Schießerei im Frankfurter Rockermilieu Eskalation unter Brüdern

Nach den Schüssen in der Frankfurter Innenstadt geht die Polizei von einer blutigen Fehde bei den Hells Angels aus. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen fahndet sie nach einem langjährigen Mitglied der Rocker.

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In der Frontscheibe des weißen Mercedes-Geländewagens, dessen Gelnhausener Kennzeichen auf der bei Hells Angels beliebten Zahlenkombination 81 endet, klaffen vier Einschusslöcher. Genau dort, wo der Beifahrer Munis H. gesessen haben muss. Der 41-Jährige wurde schwer verletzt, ebenso der Fahrer des Autos, der 20-jährige Emir K. Die Frage ist: warum?

Am Vatertag gegen 16.45 Uhr fielen die Schüsse auf dem Friedrich-Stoltze-Platz in der Frankfurter Innenstadt. Augenzeugen sprachen später davon, dass ein Dutzend Mal geschossen worden sei. Als Schützen benannten sie einen oder zwei Männer, die in einer Szenebar gesessen hatten und aufgesprungen waren, als sie den Mercedes sahen. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtete am nächsten Tag von einer "blutigen Machtdemonstration".

Der gewaltsame Konflikt - auf offener Straße ausgetragen - scheint sich tatsächlich zwischen Männern abgespielt zu haben, die einmal "Brüder" zu sein vorgegeben hatten. Munir "Belo" H. gehörte längere Zeit den Hells Angels "Nomads Turkey" an, einer Rocker-Gruppierung von sehr zweifelhaftem Ruf um den früheren "Paten von Köln", Necati Arabaci.

"Man ging sich aus dem Weg"

Bei einem Tatverdächtigen hingegen soll es sich nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen um Denis T., 35, handeln. Nach ihm wird gefahndet. Spezialeinsatzkräfte durchsuchten am vergangenen Freitagmorgen seine Wohnung im Frankfurter Westen, doch T. war nicht dort. Der 35-Jährige gehörte schon 2011 dem Hells-Angels-Ableger "Frankfurt" an. Damals verbot der hessische Innenminister Boris Rhein (CDU) den Club, weil "der Zweck und die Tätigkeit des Vereins den Strafgesetzen zuwiderlaufen", wie es in der Verfügung hieß.

Mit den Schüssen vom Vatertag scheint nun der seit geraumer Zeit bei den Hells Angels schwelende Konflikt zwischen Traditionalisten und jungen Wilden wiederaufzuflammen. (Lesen Sie hier die Hintergründe zum "Bruderkrieg".) Und Frankfurt könnte erneut zum Schauplatz ihrer brutalen Hahnenkämpfe werden.

Denn am Main stehen sich mit dem Chef des verbotenen Hells-Angels-Charters "Westend", Walter Burkard, und Arabacis Vertrautem, Aygün M., die beiden Anführer der verfeindeten Parteien fast täglich auf den Füßen. Im Juli 2014 schoss ein "Westend"-Rocker den Rivalen M. vor dem Katana-Club im Bankenviertel nieder. Notwehr - urteilte ein Gericht. Doch seither sind die Gräben tief, auch wenn die Höllenengel zuletzt zu einer Form der friedlichen Koexistenz gefunden zu haben schienen. "Man ging sich aus dem Weg", sagt ein Beamter.

Aus den Reihen der Hells Angels heißt es, es gebe auch jetzt keinen neuen Konflikt. Der angeschossene H. habe nichts mit Aygün M. zu tun. Dagegen spricht allerdings, dass sich noch am Abend des Vatertags etwa 60 Männer vor der Klinik versammelten, in der Munis H. behandelt wurde. Wie aus einem Lagebericht hervorgeht, rechnet die Polizei die Besucher dem Gießener Charter um Aygün M. sowie den mit diesem verbündeten Banden "Osmanen Frankfurt" und "Lions Fight Club" zu.

"Es hätte viel schlimmer ausgehen können"

Die vor knapp einem Jahr gegründete Gang "Osmanen Box-Club" beunruhigt die Behörden derzeit massiv. In einer vertraulichen Analyse prognostiziert die Polizei, dass es bei einem weiteren vehementen Auftreten der Osmanen zu Konflikten mit etablierten Rockern wie den Hells Angels und den Bandidos kommen könnte. Dabei sei zu erwarten, "dass Waffen eingesetzt werden". Eine "Gefährdung von Unbeteiligten" sei möglich, heißt es in dem Papier.

Die Rockergang Osmanen stammt aus Hessen, hat viele Mitglieder mit türkischen Wurzeln und gilt als diejenige Gruppe, die derzeit am schnellsten wächst. Nach Erkenntnissen der Behörden gehören ihr inzwischen mehr als 700 Männer an 22 Standorten in Deutschland an. Kriminalisten gehen davon aus, dass sich die meist polizeibekannten Männer einen Anteil an illegalen Geschäften sichern wollen, an denen konkurrierende Rocker derzeit beteiligt sind.

Auch die Schießerei vom Vatertag könnte eine kalkulierte Eskalation zwischen Konkurrenten gewesen sein. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft müssen der oder die Täter vor der gut besuchten Bar auf den Wagen gewartet haben: Ein Schütze sei direkt auf das Auto zugegangen und habe geschossen, so die Sprecherin der Behörde, Nadja Niesen. Dass niemand von den vielen unbeteiligten Menschen auf dem Platz verletzt wurde, war nach Einschätzung der Polizei reines Glück. "Es hätte viel schlimmer ausgehen können", sagte ein Beamter.

Die Ermittler fahndeten zunächst nach einem schwarzen Kombi und einem ebenfalls schwarzen Motorrad vom Typ Honda Gold Wing. Damit könnten die Schützen geflohen sein. Offenbar ist es derzeit nicht nur um die vermeintliche Brüderlichkeit der Hells Angels schlecht bestellt. Auch ihre Treue zu Harley-Davidson-Maschinen könnte gelitten haben.

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Jörg Diehl ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Joerg_Diehl@spiegel.de

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