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Ermittlungen gegen Jugendamt: Kind gerettet, Mutter tot

Von , Frankfurt

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Frankfurter Nordend

Mitarbeiter des Jugendamtes Frankfurt am Main nahmen ein Kind in Obhut, brachten es in Sicherheit. Kurz darauf wurde die Mutter des Jungen getötet. Trug die Behörde auch Verantwortung für das Leben der Frau?

Hätte ihr Freund nicht gestanden, ihren Leichnam in den Hausmüllcontainer geworfen zu haben, der gewaltsame Tod von Jessica B. wäre womöglich nie aufgedeckt worden. Die junge Mutter, 22 Jahre alt und drogenkrank, war zuvor immer mal wieder ausgerissen. Sie schlich sich aus ihrer Verantwortung, flüchtete sich in den Rausch, ließ ihren einjährigen Sohn Leon allein beim ebenfalls süchtigen Vater.

Jessica B. war alles zu viel. Die Fürsorge um das Kind, die Organisation des Alltags, ihr Leben, das bestimmt war von ihrer Sucht. Sie sei froh, wenn sie am Tag einmal auf Toilette gehen könne, sagte sie im Juni 2015. Dann verschwand sie, ihre Eltern meldeten sie am 8. Juli als vermisst.

Ihr Lebensgefährte, Leons Vater, wurde festgenommen, er gestand, Jessica B. getötet zu haben, ein Motiv nannte er nicht. Seit dem 15. Juli sitzt er in Untersuchungshaft, er hat sein Geständnis widerrufen und schweigt. Die Polizei ließ erst ein Müllheizkraftwerk, später eine Schlackeaufbereitungsanlage durchsuchen, größtenteils per Hand, bis die Leiche der jungen Mutter dort gefunden wurde.

Der Absturz der Jessica B.

Jessica B.s Eltern haben nun Anzeige erstattet gegen zwei Mitarbeiterinnen des Jugendamtes Frankfurt am Main Bornheim wegen Körperverletzung mit Todesfolge im Amt durch Unterlassen. Die Behörde hatte sich um das Wohl des Sohnes Leon gekümmert, den Jungen aus der Familie genommen, ihn in Sicherheit gebracht.

Hatte das Amt auch Verantwortung für Leons Mutter Jessica B.? Inwieweit hat eine Behörde eine Garantenpflicht, nicht nur für das Kind, auch für dessen Familie? Fragen, die die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main zu klären hat. "Zum gegenwärtigen Zeitpunkt machen wir keine Angaben zu dem Verfahren", sagt ein Sprecher.

Fest steht: Nicht nur der kleine Leon war dem Jugendamt bekannt. Im Jahr 2007 begann die Behörde mit der Betreuung seiner Mutter Jessica B., damals 14 Jahre alt. Ein kaputtes Mädchen, süchtig nach Cannabis und Amphetaminen, das in eine stationäre Einrichtung kam, aus der es floh, kurz bevor es volljährig wurde. Jessica B. stürzte ab in die Obdachlosigkeit, fing sich wieder und verrannte sich in der Beziehung zu Jozsef S., von dem sie schwanger wurde.

Ohne Perspektive

Zwölf Tage vor der Geburt riefen Nachbarn die Polizei: Der werdende Vater sei auf seine hochschwangere Freundin losgegangen. Jessica B. und Jozsef S. behaupteten gegenüber den Einsatzbeamten jedoch, es habe sich lediglich um eine verbale Auseinandersetzung gehandelt, ein privater Streit ohne Handgreiflichkeiten. Die Polizisten notierten, bei der Frau seien zwar keine Verletzungen festgestellt worden, sie schickten jedoch eine Kinderschutzmeldung ans Jugendamt im Hinblick auf das Ungeborene.

Die Behörde nahm wieder Kontakt zu Jessica B. auf, und diese beantragte daraufhin Hilfe zur Erziehung ihres Kindes. Im August 2014 wurde Leon geboren.

Das Leben der kleinen Familie geriet aus den Fugen. Im November 2014 installierte das Jugendamt eine sozialpädagogische Familienhilfe. Jessica B. war haltlos und überfordert, das Verhältnis zu Jozsef S., der sie mit einem Messer bedroht haben soll, instabil und unstet. Die 22-Jährige sollte lernen, ein verantwortungsvolles Leben für sich und Leon zu führen. Ziel des Jugendamtes: Aus Jessica B. sollte eine gewissenhafte Mutter werden mit geklärtem Verhältnis zum Vater ihres Kindes - mit beruflichen Perspektiven und ohne Drogen.

Vor allem Letzteres: ein hehres Ziel. Jessica B. bekam trotz Erziehungshilfen und Drogenberatungen ihre Sucht nicht in den Griff, die regelmäßigen Drogentests schreckten sie nicht ab. In einer Probe vom 21. April 2015 wurden außer Cannabis auch Kokain und Amphetamine nachgewiesen.

