Flucht über das Mittelmeer Wie Schleuser die griechischen Inseln nutzen

Griechenland ist eines der größten Tore für illegale Einwanderung nach Europa. In einem vertraulichen Bericht analysiert die Bundespolizei die Lage. Schleuser verdienen mit der Flucht horrende Summen.

Flüchtlinge an der Küste von Kos (Archivfoto)
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Flüchtlinge an der Küste von Kos (Archivfoto)

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Wenn Menschen nach Europa flüchten, führt ihr Weg nach Erkenntnissen deutscher Sicherheitsbehörden sehr häufig über Griechenland. Die Bundespolizei bezeichnet Griechenland in einer vertraulichen Analyse als "eines der wichtigsten Drehkreuze illegaler Migration" und "einen Brennpunkt der Schleusungskriminalität" innerhalb Europas. In der Region herrsche ein "hoher Migrationsdruck", weil in der benachbarten Türkei fast vier Millionen registrierte Flüchtlinge lebten - mehr als in jedem anderen Land der Welt. Die meisten von ihnen stammen demnach aus Syrien.

Im vergangenen Jahr erreichten laut Bundespolizei fast 30.000 Migranten die griechischen Inseln über das Meer, vor allem in der zweiten Jahreshälfte. Das führen Experten auch auf eine erhöhte Aktivität von Schleusern nach der Rückeroberung Rakkas zurück, der einstigen Hochburg des "Islamischen Staats".

Der Analyse zufolge kamen allein im September und Oktober 2017 täglich durchschnittlich 144 Flüchtlinge auf den griechischen Inseln an, die meisten aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) geht von 54 Menschen aus, die 2017 in der Ägäis starben oder verschwanden.

Schleuser steuern gezielt Inseln an, deren Aufnahmezentren überfüllt sind

An der Flucht verdienen nach Erkenntnissen deutscher Behörden Schleuser, die die Überfahrten organisieren. So soll dem Bericht zufolge allein eine im türkischen Izmir tätige Bande zwischen September und Dezember 2017 insgesamt 460 Flüchtlinge auf die Inseln Samos, Chios und Lesbos gebracht und dafür etwa 180.000 US-Dollar kassiert haben - knapp 400 Dollar pro Person. Auch die Unglücksfahrt, deren Schicksal ein SPIEGEL-Team rekonstruiert hat, startete in Izmir und mithilfe dortiger Schleuser.

Die Schlepper wählen der Analyse zufolge bewusst griechische Inseln aus, deren Aufnahmezentren für Flüchtlinge überfüllt sind. Wegen dieses Notstands würden die Menschen häufig aufs griechische Festland gebracht, was "die Möglichkeit der einfacheren Weiterreise nach Westeuropa" eröffne, so die Bundespolizei. Dieses Vorgehen der griechischen Behörden erweise sich daher "zunehmend als Pull-Faktor für die illegale Migration aus der Türkei", heißt es in dem Bericht. Damit verstärkt die vielfache Verlegung der Flüchtlinge auf das Festland - im vergangenen Jahr betraf das mehr als 26.000 Menschen - illegale Einwanderung.

Auf den Inseln sind Staat und Einheimische gleichermaßen mit dem Ansturm der Hilfesuchenden überfordert. (Lesen Sie hier eine Reportage dazu.)

Flüchtlinge in einem verlassenen Hotel auf Kos (Archivfoto)
DPA

Flüchtlinge in einem verlassenen Hotel auf Kos (Archivfoto)

Im SPIEGEL-Interview berichtete der Leiter der Asylbehörde auf Lesbos vor einiger Zeit, unter welchem Druck seine Leute arbeiten müssten: "Viele stehen kurz vor dem Burn-out", sagte er. Dem Bericht der Bundespolizei zufolge findet eine Rückführung der Flüchtlinge in die Türkei, wie sie im Abkommen der Europäischen Union im März 2016 mit Ankara vereinbart worden war, so gut wie nicht statt.

Die Weiterreise vom griechischen Festland aus erfolgt nach Erkenntnissen deutscher Stellen häufig ebenfalls mithilfe von Schleusern. Nach der Schließung der Balkanroute setzen die Kriminellen nun häufiger als früher darauf, Migranten versteckt in Lastwagen, Autos oder Zügen zu transportieren.

Andere nutzten falsche Ausweisdokumente, um etwa an Bord von Billigfliegern von Griechenland aus in andere Länder im Schengenraum zu reisen. Illegale Migration über Griechenland nach Europa, analysiert die Bundespolizei, halte weiterhin an.

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