie nie ausländerrechtliche Konsequenzen für die Beteiligten.

Der Syrer Hassan Rahimi bereut seine Heimkehr inzwischen. Er denkt darüber nach, sich in der Türkei bei der Botschaft zu melden, um wieder nach Deutschland reisen zu können. Diesmal mit seiner Familie. Falls man ihn fragen sollte, wo seine Papiere seien, weiß er, was er antworten wird: "Ich habe sie verloren."

Video: Jagd auf Passfälscher - Bundespolizei in Lagos

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*Name geändert



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