Der überforderte Vater

Da waren die Mitarbeiter des Jugendamts bereits am Limit: Jessica B. verhielt sich eigensinnig, uneinsichtig. Sie weigerte sich, den Kontakt zu ihren drogenabhängigen Freunden abzubrechen. Der vorgesehene Schutzplan für Leon war gefährdet, mit ihm das Kindeswohl.

Anfang Mai brach Jessica B. die Drogenberatung ab, schwänzte die Urinkontrollen, verweigerte den Kontakt zur Erziehungshilfe und tauchte ab. Nach dem 11. Juni war sie nicht mehr zu erreichen. Die zuständige Mitarbeiterin des Jugendamtes schlug Alarm: Mit einem Kollegen plante sie einen unangemeldeten Hausbesuch im Frankfurter Nordend. Leon sollte in Augenschein genommen werden und wie seine Mutter eine Haaranalyse und Urinkontrolle in der Rechtsmedizin abgeben.

Am 18. Juni klingelten die Amtsangestellten. Jessica B. war nicht zu Hause, Jozsef S. verweigerte den Zutritt zur Wohnung. Sie holten die Polizei hinzu, betraten dann eine verdreckte, verwahrloste, völlig verrauchte Wohnung, nicht kindgerecht gesichert, mit Essensresten auf dem Boden. Der Vater des Jungen war völlig ahnungslos, wo sich die Mutter herumtrieb. Jessica B. neige dazu, vor ihren Problemen davonzulaufen, sagte er. Er selbst sei mit der Versorgung des Sohnes als auch mit der seiner Freundin überfordert. Das Amt nahm Leon in seine Obhut.

Die Vorwarnung

Zu einem Gespräch am nächsten Tag erschien Jessica B. plötzlich. Sie räumte ein, noch immer täglich Cannabis zu konsumieren, manchmal auch Amphetamine. Von Leons Vater sei sie längst getrennt, bei künftigen Besuchen ihres Kindes wolle sie ihn nicht dabei haben. Jozsef S. gab bei dem Gespräch zu, seit einem kurzzeitigen Haftaufenthalt Ende 2014 doch nicht clean zu sein.

Für das Jugendamt war der Fall klar: akute Kindeswohlgefährdung, Leon blieb in der Pflegefamilie. Die Behörde prüfte die Unterbringung der jungen Mutter gemeinsam mit ihrem Sohn in einer stationären Einrichtung. Die Zweifel, inwieweit beide Eltern in der Lage seien, nur jeder für sich zu sorgen, waren immens. Ein Erziehungsfähigkeitsgutachten sollte Aufschluss geben.

Elf Tage nach dem Treffen mit Leons Eltern wandte sich Jessica B., begleitet von ihrer Mutter Caroline, an Rechtsanwältin Britta Weber. Sie habe Angst um ihr Leben, sie fürchtete einen Angriff durch Jozsef S., der ihr angedroht habe, ihr oder Leon etwas anzutun, wenn sie ihn verlasse.

Acht Tage später war sie tot.

"Hätte das Amt sein Einverständnis zum Einzug in eine Mutter-Kind-Unterkunft gegeben, würde Jessi noch leben", sagt Frank Schrodt, "Medienberater" der Familie B. und Sprachrohr von Anwältin Weber.

Die Zweifel des Jugendamts

Die Mitarbeiter des Jugendamtes hatten jedoch Zweifel, was eine Unterbringung angeht: Mutter und Kind wären zwar unter der Aufsicht einer Familie untergebracht gewesen, räumlich aber von dieser getrennt - im Haus gegenüber, mit einem separaten Eingang. Das Amt suchte deshalb nach einer Alternative. Und das kann nach einer Inobhutnahme dauern, denn das Wichtigste war geschehen: Das Kind war in Sicherheit.

Zudem soll Jessica B. mehrmals gefragt haben, ob auch Leons Vater in der Einrichtung wohnen könne. "Die Jessi war abhängig von diesem Mann", sagt Schrodt und spricht von Garantenpflicht, der Pflicht, die das Jugendamt (Garant) gegenüber einer zu schützenden Person hat. "Das Jugendamt hat den Auftrag, nicht nur das Kind zu schützen, sondern die ganze Familie", sagt Schrodt.

Hat es das? Richtig ist, dass die Garantenstellung des Jugendamtes ein Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung ist, ein Auftrag, der sich aus dem Grundgesetz ableitet. Das Jugendamt ist demnach berechtigt, einzugreifen und zu handeln, wenn ein Kind in Gefahr ist - aber gilt das auch für die Eltern eines Kindes?

Warum wandten sich Jessica B. und ihre Eltern nicht an die Polizei? Sie hätte auch bei Gericht ein Annäherungs- oder Kontaktverbot erwirken können. "Polizei und Justiz sind bei dieser Familie immer das letzte Mittel", sagt Schrodt.

Leon ist noch immer in einem Heim untergebracht. Dreimal in der Woche, je drei Stunden, dürfen Jessica B.s Eltern ihren Enkel besuchen. Sie hoffen, dass er bald in ihre Obhut gegeben wird.

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